1882 – 1969
B. Traven
Kurzporträt↑
Hinter dem Namen B. Traven verbirgt sich einer der geheimnisvollsten deutschsprachigen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Seine Romane und Erzählungen spielen meist in Mexiko, wo er ab 1924 lebte, und verbinden die spannende Abenteuergeschichte mit scharfer Kapitalismuskritik und anarchistischer Gesinnung. Zu seinen bekanntesten Büchern zählen Das Totenschiff und Der Schatz der Sierra Madre; seine Werke wurden in mehr als 24 Sprachen übersetzt und erreichten eine geschätzte Gesamtauflage von über 30 Millionen Exemplaren. Zeit seines Lebens verweigerte er jede Auskunft über seine Herkunft, sodass seine wahre Identität die Forschung über Jahrzehnte beschäftigte.
Biografie↑
Geboren wurde der Schriftsteller 1882 in Schwiebus in der preußischen Provinz Brandenburg – heute Świebodzin in Polen. Die verifizierten Eckdaten führen den Ort einmal unter dem historischen deutschen Namen Schwiebus (so die Deutsche Biographie), einmal unter dem heutigen polnischen Namen Świebodzin (so Wikidata); gemeint ist derselbe Ort. Auch der genaue Geburtstag ist unsicher: Die Angaben in den Quellen weichen voneinander ab, gesichert ist allein das Jahr 1882.
Nach heutigem Forschungsstand handelt es sich um Hermann Albert Otto Max Feige, Sohn des Töpfers Adolf Feige und der Fabrikarbeiterin Hermine Feige. Dass B. Traven, der Anarchist Ret Marut und der Maschinenschlosser Otto Feige ein und dieselbe Person sind, gilt erst seit Recherchen des Journalisten Will Wyatt in den 1970er Jahren und den Nachforschungen des Literaturwissenschaftlers Jan-Christoph Hauschild als bestätigt; Hauschild verfasste auch den Artikel der Neuen Deutschen Biographie.
Laut der Deutschen Biographie absolvierte er von 1896 bis 1900 in Schwiebus eine Ausbildung zum Maschinenschlosser. Es folgten Militärdienst in Bückeburg (1901–1903) und Arbeitsjahre in Magdeburg (1904–1906), wo er sich als Mitglied der SPD und als Gewerkschafter hervortat. 1906 wurde er Geschäftsführer der Gelsenkirchener Verwaltungsstelle des Deutschen Metallarbeiterverbandes. Im Herbst 1907 kündigte er diese Stellung und gab sich fortan als Schauspieler Ret Marut aus San Francisco aus. Seine erfundene amerikanische Herkunft ließ sich schwer widerlegen, weil bei einem Erdbeben in Kalifornien 1906 nahezu alle Akten vernichtet worden waren. Stationen seiner Bühnenlaufbahn waren unter anderem Idar, Crimmitschau, Danzig und Düsseldorf. In Düsseldorf wurde die Schauspielschülerin Irene Mermet aus Köln seine Lebensgefährtin.
Mit ihr gab er 1915 den Schauspielerberuf auf und zog nach München. Dort brachte er ab 1917 die Zeitschrift Der Ziegelbrenner heraus, die mitten im Krieg für Völkerverständigung eintrat. Unter dem Namen Richard Maurhut erschien 1916 die Kriegsnovelle An das Fräulein von S...... Im Frühjahr 1919 übernahm er in der Münchner Räterepublik das Amt eines Chefzensors und trieb die geplante Sozialisierung der Presse voran. Nach der Niederschlagung der Räteherrschaft im Mai 1919 wurde er als Rädelsführer verhaftet, konnte aber kurz vor der Verurteilung fliehen und lebte danach im Untergrund. Ende 1923 saß er in London in Abschiebehaft; im Sommer 1924 gelang ihm die Ausreise nach Mexiko.
Sechs Jahre später wurde er dort als amerikanischer Staatsbürger Traven Torsvan offiziell registriert. Unter diesem Namen betrieb er von 1930 bis 1948 in Acapulco Obstanbau und eine Gastwirtschaft. Als Schriftsteller B. Traven entfaltete er eine rege literarische Tätigkeit; in der Rolle seines angeblichen Bevollmächtigten Hal Croves kümmerte er sich zugleich um die Vermarktung seiner Werke. Sein erster Roman, Die Baumwollpflücker, erschien 1925 in der sozialdemokratischen Tageszeitung Vorwärts und 1926 als Buch (zunächst unter dem Titel Der Wobbly). Hauptverlag wurde bis 1939 die linke Buchgemeinschaft Büchergilde Gutenberg. Es folgten Das Totenschiff (1926), Der Schatz der Sierra Madre (1927), Die Brücke im Dschungel (1929) und Die weiße Rose (1929). In den 1930er Jahren entstand der sechsteilige Caoba-Zyklus, der von der Zwangsarbeit und Ausbeutung der indigenen Bevölkerung im Bundesstaat Chiapas erzählt: Der Karren (1931), Regierung (1931), Der Marsch ins Reich der Caoba (1933), Die Troza (1936), Die Rebellion der Gehenkten (1936) und Ein General kommt aus dem Dschungel (1940). Daneben stehen der Reisebericht Land des Frühlings (1928) und der Erzählband Der Busch (1928). Nach dem Caoba-Zyklus verstummte er als Verfasser großer Romane; es folgten Erzählungen, darunter die Novelle Macario (1950). Sein letzter, umstrittener Roman Aslan Norval erschien 1960.
