Oden
Überblick↑
Der Gedichtband Oden – im lateinischen Original Carmina – versammelt 103 Gedichte des römischen Dichters Horaz in vier Büchern. Er schrieb sie ab etwa 30 v. Chr. Die ersten drei Bücher erschienen 23 v. Chr., das vierte folgte rund zehn Jahre später, 13 v. Chr. Als Vorbild diente die griechische Lyrik der archaischen Zeit, vor allem Alkaios, Anakreon, Sappho und Pindar sowie weitere Dichter der Insel Lesbos. Von ihnen übernahm Horaz verschiedene Gedichtformen und eine große Vielfalt an Versmaßen. Gewidmet ist die Sammlung seinem Freund und Gönner Maecenas. In den Gedichten verbinden sich Wein, Liebe, Freundschaft und die Vergänglichkeit des Lebens – aus einem von ihnen stammt die berühmt gewordene Formel „carpe diem".
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Die Sammlung ist in vier Bücher gegliedert und reicht vom knappen Achtzeiler bis zum ausgedehnten Gedicht von sechzig Versen. Einen fortlaufenden Handlungsfaden gibt es nicht; jedes Stück ist für sich abgeschlossen und schlägt einen eigenen Ton an. Immer wieder wendet sich der Dichter an einen bestimmten Menschen – an Freunde, an eine Frau, an mächtige Gönner oder an einen Gott.
Die Themen kehren in vielen Abwandlungen wieder. Der Wechsel der Jahreszeiten, das Verrinnen der Zeit und die Mahnung, den Augenblick zu genießen, ziehen sich durch das ganze Werk. Wein, festliche Gelage und die Freuden und Enttäuschungen der Liebe stehen neben ernsten Betrachtungen über den Tod, über menschliche Vermessenheit und über das Glück eines ruhigen, bescheidenen Lebens. Daneben finden sich feierliche Gedichte, die Götter anrufen oder Rom und den Herrscher preisen. Manche der angesprochenen Personen haben wirklich gelebt, andere tragen Namen aus der griechischen Liebesdichtung und sind vielleicht frei erfunden. So entsteht ein vielstimmiges Bild römischen Lebens, in dem heitere und nachdenkliche Gedichte einander abwechseln.
Die Handlung im Detail↑
Das Werk umfasst 103 Gedichte in vier Büchern. Das erste Buch enthält 38 Gedichte, das zweite 20, das dritte 30, das vierte 15. Die ersten drei Bücher gab Horaz gemeinsam heraus, das vierte erst rund ein Jahrzehnt danach.
Das erste Buch eröffnet mit einer Widmung an Maecenas. Dieses Gedicht steht als Vorrede vor der ganzen Ausgabe. Nachdem der Dichter die vielen verschiedenen Lebenswege der Menschen aufgezählt hat, nennt er seinen eigenen: sich der Dichtung zu widmen und einst zu den großen Lyrikern gezählt zu werden. Damit gibt gleich das erste Stück das Programm der ganzen Sammlung vor.
Ein wiederkehrender Grundgedanke ist die Aufforderung, das Leben im Augenblick zu genießen. In einem Frühlingsgedicht kehrt mit dem Westwind Zephyr die milde Jahreszeit zurück: Die See wird wieder befahrbar, die Arbeit auf dem Land und die Gastmähler beginnen von Neuem. Doch hinter dieser Heiterkeit steht der „bleiche Tod", die pallida mors, die den Dichter gerade deshalb zum Trinken und Feiern einlädt. Hier taucht der Gedanke des carpe diem zum ersten Mal auf. Die berühmte Wendung selbst prägt Horaz in einem Wintergedicht: In einer gut geheizten Stube stellt das Mädchen Leuconoe Sternberechnungen an, um zu erfahren, wie lange die beiden leben werden. Der Dichter rät ihr, lieber zu trinken und den gegenwärtigen Augenblick zu genießen – denn er kehrt nie wieder. Aus diesen Versen stammt das Wort „carpe diem", „nutze den Tag".
Wein und Freundschaft bilden einen weiteren großen Strang. In einem Wintergedicht an einen gewissen Thaliarchus fordert Horaz auf, sich am Feuer zu wärmen, Wein zu trinken und die Jugend voll auszukosten. Einem anderen Freund empfiehlt er, im Wein Vergessen für alle Sorgen zu suchen. Den Wein preist er auch als etwas, das jeden Menschen frei mache, selbst in der Armut – man dürfe ihn aber nicht missbrauchen. Besonders herzlich ist die Einladung an Maecenas, in Horazens Landgut in der Sabina einen einfachen Wein zu trinken. Es ist kein edler Tropfen, wie ihn der Gast gewohnt ist, doch der Dichter hat ihn eigenhändig abgefüllt, an einem Freudentag, als er von der Genesung seines Freundes erfuhr.
