Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Autoreneintrag · Georg Trakl
Eingang · Autoren · Georg Trakl
Porträt Georg Trakl
Georg Trakl
1887 – 1914
– Autorenporträt –

Georg Trakl

1887 – 1914 · 27 Jahre

Österreichischer Lyriker des frühen 20. Jahrhunderts, dessen herbstdunkle Bildwelten zwischen Symbolismus und Expressionismus stehen – gestorben mit 27 Jahren an einer Überdosis Kokain in einem Krakauer Militärspital.

Kurzporträt

Georg Trakl wurde 1887 in Salzburg geboren und starb 1914 in Krakau. Er gehört zu den eigenwilligsten Stimmen der deutschsprachigen Lyrik im frühen 20. Jahrhundert. Häufig wird er dem Expressionismus zugerechnet. Doch sein Werk trägt ebenso stark Züge des Symbolismus, sodass eine eindeutige Einordnung schwerfällt. In nur wenigen Jahren entstand ein schmales, aber dichtes Werk voller Herbst- und Abendbilder. Verfall, Tod und Schuld sind darin zentrale Motive. Trakl arbeitete als Apotheker und war zeitlebens drogen- und alkoholabhängig. Er starb mit 27 Jahren nach einer Überdosis Kokain in einem Krakauer Militärspital, kurz nachdem er die Schrecken der Schlacht von Gródek miterlebt hatte. Sein letztes Gedicht, Grodek, gilt als eine der erschütterndsten lyrischen Antworten auf den Ersten Weltkrieg.


Biografie

Georg Trakl wurde am 3. Februar 1887 in Salzburg geboren. Er wuchs als fünftes von sieben Geschwistern im gehobenen Bürgertum auf, darunter ein älterer Halbbruder. Sein Vater Tobias Trakl stammte aus dem westungarischen Ödenburg und betrieb in Salzburg eine Eisenhandlung. Die Mutter Maria Catharina, geborene Halick, war zum Teil tschechischer Abstammung, drogenabhängig und stand ihren Kindern innerlich fern. Die katholische Familie führte nach außen ein bürgerlich geordnetes Leben. Eine wichtige Bezugsperson der Kindheit war die französische Gouvernante Marie Boring. Sie lebte vierzehn Jahre im Haushalt, brachte den Kindern Französisch bei und machte sie mit französischer Literatur vertraut. Über sie kam Trakl früh in Berührung mit den Dichtern, die sein späteres Werk prägen sollten, vor allem Baudelaire und Rimbaud.

Von 1897 bis 1905 besuchte Trakl das humanistische Staatsgymnasium in Salzburg. Er war ein schwacher Schüler, musste die vierte Klasse wiederholen und verließ die Schule schließlich ohne Matura. Schon in dieser Zeit begann er mit Chloroform, Morphium, Opium, Veronal und Alkohol zu experimentieren. Erste literarische Versuche entstanden um 1904, als er sich dem Salzburger Dichterzirkel „Apollo", später „Minerva", anschloss. Eine besonders enge Beziehung verband ihn mit seiner viereinhalb Jahre jüngeren Schwester Margarethe, genannt Gretl. Die Forschung vermutet diese Beziehung vielfach als inzestuös. Die Deutsche Biographie schreibt knapp, er habe „mit seiner Schwester Margarethe wohl ein Verhältnis" gehabt.

Im September 1905 begann Trakl in der Salzburger Apotheke „Zum weißen Engel" eine dreijährige Ausbildung. Durch sie bekam er leichten Zugang zu Rauschmitteln. 1906 wurden zwei Einakter am Salzburger Stadttheater uraufgeführt, Totentag und Fata Morgana. Sie fanden aber wenig Anklang, und Trakl vernichtete sie bald darauf. 1908 erschien sein erstes Gedicht Das Morgenlied im Salzburger Volksblatt. Im Herbst desselben Jahres ging er nach Wien, um Pharmazie zu studieren. 1910 schloss er das Studium als Magister ab. Im selben Jahr starb sein Vater, und die Familie geriet in finanzielle Schwierigkeiten. Trakl trat als Einjährig-Freiwilliger in den Sanitätsdienst der k.u.k. Armee ein.

