1934
Sein eigener Herr
Überblick↑
Der Roman Sein eigener Herr stammt von dem isländischen Schriftsteller Halldór Laxness. Er erschien in zwei Teilen 1934 und 1935 in isländischer Sprache unter dem Titel Sjálfstætt fólk, wörtlich „Selbständige Leute“. Die isländische Erstausgabe trägt den Zusatz Hetjusaga, „Heldengeschichte“. Im Mittelpunkt steht ein isländischer Schafzüchter, der von völliger Unabhängigkeit träumt. Sein Ideal einer sich selbst versorgenden Existenz verfolgt er so starrsinnig, dass er sich und seine Familie ins Verderben treibt. Mit dieser Figur wandte sich Laxness gegen die verklärte Darstellung des Bauernlebens, wie sie Knut Hamsun in seinem Roman Segen der Erde gezeichnet hatte. Das Buch trug dazu bei, dass Laxness 1955 der Nobelpreis für Literatur verliehen wurde.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Die Handlung setzt um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert ein. Gudbjartur Jonsson, von allen Bjartur genannt, hat achtzehn Jahre als Knecht und Schafhirte bei einem Großbauern gedient. Nun erwirbt er einen kleinen Hof, der als verflucht gilt, und tauft ihn Sumarhus, „Sommerhäuser“. Frisch verheiratet zieht er mit seiner Frau Rosa dort ein. Nichts ist ihm wichtiger als seine Unabhängigkeit. „Leute, die nicht unabhängig sind, sind keine Leute“, lautet sein Grundsatz. Niemandem will er etwas schulden und unter keinen Umständen fremde Hilfe annehmen. Zur Untermauerung seiner Ansichten zitiert er gern aus alten Sagas, und auch selbst ist er dichterisch veranlagt.
Doch das Leben auf dem kargen Hof stellt seinen Starrsinn auf harte Proben. Über die Jahre wächst eine Familie heran, und immer wieder gerät Bjarturs Ideal der Selbstgenügsamkeit in Widerstreit mit den einfachsten Bedürfnissen der Seinen. Sie sehnen sich nach besserer Nahrung, nach Wärme, nach ein wenig Zuwendung; er hält dagegen: „Unabhängigkeit ist besser als Fleisch.“ Eine besondere Zuneigung verbindet ihn mit seiner Tochter Asta Sollilja, die er seine „Lebensblume“ nennt. Der Roman begleitet Bjartur über gut zwei Jahrzehnte, durch schwere Winter, wirtschaftliche Not und die Jahre des Ersten Weltkriegs.
Die Handlung im Detail↑
Der Roman gliedert sich in vier Abteilungen und einen Schlussteil. Er beginnt um die Jahrhundertwende und reicht bis in die Jahre 1921/22.
Im ersten Teil, „Besiedler Islands“, erwirbt Bjartur nach achtzehn Dienstjahren einen Hof, der bislang Veturhus, „Winterhäuser“, hieß. Er benennt ihn in Sumarhus, „Sommerhäuser“, um. Mit ihm zieht Rosa ein, die für denselben Großbauern als Magd gearbeitet hat. Bald zeigt sich, dass Rosa schwanger ist, offenbar von Ingolfur Arnarson Jonsson, dem Sohn des Großbauern. Bjartur tut so, als sei die Schwangerschaft eine „Herzkrankheit“. Rosa sehnt sich nach besserem Essen, als der sparsame Bjartur zu geben bereit ist. Als er im Herbst zum Zusammentreiben der Schafe in die Berge reitet, lässt er ihr ein junges Schaf zur Gesellschaft. Nachts vom Blöken wach gehalten, empfindet Rosa das Tier als immer unheimlicher und tötet es schließlich fast von Sinnen. Am nächsten Tag bereitet sie sich daraus ein Festmahl, versteckt die Reste und behauptet, das Schaf sei fortgelaufen. Bjartur macht sich bei schlechtem Wetter auf die Suche nach dem Tier. Beim Versuch, einen Rentierbullen zu fangen, wird er auf dessen Rücken über den reißenden Fluss Jökulsa getragen und muss einen tagelangen Umweg gehen. Fast erfroren kehrt er heim. Rosa ist im Kindbett gestorben, doch die neugeborene Tochter lebt, gewärmt von Bjarturs Hündin. Eine Hebamme päppelt das Kind auf. Bjartur nennt es Asta Sollilja. Durch Vermittlung des Pfarrers findet er bald eine neue Frau und heiratet Finna, die mit ihrer verwitweten Mutter Hallbera einzieht.
