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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Sechs Personen suchen einen Autor
1921
– Werkseintrag –

Sechs Personen suchen einen Autor

1921 · Drama

Sechs erfundene Gestalten dringen in eine Theaterprobe ein und verlangen, dass endlich jemand ihre unvollendete Geschichte zu Ende spielt.

Überblick↑

Das Schauspiel Sechs Personen suchen einen Autor gilt als eines der bekanntesten Bühnenwerke des sizilianischen Schriftstellers Luigi Pirandello, der 1934 den Nobelpreis für Literatur erhielt. Es erschien 1921 unter dem italienischen Titel Sei personaggi in cerca d'autore. Mit diesem Stück wandte sich Pirandello gegen das herkömmliche Illusionstheater, das dem Zuschauer eine geschlossene, scheinbar wirkliche Handlung vorspielt. Stattdessen ließ er auf der Bühne sichtbar werden, wie Theater überhaupt entsteht. Damit legte er einen Grundstein für das moderne Drama.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Auf einer Theaterbühne hat eine Schauspieltruppe gerade mit einer Probe begonnen. Mitten in diese Arbeit hinein treten unerwartet sechs fremde Gestalten: ein Vater, eine Mutter, eine Stieftochter, ein Sohn und zwei kleine Kinder. Sie bilden eine Familie und verlangen vom Theaterdirektor etwas Ungewöhnliches: Er solle ihre Geschichte aufführen.

Die sechs erklären, sie seien Figuren, die ein Autor erfunden, dann aber nie zu Ende geschrieben habe. Nun seien sie auf der Suche nach jemandem, der sie vollendet und auf die Bühne bringt. Sie wollen „leben“ und ihr eigenes Drama vor Publikum sehen. Zögernd lässt sich der Direktor auf das seltsame Ansinnen ein. Nach und nach erfahren er und seine Schauspieler von einem schweren Familienzerwürfnis, das die Fremden mit sich tragen. So entsteht ein Spiel über das Theater selbst: Während die echten Schauspieler versuchen, das Geschehen nachzuspielen, gerät die Frage in den Mittelpunkt, ob sich das wahre Leid dieser Figuren überhaupt darstellen lässt.

Die Handlung im Detail↑

Während die Schauspieltruppe eines Theaters für Pirandellos Stück Das Rollenspiel probt, betreten plötzlich sechs Personen den Saal. Der Theaterdirektor ist verärgert, weil während einer Probe niemand hereindarf, und fragt, wer die Fremden seien und was sie wollten. Der Vater antwortet, sie seien auf der Suche nach einem Autor. Als der Direktor erklärt, hier sei kein Autor und man probe kein neues Stück, ergreift die Stieftochter das Wort: Umso besser, dann könnten sie selbst sein neues Theaterstück werden.

Die sechs schildern, dass ein Autor sie als Bühnenfiguren erschaffen, ihr Schicksal aber nicht zu Ende geführt habe. Gerade deshalb drängen sie darauf, ihr unvollendetes Drama endlich verwirklicht zu sehen. Widerstrebend erklärt sich der Direktor bereit, ihre Geschichte auf die Bühne zu bringen. So kommt es zu einem Spiel im Spiel: Die Familie führt ihr Schicksal vor, und der Direktor und die Schauspieler versuchen, es nachzustellen.

Stück für Stück erfahren die Theaterleute vom völligen Zusammenbruch dieser Familie. Es ist eine Geschichte voller gegenseitiger Vorwürfe, in der jeder den anderen anklagt. Die beiden kleinen Kinder werden zu den Opfern des Zerwürfnisses. Pirandello selbst beschrieb, was die Figuren in ihrer Erregung antreibt: Indem jeder sich gegen die Anschuldigungen des anderen verteidigt, spricht er unwillkürlich das aus, was den Dichter selbst lange gequält hat – die Unmöglichkeit, dass Menschen einander wirklich verstehen.