Versuche, als Apotheker im Zivilleben Fuß zu fassen, scheiterten. 1912 kam er nach Innsbruck. Dort lernte er über seinen Jugendfreund Erhard Buschbeck den Herausgeber Ludwig von Ficker kennen. In dessen Halbmonatszeitschrift „Der Brenner" erschienen seine Gedichte von nun an regelmäßig. Im Umkreis Fickers begegnete er Karl Kraus, Adolf Loos und Oskar Kokoschka. In den folgenden Jahren pendelte Trakl ruhelos zwischen Salzburg, Wien und Innsbruck. Er litt unter Angstzuständen und Depressionen und lebte, wie es bei Wikipedia heißt, in Zuständen „zwischen Euphorie und Betäubung". 1913 brachte der Leipziger Kurt Wolff Verlag den Band Gedichte heraus. Kurz darauf hielt Trakl in Innsbruck seine erste und einzige öffentliche Lesung. Im März 1914 reiste er nach Berlin zu seiner Schwester Margarethe, die eine Fehlgeburt erlitten hatte, und lernte dort Else Lasker-Schüler kennen. Im Juli 1914 ließ ihm Ludwig Wittgenstein über Ficker 20.000 Kronen aus einer Spende zukommen. Beim Versuch, das Geld bei einer Innsbrucker Bank abzuheben, erlitt Trakl jedoch einen Panikanfall und floh schweißgebadet.

Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde Trakl als Militärapotheker an die Ostfront einberufen. Im September 1914 erlebte er die Schlacht von Gródek in Galizien mit. Dort versuchte er zwei Tage und zwei Nächte lang fast hundert Schwerverwundete ohne ärztliche Hilfe und ohne ausreichendes Material allein zu versorgen. Das Lazarett wurde später als eine der „Todesgruben von Galizien" bezeichnet. Kurz vor der Schlacht waren in seiner Nähe dreizehn Ruthenen an Bäumen aufgehängt worden. Trakl erlitt einen Nervenzusammenbruch und wurde von Kameraden an einem Selbstmordversuch gehindert. Nach einem Fluchtversuch wurde er zur Beobachtung in das Garnisonsspital Krakau eingewiesen. Dort starb er am Abend des 3. November 1914 nach Einnahme einer Überdosis Kokain an Herzversagen. Ob es sich um einen Unfall oder einen Suizid handelte, ist bis heute ungeklärt. Die Deutsche Biographie wertet den Tod ausdrücklich als Freitod. Trakl wurde zunächst auf dem Krakauer Friedhof Rakowicki bestattet und 1925 auf Wunsch Ludwig von Fickers nach Innsbruck-Mühlau überführt. Sein zweiter Gedichtband Sebastian im Traum erschien im Frühjahr 1915 postum.


Literarische Merkmale

Trakls Werk ist schmal und doch von hoher Eigenart. Es überwiegen die Stimmung und die Farben des Herbstes, dunkle Bilder von Abend und Nacht, Sterben, Tod und Vergehen. Biblisch-religiöse Bezüge durchziehen viele Gedichte, und eine stille Offenheit für das Jenseitige ist spürbar. Doch das Licht der Erlösung bricht nur selten in das Dunkel. Auffällig ist die Farbsymbolik: Blau erscheint in mehr als der Hälfte aller Gedichte, daneben Rot und Braun. Anfangs beschreiben diese Farben reale Dinge. Später lösen sie sich davon ab und werden zu eigenständigen Metaphern, etwa in der Zeile „Schwermut blaut im Schoß der Fraun".

Die Forschung unterscheidet vier Schaffensphasen. Das von Symbolismus und Jugendstil geprägte Jugendwerk zeigt noch deutlich französische Vorbilder wie Baudelaire, Rimbaud und Verlaine. In der zweiten Phase, etwa von 1909 bis 1912, herrscht der expressionistische Reihungsstil. Trakl selbst beschrieb ihn als seine „bildhafte Manier", die in vier Strophenzeilen vier einzelne Bildteile zu einem einzigen Eindruck zusammenschmiedet. Nicht die Abfolge der Ereignisse zählt, sondern der hervorgerufene Gesamteindruck, oft verstärkt durch Synästhesien. In der dritten Phase, von Herbst 1912 bis Anfang 1914, weicht der Reihungsstil einer hermetisch-abstrakten Bildsprache. Das lyrische Ich spaltet sich in verschiedene Gestalten auf, und die hohe Suggestivität der Bilder erschwert jede eindeutige Deutung. Die vierte, vom Krieg geprägte Phase steigert die Bildwelt ins Archaische und Apokalyptische und verkürzt die Verse zu äußerster Konzentration. Im Osten, Klage und vor allem Grodek stehen dafür.