Der zweite Teil, „Schuldenfreie Wirtschaft“, setzt dreizehn Jahre später ein. Die Familie ist um drei Söhne gewachsen: Helgi, Gudmundur (genannt Gvendur) und Jon (genannt Nonni). Vier weitere Kinder sind jung gestorben. Finna ist von Krankheiten geplagt, die zähe Großmutter Hallbera hält sich gut. Der Gemeindevorsteher drängt der Familie eine Kuh auf, ohne Geld dafür zu verlangen. Bjartur nimmt sie an, besteht aber darauf, zu bezahlen. Als der Gemeindevorsteher das Geld zurückbringen will, weil der Frauenverein die Kuh bezahlt habe, nimmt Bjartur es nicht an. Die Kuhmilch bessert Gesundheit und Stimmung der Familie, doch Bjartur fürchtet um das Heu seiner Schafe. Asta Sollilja liebt den Mann, den sie für ihren Vater hält, von Herzen. Auf einer Reise nach der Siedlung Fjord übernachten die beiden im selben Bett eines Wirtshauses. Als Asta sich an ihn schmiegt, scheint Bjartur zunächst nachzugeben, steht dann aber plötzlich auf und verlässt den Raum. Asta empfindet dies als Zurückweisung. Später campiert ein „Gast“ aus Reykjavík auf Bjarturs Land und bringt Fisch und Vögel vorbei, was Bjartur missfällt. Im Frühjahr rastet Audur, die Schwester Ingolfur Arnarsons, auf dem Hof; sie ist vom „Gast“ schwanger. Ein Frühling mit Schneestürmen kostet Bjartur zahlreiche Schafe. Das Heu wird knapp, die Kuh magert ab. Bjartur weigert sich, in der Gemeinde Heu zu besorgen, und schlachtet schließlich die Kuh. Für die kranke Finna ist das der vernichtende Schlag; sie stirbt wenig später.
Der dritte Teil, „Schwere Zeiten“, beginnt mit einem Gespräch zwischen dem ältesten und dem jüngsten Sohn, Helgi und Nonni. Helgi glaubt, einen geisterhaften Unhold zu sehen, der den Hof zerstört, und hält sich selbst für einen wandelnden Toten. In der Adventszeit sterben Schafe unter merkwürdigen Umständen: ein Mutterschaf steckt mit gebrochenem Rückgrat in einer Leiter, ein Lamm ist mit einer Schlinge erhängt, und im Schnee finden sich keine Spuren. Eines Morgens liegen zehn Mutterschafe brutal getötet am Boden. Bjartur, der jedem Aberglauben abhold ist, geht zu einer Stelle, an der man seit alters Steine aufschichtet, um umgehende Geister zu besänftigen. Doch er weigert sich, ihnen entgegenzukommen: „Hier stehe ich, Bjartur in Sumarhus, ein freier Mann im Lande … Ihr könnt den Berg über mich stürzen. Doch einen Stein gebe ich euch nie.“ Der Spuk lockt neugierige Besucher an. Schließlich ruft Bjartur den Gemeindevorsteher zur Untersuchung. Während dieser auf dem Hof schläft, verschwindet Helgi; seine Spuren verlieren sich im Schnee. Nach Weihnachten fährt Bjartur fort, um in Fjord Arbeit und Geld für neue Schafe zu suchen. Als Lehrer schickt er einen jungen Mann nach Sumarhus, von dem Asta Sollilja schwanger wird. Unterdessen erfährt Bjartur, dass der Kaufmann, dem er vertraute, bankrott und mit seinem Guthaben verschwunden ist. Er muss Arbeit bei Ingolfur Arnarson annehmen, der inzwischen eine führende Stellung in der Konsumgenossenschaft bekleidet. Nonni erhält die Einladung eines Onkels in Amerika, einen Beruf zu lernen; die Großmutter gibt ihm ihre einzigen Wertstücke mit, ein abgewetztes Seidenkopftuch und einen silbernen Ohrlöffel. Als Bjartur von Asta Solilljas Schwangerschaft erfährt, jagt er sie sofort vom Hof. Sie macht sich nach Fjord auf, um ihren Liebsten zu suchen.
Der vierte Teil, „Konjunktur“, spielt im Ersten Weltkrieg. Bjartur nennt ihn bitter „einen der gnadenreichsten Segen, den Gott unserem Lande erwiesen hat“, denn der Bedarf an isländischen Waren wächst und die Lage der Bauern bessert sich. Auf Initiative Ingolfur Arnarsons, nun Abgeordneter im Althing, entsteht eine Straße an Sumarhus vorbei, und erste Autos sind zu sehen. Bjartur baut seinen Hof aus, und seine Ersparnisse wachsen. Die Großmutter lebt weiter „wie eine Kerze, die der Herrgott auszulöschen vergessen hat“. Als der Gemeindevorsteher ihm den Hof abkaufen will, lehnt Bjartur ab; er will bleiben und sich ein richtiges Haus bauen. Sein Sohn Gvendur ist groß und kräftig herangewachsen. Auch er erhält eine Einladung aus Amerika und nimmt sie an. Der wütende Bjartur spricht darauf nicht mehr mit ihm und stürzt sich verbissen in die Arbeit. Vor der Abreise besucht Gvendur Asta Sollilja, die als Dienstmädchen arbeitet, und überbringt ihr ein Gedicht Bjarturs, das dessen Einsamkeit ausdrückt. Astas Tochter, viereinhalb Jahre alt, trägt den Namen Björt, die weibliche Form von Bjartur; Asta betont, ihr sei kein anderer Name eingefallen. Sie ist mit einem jungen Mann verlobt, einem modernen Dichter. Kurz vor seiner geplanten Abreise nach Amerika lernt Gvendur die Tochter Ingolfur Arnarsons kennen, verliebt sich in sie und verpasst ihretwegen sein Schiff.
