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MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Autoreneintrag · Friedrich Torberg
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Porträt Friedrich Torberg
Friedrich Torberg
1908 – 1979
– Autorenporträt –

Friedrich Torberg

1908 – 1979 · 71 Jahre

Friedrich Torberg, Erzähler und streitbarer Kritiker aus der Prager deutsch-jüdischen Welt, wurde mit dem Roman „Der Schüler Gerber“ bekannt und setzte der versunkenen Kaffeehauswelt in „Die Tante Jolesch“ ein Denkmal.

Kurzbiografie↑

Als Erzähler, Kritiker und Publizist gehört Friedrich Torberg zu den bekanntesten Stimmen der Prager deutschen Literatur. Geboren 1908 in Wien als Friedrich Kantor, verstand er sich selbst als tschechischer Österreicher und Jude. Bekannt wurde er mit dem Schülerroman Der Schüler Gerber, später mit den Anekdotensammlungen Die Tante Jolesch und Die Erben der Tante Jolesch. Er übersetzte die Bücher Ephraim Kishons ins Deutsche und gründete die Kulturzeitschrift FORVM. Sein Pseudonym „Torberg“ bildete er um 1930 aus den Nachnamen seiner Eltern Kantor und Berg.


Biografie↑

Aus einer deutschsprachig-jüdischen Prager Familie stammend, kam Torberg am 16. September 1908 in Wien zur Welt, in der Porzellangasse am Alsergrund. Sein Vater Alfred Kantor arbeitete als leitender Angestellter einer Prager Spiritusfabrik, seine Mutter Therese Berg führte in Wien eine Filiale der elterlichen Selchwarenproduktion. Er besuchte in Wien die Volksschule und das Realgymnasium Wasagasse. Früh trat er der Wasserballsektion des jüdischen Sportvereins SC Hakoah Wien bei.

Als der Vater 1921 zum Prokuristen befördert wurde, kehrte die Familie nach Prag zurück. Dort erhielt Torberg 1924 die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft, die er bis 1945 behielt. Er litt unter dem Prager Schulsystem, das noch aus der Zeit der Monarchie stammte, während er in Wien bereits reformierte Schulen besucht hatte. Weil er nebenher in Varietés auftrat und Gedichte schrieb, bestand er die Reifeprüfung am Deutschen Realgymnasium in Prag-Smíchov erst im zweiten Anlauf, 1928.

Schon ab 1927 arbeitete Torberg beim Prager Tagblatt, unter anderem als Sportreporter und Theaterkritiker. Er freundete sich mit Egon Erwin Kisch, Alfred Polgar und Joseph Roth an. In Wien war er Stammgast im Café Herrenhof, wo er Karl Kraus, Hermann Broch, Robert Musil, Hilde Spiel und Franz Werfel begegnete. 1928 nahm er an der Universität Prag zunächst ein Philosophie-, dann ein Jurastudium auf, das er 1929 abbrach, um ein einjähriges Volontariat beim Leipziger Tageblatt zu absolvieren. Sein sportlicher Ehrgeiz zeigte sich auch außerhalb des Schreibtischs: 1928 warf er beim tschechoslowakischen Meistertitel im Wasserball für Hagibor Prag beide Tore zum 2:0-Sieg.

Den Durchbruch brachte 1930 der Roman Der Schüler Gerber, den sein Prager Mentor Max Brod an den Verlag Paul Zsolnay vermittelt hatte. Das Buch erzählt vom Abiturienten Kurt Gerber, der an den Zwängen der Schule und besonders an seinem übermächtigen Mathematiklehrer zerbricht. Der Roman wurde innerhalb eines Jahres in sieben Sprachen übersetzt und war Torbergs wirtschaftlich erfolgreichstes Werk. 1935 folgte Die Mannschaft, ein Roman aus der Welt des Sports rund um einen jungen Wasserballspieler.

Ab 1933 wurden Torbergs Bücher im nationalsozialistischen Deutschland verboten. Im März 1938, zur Zeit des Anschlusses Österreichs, hielt er sich zufällig in Prag auf. Im Juni emigrierte er nach Zürich, 1939 dann nach Paris und an die Côte d'Azur. Als tschechoslowakischer Staatsbürger wurde er bei Kriegsbeginn nicht interniert. Er schloss sich der tschechoslowakischen Exilarmee an, wurde jedoch wegen eines Herzleidens nach sieben Monaten als untauglich entlassen. Wenige Tage vor dem Einmarsch deutscher Truppen verließ er Paris und floh über Porto und Lissabon. Der P.E.N.-Club führte ihn als einen von zehn „Outstanding German Anti-Nazi-Writers“. Mit einem Visum vom 11. September 1940 konnte er im Oktober den Kontinent verlassen.

In den USA zog Torberg nach Hollywood, wo Warner Brothers ihn ein Jahr lang unter Vertrag nahm, mehr zu Werbezwecken als für echte Drehbucharbeit. Er verkehrte in den Emigrantenkreisen, in denen auch Franz Werfel, Alma Mahler-Werfel und Heinrich Mann Zuflucht gefunden hatten. Laut Wikipedia war Torberg zugleich als Informant für das FBI und das Office of War Information tätig und bespitzelte in deren Auftrag unter anderem Bertolt Brecht. 1943 erschien die Novelle Mein ist die Rache, in der er am Schicksal jüdischer KZ-Häftlinge die Frage nach dem Recht auf Vergeltung stellt. 1944 zog er nach New York; dort scheiterte das Projekt einer deutschen Ausgabe des Time Magazine. Er lebte fortan als Übersetzer, freier Journalist und Theaterkritiker. 1945 heiratete er Marietta Bellak und erhielt die US-Staatsbürgerschaft. 1948 folgte der Roman Hier bin ich, mein Vater über einen jüdischen Barpianisten aus Wien, der zum Nazi-Spitzel wird, um das Leben seines Vaters zu retten.