Die NDB beschreibt Trakls Verfahren als Versuch, „die traditionelle Erwartungshaltung des Lesers zu durchbrechen, seine Kategorien und Urteile in Frage zu stellen, ihn zu einer Sinnsuche herauszufordern und den Sinn zugleich zu verweigern". Sprache war für ihn nicht Form für vorgefertigte Gedanken, sondern Medium des Denkens selbst. Charakteristisch ist sein Perfektionismus. Er feilte unablässig an seinen Gedichten, oft über Jahre, arbeitete sie um, zog Strophen zusammen oder entwickelte aus einer einzigen Strophe ein neues Gedicht. Hölderlin und Rimbaud nutzte er, so die NDB, geradezu als „Steinbruch": an Hölderlin erinnern syntaktische Eigenheiten und die Sehnsucht nach einer verlorenen Idylle, an Rimbaud Klangfarbe, Sinnverlust und die Ästhetik des Hässlichen.


Rezeption

Zu Lebzeiten blieb Trakl ein Außenseiter. Frühe Anfragen beim Albert Langen Verlag wurden abgelehnt. Eine 1909 zusammengestellte Sammlung fand keinen Verleger und wurde von ihm später verworfen. Erkannt wurde seine Bedeutung erst von Ludwig von Ficker. Dieser bot ihm in seiner Innsbrucker Zeitschrift „Der Brenner" ab 1912 ein regelmäßiges Forum und sah in ihm, wie die NDB schreibt, den Dichter „als stellvertretend für die Menschheit leidendes Individuum". Über den „Brenner"-Kreis fand Trakl Anschluss an wichtige Gestalten der österreichischen Avantgarde wie Karl Kraus, Adolf Loos und Oskar Kokoschka. Auch Ludwig Wittgenstein zählte zu seinen Förderern und stellte ihm 1914 über Ficker eine größere Geldsumme zur Verfügung. Zu seinen Lebzeiten erschienen nur der Band Gedichte (1913) und einzelne Veröffentlichungen in Zeitungen und Zeitschriften. Der zyklisch komponierte Band Sebastian im Traum kam erst 1915 postum heraus.

Die Wirkung Trakls auf die deutschsprachige Lyrik des 20. Jahrhunderts war groß. Die Deutsche Biographie verweist in ihrem Artikel ausdrücklich auf eine lange Reihe von Dichtern, in deren Umfeld sein Name fällt, darunter Else Lasker-Schüler, Johannes R. Becher, Nelly Sachs, Peter Huchel, Günter Eich, Paul Celan, Ilse Aichinger, Ingeborg Bachmann, Thomas Bernhard, Sarah Kirsch und Reiner Kunze. Die germanistische Forschung hat seine Gedichte sehr unterschiedlich gedeutet: manche Interpreten versuchen, sie auf vorgegebene Deutungsmuster zu beziehen, andere verzichten ganz auf eine festlegende Sinnbildung, wieder andere sehen in ihnen metaphorische Modelle ihrer eigenen Konstruktionsprinzipien. Umstritten bleibt, wie stark Trakls Drogenkonsum Form und Inhalt seiner Gedichte geprägt hat.

Sein Nachlass wird heute im Salzburger Museum, in der Georg-Trakl-Forschungs- und Gedenkstätte in Salzburg sowie im Forschungsinstitut Brenner-Archiv der Universität Innsbruck verwahrt. Zwischen 1995 und 2014 ist im Rahmen der Innsbrucker Ausgabe eine sechsbändige historisch-kritische Gesamtausgabe mit zwei Supplementbänden erschienen. Zum hundertsten Todestag im Jahr 2014 legten gleich mehrere Autoren neue Biographien und Studien vor, darunter Rüdiger Görner, Hans-Georg Kemper, Gunnar Decker und Hans Weichselbaum. Sein Geburtshaus in Salzburg beherbergt heute das angeschlossene Trakl-Museum mit Archiv.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

Aus dem Werkverzeichnis

Im Lexikon

Weitere Werke (Auswahl)

Vollständiges Werkverzeichnis bei Wikipedia (48 weitere Titel)

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten