1904
Il fu Mattia Pascal
Überblick↑
Der Roman Il fu Mattia Pascal von Luigi Pirandello erschien 1904. Er gilt als ein Schlüsselwerk der italienischen Moderne. Erzählt wird die Geschichte eines Mannes, der für tot erklärt wird. Er versucht, mit einer neuen Identität ein zweites Leben zu beginnen. Pirandello stellt darin die Frage, ob ein Mensch ohne Papiere, ohne Namen und ohne soziale Bindungen überhaupt existieren kann.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Mattia Pascal lebt in dem kleinen italienischen Ort Miragno. Sein Vater hat der Familie eine Schwefelmine hinterlassen. Doch der unredliche Verwalter Batta Malagna sorgt dafür, dass das Erbe Stück für Stück verschwindet. Zwischen Mattia, dem habgierigen Verwalter, der jungen Romilda und deren herrischer Mutter kommt es zu Verstrickungen. Sie führen zu einer übereilten Heirat, die Mattia bald als Fessel empfindet. Er findet eine bescheidene Stelle als Bibliothekar. Doch das Familienleben mit Frau und Schwiegermutter wird ihm zur Qual.
Nach einer Reihe schwerer Schicksalsschläge flieht Mattia eines Tages aus dem Dorf. Auf einem Umweg landet er in den Spielsälen von Monte Carlo. Dort widerfährt ihm ein überraschendes Glück. Auf der Rückreise stößt er auf eine Zeitungsnotiz. Sie stellt sein ganzes bisheriges Leben in Frage und scheint ihm eine ungeahnte Freiheit zu verschaffen. Was er aus dieser Freiheit macht und ob ein neuer Name wirklich ein neuer Mensch sein kann, erzählt der Roman mit feiner Ironie.
Die Handlung im Detail↑
Mattia Pascal wächst in Miragno auf. Sein Vater vererbt ihm, seinem Bruder Roberto und der Mutter eine Schwefelmine. Der Verwalter Batta Malagna nutzt seine Stellung aus und bringt das Vermögen der Familie an sich. Malagna heiratet Oliva, ein Mädchen, das Mattia aus Kindertagen kennt. Die Ehe bleibt kinderlos; Malagna schiebt die Schuld auf Oliva. Aus Trotz beginnt Oliva eine Affäre mit Mattia und wird von ihm schwanger.
Mattias Freund Pomino erzählt ihm, Malagnas Cousine, die Witwe Pescatore, werfe ihrem Cousin vor, mit der Kinderlosigkeit dafür gestraft zu sein, dass er ihre Tochter Romilda nicht geheiratet habe. Pomino selbst liebt Romilda. Beide Freunde fürchten, Malagna könnte ein Kind mit Romilda zeugen wollen, um seine Fruchtbarkeit zu beweisen. Mattia rät Pomino, Romilda zuvorzukommen, und sucht zur Vorbereitung das Haus der Pescatore auf. Dort lernt er Romilda kennen, kündigt weitere Besuche an und bemerkt, dass die Mutter wenig erfreut ist.
Obwohl Mattia Romilda von Pominos Gefühlen erzählt, verlieben sich beide ineinander. Romilda wird von Mattia schwanger. Doch dann erhält er einen Brief, in dem sie schreibt, sie könnten sich nicht mehr sehen. Erst als Malagna die Geburt seines lang ersehnten Kindes verkündet, begreift Mattia: Romilda und ihre Mutter haben sich auf Malagna eingelassen, um ihm das Kind unterzuschieben. Mattia geht zu Oliva, zeigt ihr den Brief, und sie bittet ihn, Malagna im Glauben zu lassen, er sei wirklich zeugungsfähig. Malagna durchschaut den Plan, beschuldigt Mattia, seine Nichte entehrt zu haben, und fordert Wiedergutmachung.
Romilda erklärt Mattia schließlich, sie stehe als Minderjährige unter der Vormundschaft ihrer Mutter. Mattia sieht sich gezwungen, sie zu heiraten. Die Pescatore und Romilda werden eifersüchtig auf Olivas Kind, das in gesicherten Verhältnissen geboren wird. Um die Mine zu retten, müssen die Pascals Immobilien verkaufen. Mattias Mutter zieht zu ihrem Sohn, wird dort aber von Schwiegertochter und deren Mutter so schlecht behandelt, dass sie zu Scolastica, der Schwester ihres verstorbenen Mannes, übersiedelt. Pomino, der Mattia den vermeintlichen Verrat nachträgt, verschafft ihm eine Stelle als Bibliothekar.