Stil↑
Formal ist der Roman in vier Abteilungen gegliedert, die „Besiedler Islands“, „Schuldenfreie Wirtschaft“, „Schwere Zeiten“ und „Konjunktur“ heißen; hinzu kommt ein Schlussteil. Über diese Abschnitte spannt sich die Handlung über mehr als zwei Jahrzehnte. Der Titelzusatz Hetjusaga, „Heldengeschichte“, rückt das karge Dasein eines armen Schafzüchters bewusst in den hohen Ton der alten Heldensagas. Darin liegt ein ironischer Bruch, der das ganze Buch durchzieht. Bjartur selbst ist dichterisch veranlagt und beruft sich immer wieder auf Sagas und Rímur, die überlieferte isländische Versdichtung. So verbindet der Roman die raue Sprache der Bauernwelt mit den Formen der alten Dichtung. Zugleich wendet sich Laxness gegen den verklärenden Bauernroman: Wo diese Gattung das Landleben beschönigt, schildert er Not, Krankheit und Sturheit ungeschönt. Sein Erzählton mischt bittere Härte mit trockenem, oft grimmigem Humor.
Rezeption↑
Bei seinem Erscheinen löste das Werk in Island heftige Auseinandersetzungen aus. Zunächst wollte kein isländischer Verlag es herausbringen. Laxness' vorheriger Roman Salka Valka war von einem staatlichen Verlag veröffentlicht worden, dessen Leitung danach zurückhaltender wurde. Schließlich trat der Buchhändler E. P. Briem pro forma als Verleger auf, während der Staatsverlag das finanzielle Risiko übernahm. Jónas Jónsson, damals Vorsitzender der Fortschrittspartei, schrieb eine Artikelserie gegen das Buch. Er lobte zwar Laxness' schriftstellerisches Können und zeigte sich von der Figur Bjarturs fasziniert, warf dem Autor aber vor, mit der trostlosen Darstellung „gegen sein eigenes Volk und die Prüfungen, die es ertragen muss“ zu arbeiten. Laxness' Biograph Halldór Guðmundsson berichtet von Höfen, auf denen man dem Autor dieses Werk nie verzieh. Der erste Teil war 1934 noch weitgehend positiv beurteilt worden, auch vom konservativen Morgunblaðið. Als Gegenentwurf verfasste die unter dem Namen Hulda schreibende Schriftstellerin einen Roman, Dalafólk, der das Landleben idealisierte.
International fand das Werk weite Verbreitung und erschien bis zum Ende des 20. Jahrhunderts in dreißig Sprachen. Die englische Übersetzung Independent People wurde 1946 in den USA zu einem Bestseller. Sie wurde in das Programm des Book of the Month Clubs aufgenommen, der Hunderttausende Exemplare verkaufte. Die Übertragung stammte von J. A. Thompson, der Englisch und Altnordisch studiert hatte und acht Jahre an ihr arbeitete; sie gilt als ein Meisterwerk der englischen Übersetzungsliteratur und blieb seine einzige. In der Sowjetunion verzögerte sich die Veröffentlichung: Verträge wurden zwar 1938 unterzeichnet, doch erst nach Stalins Tod erschien das Buch dort in hohen Auflagen. Der Roman trug zur Verleihung des Nobelpreises an Laxness 1955 bei. Anlässlich einer Neuauflage 1997 verglich die amerikanische Dichterin Annie Dillard das Werk in der New York Times mit den Werken Samuel Becketts und hob seinen Humor hervor, etwa die Langlebigkeit der „halbtoten“ Großmutter, die zu einem wiederkehrenden Scherz werde. Anekdotisch überliefert ist, dass ein britischer Außenminister das Buch während der Kabeljaukriege las, um die Denkweise seines Gegners zu verstehen, und danach zu dem Schluss kam, der Konflikt sei für die Briten nicht zu gewinnen.
Ins Deutsche wurde das Werk als erster Roman von Laxness übertragen, zunächst allerdings nur zur Hälfte. Bereits 1936 erschien der erste Teil unter dem Titel Der Freisasse im Zinnen-Verlag. Die Übersetzung stammte von Erwin Magnus, der unter dem Pseudonym Eleonore Voeltzel auftrat. Im nationalsozialistischen Deutschland wurde das Buch zunächst positiv aufgenommen: Bjarturs Kampf wurde verklärt und im Sinne der herrschenden Ideologie gedeutet, während die Ironie der Darstellung übersehen wurde. 1937 aber erkannte eine Rezension in der Zeitschrift Bücherkunde die eigentliche Aussage des Romans und griff neben dem Buch auch dessen Verfasser an.
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