1917
Segen der Erde
Überblick↑
Der Roman Segen der Erde erschien 1917 unter dem norwegischen Titel Markens Grøde. Er erzählt von dem Siedler Isak, der in der nordnorwegischen Wildnis aus dem Nichts einen Hof aufbaut. Um ihn herum entsteht über die Jahre eine ganze Siedlung. 1920 erhielt Knut Hamsun den Nobelpreis für Literatur, laut Begründung „for his monumental work, Growth of the Soil“. Die deutsche Ausgabe erschien 1918 bei Albert Langen, übersetzt von Pauline Klaiber-Gottschau.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Weit entfernt von anderen Menschen lässt sich Isak in der unberührten Wildnis Nordnorwegens nieder. Über seine Herkunft erfährt man nichts. Er baut eine Torfhütte, rodet Bäume und tauscht im Dorf Birkenrinde gegen Lebensmittel. Eine Hilfe für den Hof findet er dort nicht. Im nächsten Frühjahr kommt Inger zu ihm, die wegen einer Hasenscharte eine schwere Jugend hinter sich hat. Sie bleibt, und die beiden beginnen ein gemeinsames Leben.
Mit harter Arbeit in Ackerbau und Viehzucht bringen sie es zu bescheidenem Wohlstand. Inger bekommt die Söhne Eleseus und Sivert. Von dem Samen Os-Anders erfährt sie, dass das bebaute Land Isak gar nicht gehört und dass er es kaufen müsste. Der Lensmann Geissler, ein ländlicher Amtsmann, kommt vorbei und gibt dem Hof den Namen „Sellanraa“.
Allmählich verändert sich die Gegend. Nachbarn siedeln sich an, eine Telegraphenlinie wird durchs Gebirge gezogen, und die nächste Generation wächst heran. Das bodenständige Leben auf dem Land steht dabei immer wieder gegen das Leben in der Stadt.
Die Handlung im Detail↑
Am Anfang steht ein Mann allein im Ödland. Isak baut eine Torfhütte, rodet Bäume und handelt im Dorf mit Birkenrinde. Im nächsten Frühjahr kommt Inger zu ihm. Beide bringen es mit harter Arbeit zu bescheidenem Wohlstand, und Inger bekommt die Söhne Eleseus und Sivert. Regelmäßig tauchen ihre entfernte Verwandte Oline und der Same Os-Anders auf.
Während Ingers dritter Schwangerschaft bringt Os-Anders einen Hasen ins Haus, den Oline geschickt haben soll. Die abergläubische Inger fürchtet um ihr Kind. Lensmann Geissler kommt mit seinem Amtsdiener Brede Olsen, schätzt das Land und nennt den Ort „Sellanraa“. Wenig später geht Geissler nach einem scharfen Schreiben seines Vorgesetzten fort, auch weil er fremdes Geld verbraucht haben soll.
Wie schon zuvor gebiert Inger heimlich in Isaks Abwesenheit. Das dritte Kind ist ein Mädchen mit einer Hasenscharte, und Inger tötet es gleich nach der Geburt. Die Tat kommt durch Oline heraus. Inger wird zu acht Jahren Haft verurteilt und nach Drontheim in eine Anstalt gebracht. Dort bekommt sie ihr viertes Kind, die Tochter Leopoldine, und lernt viel Neues. Isak arbeitet in dieser Zeit weiter auf seinem Land.
Brede Olsen lässt sich mit seiner Tochter Barbro als Nachbar nieder. Als eine Telegraphenlinie durchs Gebirge gezogen wird, übernimmt Brede die Aufsicht als Inspektor. Einige Jahre später kehrt Geissler zurück und setzt sich für Ingers Begnadigung ein. In Steinen aus dem Gebirge vermutet er Kupfer. Er kauft Isak den Berg für 200 Taler ab und sagt ihm einen Anteil am späteren Gewinn zu.
