1083
Odes on the Red Cliffs
Überblick↑
Bei dem Werk Oden auf den Roten Felsen (赤壁賦, Chibi fu) handelt es sich um ein Prosagedicht in zwei Teilen. Es stammt von Su Shi (蘇軾), einem Gelehrten, Dichter, Maler und Kalligraphen der Song-Zeit, und entstand 1083. Erzählt werden zwei Bootsfahrten, die der Verfasser mit Freunden auf dem Jangtsekiang unternahm, an jener Stelle, wo der Kriegsherr Cao Cao einst in der Schlacht am Roten Felsen geschlagen wurde. Das Werk ist ein Lob der Natur und trägt deutlich die Spuren daoistischen Denkens. Su Shi hat den ersten Teil selbst auf eine Papierrolle kalligraphiert; diese wird heute im Nationalen Palastmuseum in Taipeh aufbewahrt.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Den Anlass bildet eine Bootsfahrt auf dem Jangtsekiang, im Herbst, in einer Vollmondnacht. Su Shi ist mit Freunden unterwegs, dort, wo Jahrhunderte zuvor die Schlacht am Roten Felsen stattfand und Cao Cao unterlag. Ein leichter Wind weht, zu schwach, um die Wellen zu bewegen; die Stimmung ist ruhig und friedlich. Der Dichter lädt seine Gefährten zu einem Becher Wein ein und trägt ein Gedicht an den leuchtenden Mond vor.
Einer der Freunde begleitet ihn auf der Xiao, einer traditionellen chinesischen Flöte. Doch die Melodie klingt traurig. Su Shi fragt nach dem Grund, und aus dieser Frage entwickelt sich ein Gespräch über Vergänglichkeit, über den Ruhm vergangener Zeiten und darüber, was dem Menschen an dieser Welt überhaupt gehört.
Die Handlung im Detail↑
Am sechzehnten Tag des siebten Mondmonats im Herbst 1082 unternahmen Su Shi und seine Freunde zwei Bootsfahrten auf dem Jangtsekiang. Sie fuhren flussaufwärts zu dem Ort, an dem rund neun Jahrhunderte zuvor die berühmte Schlacht am Roten Felsen ausgetragen worden war. Im folgenden Jahr bat ihn ein befreundeter hoher Beamter namens Fu Yaoyu (1024–1091), die beiden Ausflüge in einem Text festzuhalten. So entstand das zweiteilige Prosagedicht.
Der erste Teil schildert die Fahrt in einer Vollmondnacht. Der Wind ist sanft, das Wasser ruhig, die Luft still. Su Shi lädt die Gefährten zum Wein ein und rezitiert ein Gedicht an den Mond. Ein musikkundiger Freund begleitet ihn auf der Flöte, doch seine Melodie ist voller Trauer. Auf die Frage nach dem Grund antwortet er, gerade in solchen Augenblicken schlichter, geteilter Freude überkomme ihn die Wehmut angesichts dieses Ortes, an dem Cao Cao einst besiegt wurde.
Su Shi hält dem entgegen, man solle die ewigen Schätze wie Wind und Mond genießen, ohne an anderes zu denken. Man solle auch nicht versuchen, sie zu besitzen, denn sie gehören niemandem persönlich; zwischen Himmel und Erde habe jedes Ding seinen eigenen Herrn. Der Wind über dem Fluss und das Mondlicht auf den Bergen seien unerschöpfliche Gaben des Schöpfers. Man solle sie in ihrer Dauer betrachten, nicht in ihrer wechselnden Erscheinung: sie hören und ansehen, wie sie sind, mehr nicht.
Nach diesen Worten lächelt der Freund, beruhigt und zufrieden. Gemeinsam beenden sie das Mahl, trinken Wein und schlafen auf dem Boot ein. Su Shi bat den Empfänger allerdings, den Text geheim zu halten und niemandem davon zu erzählen. Er fürchtete eine ungnädige Reaktion des Kaisers Song Shenzong. Das Werk entstand in einer Zeit politischer Rivalität zwischen den Konservativen, zu denen Su Shi zählte, und den Reformern um den amtierenden Vizekanzler Wang Anshi. Der Dichter hatte wegen seiner Schriften bereits die Verbannung erlebt und war deshalb auf der Hut.
Stil↑
Gewählt ist die Form des fu, eines Prosagedichts, das zwischen Erzählung, Beschreibung und gedanklicher Erörterung steht. Das Werk lebt von genauen Angaben: Datum, Umstände, Ort und Stunde werden ebenso benannt wie die Geräusche und Bilder jener Nacht. Aus dieser Genauigkeit entsteht der Eindruck eines Tagebuchs.
Der amerikanische Sinologe Robert E. Hegel hat dieser Lesart widersprochen. Für ihn ist der Text weder ein bloßer Tagebucheintrag noch eine reine Erfindung, sondern ein sorgfältig gebautes Kunstwerk, das verschiedene Deutungen zulässt. Auch vom wenfu, dem Prosa-fu, das sich damals im Rahmen der Bewegung um die klassische Prosa entwickelte, grenzt er es ab.
Als Gelehrter der Song-Zeit war Su Shi von drei Traditionen geprägt: der konfuzianischen, der buddhistischen des Chan und der daoistischen. Im Gedicht tritt vor allem die letzte hervor, erkennbar an der Haltung gegenüber der Natur. Wind und Mond erscheinen nicht als Kulisse, sondern als Maßstab, an dem sich das menschliche Bedürfnis nach Besitz und Dauer misst.
Rezeption↑
Fast alle Fachleute lesen das Gedicht als Bericht einer tatsächlich erlebten Begebenheit. Robert E. Hegel teilt diese Auffassung nicht und sieht darin eher eine kunstvoll gebaute literarische Arbeit. Er legte seine Sicht 1998 in einem Aufsatz über die Bilder und Klänge der Roten Felsen dar.
Die von Su Shi selbst 1083 mit Tinte auf Papier geschriebene Rolle ist erhalten, doch beschädigt und unvollständig: Sechsunddreißig Schriftzeichen des ersten Teils fehlen. Spätere Hände haben sie ergänzt und mit Anmerkungen versehen, darunter der Dichter Wen Zhengming oder sein Sohn Wen Peng, der Kalligraph Dong Qichang sowie Xiang Shengmo. Vom 28. Mai bis 31. August 2009 zeigte das Nationale Palastmuseum in Taipeh eine Ausstellung zum Roten Felsen, in der die Geschichte des Gedichts und die Rolle vorgestellt wurden.
Ins Französische übertrug der Sinologe Jacques Pimpaneau den Text in seinem Band über Su Dongpo, der 2003 erschien und 2017 neu herauskam. Eine weitere Übersetzung stammt von Stéphane Feuillas und findet sich in der 2015 erschienenen Anthologie chinesischer Dichtung der Bibliothèque de la Pléiade.
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