Der eigentliche Konflikt des Stücks liegt darin, dass dieser Versuch scheitert. Die Wirklichkeit der Bühnenfiguren, die ihr Leid als unveränderliche Wahrheit in sich tragen, lässt sich durch das nachahmende Spiel der berufsmäßigen Schauspieler nicht einfangen. Was die Schauspieler darstellen, wirkt neben der inneren Wahrheit der sechs Figuren falsch und blass. So bleibt die Familie mit ihrem Drama am Ende unerlöst: Das Theater kann ihre Geschichte zeigen, aber nicht zur Deckung mit ihrer eigenen Wirklichkeit bringen. Genau in diesem Scheitern liegt der Gedanke, um den das ganze Stück kreist.

Stil↑

Bemerkenswert an diesem Werk ist seine Form: Es ist ein Theaterstück über das Theater. Pirandello hebt die gewohnte Trennung zwischen der erfundenen Handlung und ihrer Aufführung auf. Statt dem Zuschauer eine fertige, in sich geschlossene Geschichte vorzuspielen, zeigt er den Theaterbetrieb selbst – die Probe, den Direktor, die Schauspieler – und lässt mitten hinein die erfundenen Figuren treten. Dieses Verfahren, das Theater im Theater sichtbar zu machen, bestimmt den ganzen Aufbau.

Die Sprache dient dabei nicht der schönen Wirkung, sondern dem Gedankenstreit. In den Wortwechseln, etwa zwischen dem Direktor und den fremden Personen, prallen zwei Wirklichkeiten aufeinander: die alltägliche der Theaterleute und die der Figuren, die behaupten, lebendiger und wahrer zu sein als die Menschen, die sie spielen sollen. So verschiebt das Stück immer wieder die Grenze zwischen Schein und Wirklichkeit und macht den Zuschauer zum Mitdenkenden. Mit diesem Bruch des Illusionstheaters gilt das Werk als ein Inbegriff des modernen Dramas.

Rezeption↑

Aufsehen erregte das Stück bereits bei seiner Uraufführung 1921 im Teatro Valle in Rom, gespielt von der Compagnia di Dario Niccodemi. Die Premiere endete in einem handfesten Skandal. Das Publikum war gespalten in Anhänger und Gegner, von denen einige lauthals „Irrenhaus! Irrenhaus!“ riefen. Pirandello und seine Tochter Lietta, die im Saal waren, mussten das Theater durch einen Seiteneingang verlassen, um der aufgebrachten Menge zu entgehen. Einer späteren Aufführung in Mailand war dann großer Erfolg beschieden, und von dort trat das Werk seinen Weg durch die europäischen Theater an.

In kurzer Zeit machte das Stück Pirandello zu einem führenden Dramatiker des 20. Jahrhunderts. Péter Szondi sah darin den Inbegriff des modernen Dramas, weil die Trennung zwischen Zuschauern und Akteuren aufgehoben werde. Im deutschsprachigen Raum fand die Erstaufführung am 4. April 1924 in Wien im Raimundtheater unter Rudolf Beer statt. Otto Falckenberg brachte das Werk im selben Jahr an den Münchner Kammerspielen heraus. Max Reinhardt inszenierte es Ende 1924 in Berlin mit Max Pallenberg als Theaterdirektor und nahm es in den folgenden Jahren mehrfach wieder auf, unter anderem in Salzburg und Wien.

Auch später blieb das Stück präsent. Eine viel beachtete Inszenierung schuf 1981 Klaus Michael Grüber an der Freien Volksbühne Berlin, die in Dunkelheit und Unordnung begann und erneut Proteste im Publikum auslöste. Hinzu kamen Bearbeitungen für andere Gattungen, darunter eine Oper von Hugo Weisgall aus dem Jahr 1959, sowie mehrere Verfilmungen und Fernsehaufzeichnungen über die Jahrzehnte hinweg.

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