Inger kommt früher frei, und Isak holt sie und Leopoldine am Anlegeplatz des Dampfers ab. In der Nachbarschaft sind inzwischen neue Höfe entstanden. Geissler verkauft den Kupferberg für 40.000 Kronen an schwedische Herren und setzt durch, dass Isak 4000 Kronen davon erhält. Die Schweden beginnen einen Versuchsbetrieb, der die Gegend kurz in Bewegung bringt und dann wieder eingestellt wird. Bredes Tochter Barbro zieht zu Axel Strøm auf den Nachbarhof Maaneland.
Barbro bekommt von Axel ein Kind, das bei einer heimlichen Geburt am Wasser stirbt. Ob sie es ertränkt hat, lässt der Roman lange offen. Vor Gericht in der Stadt wird sie freigesprochen. Sivert gewinnt die Magd Jensine lieb. Wer auf das Leben in der Stadt und auf den schnellen Handel setzt, scheitert dagegen: der Kaufmann Aronsen, Brede und auch Isaks eigener Sohn Eleseus. Inger gerät zeitweise in Versuchung, den Verlockungen des Stadtlebens nachzugeben. Gegen Ende spricht Geissler noch einmal mit Sivert und nennt die Leute von Sellanraa „notwendig auf der Erde“.
Stil↑
Auffällig ist die Schlichtheit des Erzählens. Die Sprache des Erzählers steht über weite Strecken der Sprache der Figuren sehr nahe. Die Natur ist nicht lieblich, sondern rau und widerspenstig. Harald Hjärne machte das in seiner Nobelrede von 1920 eigens zum Thema: Schweden dächten bei den „Früchten der Erde“ an fruchtbares, lange bestelltes Land. Bei Hamsun sei die Erde dagegen karges, abweisendes Brachland. Außerdem lobte er den leisen, lächelnden Humor, mit dem der Autor auch von traurigen Dingen erzähle.
Eine besondere Rolle hat Geissler. Er taucht im Buch immer wieder auf und spricht die Botschaft des Romans aus, findet selbst aber keine Ruhe. Das Norsk biografisk leksikon sieht in dieser zwiespältigen Figur Hamsuns eigene Widersprüche.
Rezeption↑
Hamsun schrieb den Roman im Sommer 1917 in Larvik zu Ende. Das Buch wurde begeistert aufgenommen und mitten im Ersten Weltkrieg als Friedensbotschaft gelesen. Auch die sozialistischen Zeitungen waren angetan, so das Norsk biografisk leksikon. Bei der Preisverleihung am 10. Dezember 1920 nannte Hjärne das Werk in der englischen Fassung seiner Rede „an epic of labour“. Als klassisch bezeichnete er es in einem tieferen Sinn als üblich. Dass ein Literaturnobelpreis ein einzelnes Werk nennt, ist selten.
Das Store norske leksikon beschreibt mehrere Lesarten. Oft gilt der Roman als Hamsuns Epos auf die Landwirtschaft und als Kritik am modernen Stadtleben. Er lässt sich aber auch als Beitrag zur damaligen Debatte über die Strafe für Kindestötung lesen, die Hamsun von 1915 bis 1917 anführte. Später wurde bekannt, dass das Buch zu den Lieblingsbüchern von Adolf Hitler gehörte, den Hamsun bewunderte. 1944 erschien eine deutsche Ausgabe in Oslo beim Reichskommissar für die besetzten norwegischen Gebiete. In jüngerer Zeit steht der Roman vor allem wegen seiner rassistischen und herablassenden Schilderung der Samen in der Kritik. Zugleich lässt sich Inger auch als norwegisierte Samin lesen.
Widerspruch kam auch aus der Literatur selbst. Mit Sein eigener Herr wandte sich der isländische Schriftsteller Halldór Laxness gegen die verklärte Darstellung des Bauernlebens bei Hamsun.
Die Übersetzung von Pauline Klaiber-Gottschau wurde später von Julius Sandmeier durchgesehen. Seit den 1950er Jahren erscheint der Roman meist in der Fassung von Sandmeier und Sophie Angermann. Gunnar Sommerfeldt verfilmte den Stoff 1921, Hans Petter Moland 2026 erneut.
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