1915
Sebastian im Traum
Überblick↑
Sebastian im Traum ist die zweite Gedichtsammlung des österreichischen Dichters Georg Trakl. Der Band gilt als sein lyrisches Hauptwerk. Er erschien im Frühjahr 1915 im Kurt Wolff Verlag, wenige Monate nach Trakls Tod im November 1914. Trakl hatte die Sammlung noch selbst zusammengestellt. Bis kurz vor seinem Tod feilte er an Auswahl und Anordnung. Heute zählt das Buch zu den bedeutendsten Werken des deutschsprachigen Expressionismus. Seine düstere Bildwelt und seine musikalische Klangkraft haben die moderne Lyrik bis weit ins zwanzigste Jahrhundert geprägt.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Die Sammlung versammelt vier Gedichtzyklen und einen Prosatext zu einer geschlossenen Komposition. Den Auftakt bildet der titelgebende Zyklus Sebastian im Traum mit fünfzehn Gedichten. Es folgen Der Herbst des Einsamen mit acht Stücken, der Siebengesang des Todes mit fünfzehn weiteren Gedichten und Gesang des Abgeschiedenen mit zehn Texten. Eingebettet ist der Prosatext Traum und Umnachtung, einer der seltenen nicht-lyrischen Texte Trakls.
Durchzogen sind die Gedichte von Bildern der Kindheit, des Verfalls und der Landschaft. Wiederkehrend tauchen Figuren wie der träumende Sebastian und der namenlos Wandernde auf. Dazu kommen Motive von Herbst, Abend, Dorf und Wald. Bekannte Einzelgedichte des Bandes sind das Kaspar Hauser Lied, Der Herbst des Einsamen und die vierte Fassung von Abendland, das Else Lasker-Schüler gewidmet ist. Wer das Buch zum ersten Mal aufschlägt, betritt eine Bilderwelt aus Schwermut, religiöser Sehnsucht und kühler Naturschönheit. Diese Welt erschöpft sich nicht in einer Geschichte, sondern entfaltet sich in Stimmungen und Visionen.
Die Handlung im Detail↑
Eine fortlaufende Handlung im erzählerischen Sinn gibt es nicht; die Sammlung ist als bewusst gefügte Folge von Zyklen angelegt, die untereinander durch Motive, Klangfarben und wiederkehrende Gestalten verbunden sind. Wahn, Trauer, Einsamkeit, Erlösungssehnsucht und eine offen zutage tretende Hoffnungslosigkeit bilden den durchgehenden Grundton.
Der Eröffnungszyklus Sebastian im Traum stellt eine traumhafte Kindheits- und Erinnerungslandschaft auf. Eine Figur namens Sebastian, halb Heiliger, halb Knabe, durchwandert Stationen aus Geburt, Familie, Garten, Dorf und Verfall. Christliche Bildelemente – Mutter und Kind, Kreuz, Engel, Hirten – verweben sich mit Motiven von Mond, Hügel und blauem Wild. Im selben Zyklus steht das Kaspar Hauser Lied, das die Gestalt des rätselhaften Findlings als unschuldigen Fremdling in einer feindlichen Welt zeichnet.
Der zweite Zyklus Der Herbst des Einsamen rückt die herbstliche Landschaft, einsame Wanderer und die Vergänglichkeit ins Zentrum. Hier dominieren reife Frucht, fallendes Laub und abendliches Licht, hinter denen Tod und Abschied durchscheinen.
Der Siebengesang des Todes verdichtet die Bilder weiter zu Visionen von Sterben, Auflösung und Verwesung, durchsetzt von Erinnerungen an Geschwister, an die Schwester und an verlorene Kindheit. Hier steht auch die vierte Fassung von Abendland, Else Lasker-Schüler gewidmet, in der ein untergehender Kulturraum beschworen wird.
Der abschließende Zyklus Gesang des Abgeschiedenen nähert sich, mit seinen biblisch gefärbten Bildern und Erlösungsmotiven, einem fast manifesthaften Ton: Der „Abgeschiedene" ist der aus der Welt Getretene, der die Landschaft mit dem Blick des bereits Entrückten betrachtet.
Eingelagert ist der Prosatext Traum und Umnachtung, einer der wenigen Prosatexte Trakls überhaupt. In einer Folge düsterer Visionen wird das Hereinbrechen des Wahnsinns über eine Familie und ihren Sohn beschrieben – eine erzählende Verdichtung jener Themen, die in den Gedichten in Bildern aufscheinen: Schuld, Geschlecht, Verfall des Hauses, Verfinsterung des Geistes.
Nach Sebastian im Traum erschienen, im Brenner-Jahrbuch postum gedruckt, noch sieben weitere Gedichte, die zwischen Juni und Oktober 1914 entstanden waren. Zu ihnen gehören Klage und Grodek, die Trakl kurz vor seinem Tod schrieb und Ludwig von Ficker zukommen ließ.
Stil↑
Trakls Sprache in diesem Band ist von hoher Bildkraft und musikalischer Strenge. Er gehört zugleich zum Expressionismus und zum Symbolismus. Die Gedichte arbeiten nicht mit Argumenten, sondern mit Reihungen von Bildern, die einander überlagern und steigern. Auffällig ist die häufige Substantivierung von Adjektiven: „Ein Dunkles", „Ein Verwesendes", „Ein Silbernes". Sie erhebt Eigenschaften zu eigenständigen Wesen und hebt die Sätze ins Schwebend-Allgemeine.
Naturferne, allegorisch gebrauchte Farben durchziehen die Sammlung. Blau, Silber, Schwarz und Purpur bezeichnen nicht das, was sie scheinen, sondern stehen für innere Zustände. Kontraste tragen das Ganze: Sterben gegen Frühling, Tod gegen Geburt, Verwesung gegen Reinheit. Dazu mischt Trakl christlich-mystische Bilder, biblische Anklänge und Motive aus Dorf, Wald und Garten. So entsteht eine hermetisch wirkende Bildsprache, die sich der schnellen Deutung entzieht.
Formal arbeitet Trakl mit freien Rhythmen ebenso wie mit strengen Strophen. Die Gedichte sind oft kurz, in sich geschlossen und durch Klang und Wiederholung gebunden. Der Prosatext Traum und Umnachtung überträgt diese Verfahren in eine visionäre Prosa. Diese bleibt der Lyrik des Bandes eng verwandt.
Rezeption↑
Sebastian im Traum erschien postum. Der Autor selbst konnte es nicht mehr verteidigen oder erklären. In den Jahrzehnten nach der Veröffentlichung wurde der Band jedoch zu einem Schlüsselwerk der modernen deutschsprachigen Lyrik. Er prägte das Bild, das die Nachwelt von Trakl gewann. Die Forschung sieht in ihm das reife Hauptwerk des Dichters. In ihm verbinden sich seine Bildsprache, seine Themen und seine Form am dichtesten.
Die Wirkung reicht bis in die Musik des zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhunderts. Teile des Zyklus wurden mehrfach vertont, unter anderem von Wolfgang Rihm. Hans Werner Henze schrieb 2004 nach dem titelgebenden Gedicht das Orchesterwerk Sebastian im Traum für großes Orchester. Die Uraufführung fand am 22. Dezember 2005 in Amsterdam mit dem Concertgebouw-Orchester unter Mariss Jansons statt. Der Band gehört zum festen Bestand schulischer und universitärer Lektüre. Er wird in Standardwerken wie dem Kindler-Literaturlexikon und in Reclams Reihe „Gedichte und Interpretationen" eingehend behandelt.
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