B. Traven starb 1969 in Mexiko-Stadt. Nach der Neuen Deutschen Biographie starb er in Mexico City, seine Asche wurde über dem Rio Jataté in Chiapas ausgestreut.
Literarische Merkmale↑
Am treffendsten lassen sich Travens Bücher als „proletarische Abenteuerromane“ beschreiben. Sie handeln von Indigenen und Gesetzlosen und teilen manche Motive mit Autoren wie Karl May oder Jack London. Anders als die meisten Vertreter des Abenteuergenres schrieb Traven jedoch konsequent aus der Perspektive der Unterdrückten und Ausgebeuteten. Seine Figuren stehen am Rande der Gesellschaft, sind mehr Antihelden als Helden und besitzen doch eine urtümliche Lebenskraft, die sie immer wieder zum Aufbegehren treibt.
Charakteristisch für seine Prosa ist laut der Deutschen Biographie der Rückgriff auf Elemente der Unterhaltungs- und Spannungsliteratur und die Mischung aus ethnographischer Fiktion, realistischer Darstellung und politischer Unterweisung. Dazu kommt die scharfe Kritik am kapitalistischen System, am modernen Verwaltungsstaat und an der Geistlichkeit. Ein festes politisches Programm bietet Traven nicht; im Mittelpunkt steht das anarchische Aufbegehren gegen entwürdigende Lebensumstände, das stets von den Entrechteten selbst ausgeht.
Seine Bücher gelten dennoch als politische Bücher, weil er die Ursache des Leidens seiner Figuren offen benennt. Diese Ursache ist für ihn die Herrschaft des Kapitals, die er in Das Totenschiff „Cäsar Augustus Imperator“ nennt. Das Besondere ist, dass Traven seine Kapitalismuskritik ohne belehrenden Zeigefinger und in oft ironisch-sarkastischem Ton vorbringt und durch die Anknüpfung an Western- und Seemannsmotive auch tatsächlich ein proletarisches Publikum erreichte.
Rezeption↑
Schon in der Zwischenkriegszeit fanden Travens Werke großen Anklang, und sie blieben auch nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgreich. Sie wurden in mehr als 24 Sprachen übersetzt und erreichten eine geschätzte Gesamtauflage von über 30 Millionen Exemplaren. Bereits 1934 widmete ihm die Brockhaus Enzyklopädie einen Eintrag. Indem er die Unterdrückung der mexikanischen Indigenen ins Zentrum rückte, erwies er sich für die 1930er Jahre als fortschrittlicher Autor, denn die europäischen Intellektuellen interessierten sich damals kaum für die Verhältnisse in Lateinamerika.
Mehrere seiner Werke wurden verfilmt. Der Schatz der Sierra Madre kam 1948 unter der Regie von John Huston mit großem Erfolg ins Kino; Das Totenschiff wurde 1959 von Georg Tressler verfilmt. Die Novelle Macario wurde 1953 von der New York Times zur besten Kurzgeschichte des Jahres gekürt und 1960 ebenfalls verfilmt.
Ein eigenes Kapitel der Rezeption bildet das Rätsel um seine Person. Traven widersetzte sich hartnäckig jedem Verlangen nach lebensgeschichtlichen Auskünften, und seine verborgene Identität beschäftigte über Jahrzehnte Journalisten, Gelehrte und ein weltweites Publikum. Zahlreiche, teils fantastische Hypothesen wurden aufgestellt. Der Regisseur Jürgen Goslar drehte 1967 die fünfteilige Dokumentation Im Busch von Mexiko – Das Rätsel B. Traven, und noch 2011 ging die Dokumentation Flüchtig – Das rätselhafte Leben des B. Traven der Frage nach. Zusätzlich erschwert wird die Zuschreibung durch seinen letzten Roman Aslan Norval, dessen Thematik und Sprache so stark vom übrigen Werk abweichen, dass die Urheberschaft angezweifelt wurde und das Buch erst nach einer stilistischen Bearbeitung durch Johannes Schönherr angenommen wurde.
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