Die Liebe erscheint in vielen Farben. In einem Gedicht vergleicht der Dichter die Wankelmütigkeit einer schönen Frau namens Pyrrha mit den Gefahren der Seefahrt und ist froh, ihr entkommen zu sein. In einem anderen tadelt er die Frau Lydia dafür, dass sie einen jungen Mann verweichliche. Ein weiteres Gedicht ist ganz von Eifersucht erfüllt, weil die geliebte Frau einen anderen liebt. In einem Widerruf entschuldigt sich Horaz scherzhaft bei einer Frau, die er zuvor beleidigt hatte. Eine Einladung ergeht an Tyndaris, in seine friedliche sabinische Villa zu kommen. Und in einem späten Liebesgedicht gesteht der Dichter, dass ihn Venus, der Wein und der Müßiggang erneut in die Leidenschaft zurückgezogen haben.
Neben diesen persönlichen Tönen stehen politische und religiöse Gedichte. Eines der ältesten ruft nach dem gewaltsamen Tod Caesars die Schrecken der Bürgerkriege in Erinnerung und beschwört Octavian, als Verkörperung des Gottes Merkur, Sühne zu leisten; der Wunsch, er möge spät in den Himmel zurückkehren, ist zugleich ein Wunsch nach Frieden für Rom und langem Leben für den Herrscher. Ein anderes Gedicht preist die Götter Jupiter, Pallas, Bacchus und Diana, die Helden Herkules und die Dioskuren, dann Romulus und berühmte Römer, bis hin zum julischen Haus und zu Augustus. In einem berühmten Bild schildert Horaz ein sturmgepeitschtes Schiff; schon in der Antike deutete man es als Sinnbild des Staates, die Stürme als Bürgerkriege, den Hafen als ersehnten Frieden. Ein weiteres Gedicht zeigt Paris, der mit Helena nach Troja segelt, während der Meergott Nereus die Winde zum Schweigen bringt und dem Frevler die Folgen seiner Tat vorhersagt. Ein feierliches Stück lädt einen Chor junger Leute ein, Diana, Apollo und deren Mutter Latona zu besingen, wohl zu musikalischer Begleitung.
Stil↑
Von der griechischen Lyrik der archaischen Zeit übernahm Horaz nicht nur die Themen, sondern vor allem die kunstvollen Versmaße. In den Gedichten wechseln sich die sapphische und die alkäische Strophe mit verschiedenen asklepiadeischen und archilochischen Formen ab. Diese Vielfalt der Maße ist ein Kennzeichen des Werks. Der Rhythmus ist dabei oft genau auf den Inhalt abgestimmt, sodass Klang und Aussage zusammenwirken.
Horaz übersetzte seine Vorbilder nicht, sondern arbeitete sie um. Verse des griechischen Dichters Alkaios etwa nahm er als Anregung und formte daraus etwas ganz Neues. Er ahmte seine Muster nicht bloß nach, sondern eiferte ihnen nach und machte mit denselben Bausteinen ein eigenständiges Gedicht. Ein Unterschied trennt ihn dabei von den Griechen: Wo diese aus dem unmittelbaren Gefühl heraus sprechen, tritt bei Horaz häufig ein sittlicher, belehrender Zug hinzu.
Die Gedichte sind sorgfältig und fein gearbeitet, viele von ihnen kurz und dicht. Horaz greift auch feste Formen der antiken Dichtung auf: das Geleitgedicht für eine Reise, den Anrufungshymnus an einen Gott und den Widerruf, mit dem der Dichter eine frühere Kränkung zurücknimmt. Ob sich hinter Namen wie Leuconoe, Thaliarchus oder Tyndaris wirkliche Menschen verbergen, bleibt oft offen.
Rezeption↑
Schon in der Antike wurden die Gedichte gelesen und ausgelegt. Der Horaz-Kommentator Porphyrio führte einzelne Stücke auf griechische Vorbilder wie Alkaios und Bacchylides zurück. Quintilian deutete das Bild des sturmgepeitschten Schiffes als Sinnbild für den Staat, die Stürme als Bürgerkriege und den Hafen als den ersehnten Frieden und die Eintracht. Solche Auslegungen zeigen, dass die Sammlung früh zum festen Bestand der gebildeten Lektüre gehörte.
Über die Jahrhunderte sind einzelne Wendungen aus den Gedichten zu geflügelten Worten geworden. An erster Stelle steht das „carpe diem", „nutze den Tag", aus dem elften Gedicht des ersten Buches. Auch die „pallida mors", der „bleiche Tod", der zum Genuss des Augenblicks mahnt, hat sich als Bild erhalten. So wirken einzelne Verse der Sammlung bis heute in der Sprache fort.
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