1951 kehrte Torberg nach Wien zurück, behielt aber die amerikanische Staatsbürgerschaft. Er schrieb für Die Presse und den Sender Rot-Weiß-Rot, daneben für die Süddeutsche Zeitung. 1954 gründete er mit Unterstützung des Kongresses für kulturelle Freiheit die Kulturzeitschrift FORVM; dass diese Organisation von der CIA finanziert wurde, kam erst später ans Licht. Er edierte das Werk von Fritz von Herzmanovsky-Orlando, übersetzte ab 1961 Ephraim Kishon und trat in der Debatte um das österreichische Deutsch entschieden für dessen Eigenständigkeit ein. Sein politisches Engagement gegen den Kommunismus war kompromisslos: Gemeinsam mit Hans Weigel setzte er einen Boykott der Werke Brechts an den österreichischen Bühnen durch, der bis 1963 hielt. Diese Haltung trug ihm eine starke Gegnerschaft aus politisch linken Kreisen ein.

1962 wurde seine Ehe geschieden; danach begann er eine Beziehung zur Burgschauspielerin Paola Löw, die bis zu seinem Tod dauerte. 1966 gab er die Leitung des FORVM ab und zog sich nach Breitenfurt bei Wien zurück. 1972 erschien der Roman Süßkind von Trimberg über den ersten jüdischen Minnesänger deutscher Sprache. 1975 folgte die Anekdotensammlung Die Tante Jolesch oder der Untergang des Abendlandes in Anekdoten, mit der er dem versunkenen jüdischen Leben zwischen Wien, Prag und Bad Ischl ein Denkmal setzte. 1978, kurz vor seinem Tod, erschien die Fortsetzung Die Erben der Tante Jolesch. Friedrich Torberg starb am 10. November 1979 in Wien und wurde auf eigenen Wunsch in einem Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof neben Arthur Schnitzler bestattet. Postum erschien 1984 der Roman Auch das war Wien, eine im Exil verfasste Auseinandersetzung mit Wien zur Zeit des Anschlusses.


Literarische Merkmale↑

Vielseitigkeit prägte Torbergs Schaffen: Er war Romancier, Novellist, Kritiker, Übersetzer und Herausgeber zugleich. Sein Erstling Der Schüler Gerber verarbeitet die eigenen schlechten Schulerfahrungen zu einer scharfen Kritik am starren Mittelschulsystem. Immer wieder kreisen seine Stoffe um jüdisches Leben und Schicksal: In der Novelle Mein ist die Rache verhandelt er am Beispiel jüdischer KZ-Häftlinge die Frage nach dem Recht auf Vergeltung, im Roman Hier bin ich, mein Vater das moralische Dilemma eines Mannes, der zum Verräter wird, um seinen Vater zu retten.

Sein Spätwerk fand einen ganz anderen Ton. In Die Tante Jolesch beschwört Torberg das bunte Flair der untergegangenen Donaumonarchie herauf, mit ihren komischen Käuzen, Kaffeehausbesuchern und Bohemiens. Anekdotenreich und liebevoll setzte er damit der vernichteten Welt des jüdischen Bürgertums im alten Österreich ein literarisches Denkmal. Laut der Neuen Deutschen Biographie wurde seine literarische und moralische Entwicklung vor allem von Karl Kraus geprägt, seine selbstbewusste jüdische Lebenshaltung vor allem von Max Brod. Als Publizist trat er polemisch und streitbar auf, überzeugt davon, dass jede Spielart des Totalitarismus zu bekämpfen sei.


Rezeption↑

Bereits mit dem Erstling Der Schüler Gerber erzielte Torberg 1930 einen seiner größten Erfolge. Das Buch wurde rasch in mehrere Sprachen übersetzt und sicherte ihm die Aufnahme in die Prager deutsche Dichterszene. Neben diesem Roman blieb Die Tante Jolesch laut der Neuen Deutschen Biographie sein bis heute populärstes Werk.

Seine kompromisslose antikommunistische Haltung machte ihn zu einer umstrittenen Figur. Der von ihm mitgetragene Wiener Brecht-Boykott provozierte eine starke Gegnerschaft politisch links stehender Kreise in Österreich und Deutschland, die mancherorts über seinen Tod hinausreichte. Selbstironisch bemerkte er einmal, im Rundfunk und Fernsehen oft als „Jud vom Dienst“ eingeladen zu werden. Zugleich setzte er sich für junge Talente wie Peter Handke und Brigitte Schwaiger ein.

Torbergs Wirkung reichte über das gedruckte Wort hinaus. Der Schüler Gerber wurde 1981 von Wolfgang Glück verfilmt, ebenso der postume Roman Auch das war Wien, der 1987 unter dem Titel 38 – Auch das war Wien in die Kinos kam und für den Oscar als bester fremdsprachiger Film nominiert wurde. Sein Nachlass und ein umfangreicher Briefwechsel mit zahlreichen Kulturschaffenden seiner Zeit bezeugen seine zentrale Stellung im literarischen Leben.

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