Romilda bringt Zwillingsmädchen zur Welt. Ein Kind stirbt nach wenigen Tagen, das andere wird nicht ein Jahr alt. Fast zur selben Zeit stirbt auch Mattias Mutter. Nach einem heftigen Streit mit Romilda und der Schwiegermutter verlässt Mattia das Dorf. Er will über Marseille nach Amerika. Eine Anzeige für die Spielbank von Nizza lockt ihn jedoch nach Monte Carlo. Dort gewinnt er beim Roulette ein Vermögen. Am zwölften Tag erfährt er, dass ein junger Mann, mit dem er einmal am selben Tisch gespielt hat, sich umgebracht hat.
Mattia beschließt, heimzukehren, das Familiengut zurückzukaufen und sich an der Schwiegermutter zu rächen. Im Zug stößt er auf eine Zeitungsnotiz: Man habe seine Leiche im Mühlbach von Miragno gefunden, vermutlich Selbstmord wegen finanzieller Nöte. Mattia erkennt, dass sein „Tod“ ihn frei macht. Unter dem Namen Adriano Meis bricht er zu Reisen auf und mietet sich schließlich in Rom ein möbliertes Zimmer bei Anselmo Paleari. Er verliebt sich in dessen Tochter Adriana und möchte sie heiraten, um ein neues, festes Leben zu führen.
Doch er bemerkt rasch, dass seine Existenz nur ein Schein ist. Da er in keinem Einwohnerregister geführt wird, kann er Adriana nicht heiraten, kann einen Dieb, der Geld aus seinem Zimmer entwenden wollte, nicht anzeigen und in vielen Alltagsdingen nicht handeln, weil ihm jede gültige Identität fehlt. Desillusioniert täuscht er den Selbstmord von Adriano Meis vor und kehrt als Mattia Pascal nach Miragno zurück. Zwei Jahre sind vergangen. Seine „Witwe“ Romilda hat inzwischen Pomino geheiratet und mit ihm eine Tochter. Für Mattia ist kein Platz mehr in seinem alten Leben. Er zieht sich in die staubige Bibliothek zurück, in der er einst arbeitete, schreibt seine Geschichte auf und legt von Zeit zu Zeit einen Blumenkranz auf das eigene Grab, dessen Inschrift lautet: Il fu Mattia Pascal – „Der einstige Mattia Pascal“.
Stil↑
Pirandello erzählt den Roman in der Ich-Form. Mattia Pascal selbst schreibt seine Lebensgeschichte aus dem Rückblick in der Bibliothek nieder. Diese Erzählhaltung erlaubt ironische Kommentare, Selbstbespiegelung und das ständige Pendeln zwischen Komik und bitterer Einsicht. Die Sprache ist klar und beobachtend, mit Sinn für die kleinen Lächerlichkeiten des Provinzlebens. In ruhigem Erzählton entwickelt Pirandello aus einer beinahe burlesken Ausgangslage eine ernste Grundfrage: Was bleibt vom Menschen, wenn Name, Papiere und soziale Rollen fehlen?
Rezeption↑
Der Roman gehört zu den meistgelesenen Werken Pirandellos. Er hat dem Autor früh internationale Beachtung verschafft. Die Geschichte des Mannes, der zweimal stirbt und zwischen den Identitäten zerrieben wird, regte mehrfach Filmemacher an. Schon 1926 verfilmte Marcel L'Herbier den Stoff als Die zwei Leben des Mathias Pascal. Pierre Chenal folgte 1937 mit L'homme de nulle part. 1985 brachte Mario Monicelli eine italienische Fassung unter dem Titel Die zwei Leben des Mattia Pascal heraus. Damit zählt der Roman zu jenen Werken Pirandellos, die weit über die Literatur hinaus in die Bildkultur des 20. Jahrhunderts hineingewirkt haben.
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