1934
Seven Gothic Tales
Überblick↑
Der Erzählband Seven Gothic Tales der dänischen Schriftstellerin Karen Blixen erschien 1934. Sie veröffentlichte ihn unter dem Pseudonym Isak Dinesen. Der Band versammelt sieben Erzählungen, die überwiegend im 19. Jahrhundert spielen. Er kam drei Jahre vor ihrem bekannten Erinnerungsbuch Out of Africa heraus. Später übertrug Blixen die Sammlung selbst ins Dänische unter dem Titel Syv Fantastiske Fortællinger. Zu den Erzählungen gehören die umfangreiche Geschichte The Deluge at Norderney und The Supper at Elsinore.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Sieben Erzählungen bilden diesen Band, die meisten spielen im 19. Jahrhundert. Neben The Deluge at Norderney und The Old Chevalier gehören dazu The Monkey, The Roads Round Pisa, The Supper at Elsinore, The Dreamers und The Poet. Kennzeichnend ist eine kunstvoll verschachtelte Bauweise: In den Rahmen einer Handlung sind weitere Erzählungen eingebettet, in denen die Figuren einander ihre Lebensgeschichten berichten.
In The Deluge at Norderney überflutet im Sommer 1835 ein gewaltiges Unwetter die Nordseeinsel Norderney, auf der ein bei nordeuropäischen Adligen beliebtes Bad liegt. Ein betagter Kardinal hilft, die Bewohner zu retten, und segelt hinaus, um Badegäste zu bergen, die in dem überschwemmten Bad festsitzen. Vier Menschen finden sich schließlich in einer bedrohlichen Lage zusammen und vertreiben sich die Stunden damit, einander ihre Herkunft und ihr Schicksal zu erzählen.
In The Old Chevalier hört der Erzähler dem alten Baron von Brackel zu, der von einer Begegnung aus jungen Jahren berichtet. Im Paris der 1870er Jahre spricht ihn in einer regnerischen Nacht ein junges Mädchen namens Nathalie an. Der Baron nimmt sie mit nach Hause, ohne zu ahnen, wer sie ist. Zwischen die Erzählung schiebt er immer wieder Betrachtungen über das Wesen der Frauen und wie es sich mit der Zeit gewandelt habe.
Die Handlung im Detail↑
Im Sommer 1835 verwüstet in The Deluge at Norderney ein schweres Unwetter die Insel Norderney. Der betagte Kardinal Hamilcar von Sehestedt, der dort mit seinem Diener Kasparson lebt und an einem Buch über den Heiligen Geist arbeitet, wird von Fischern aus seinem einstürzenden Häuschen gerettet; Kasparson kommt beim Einsturz ums Leben. Der Kardinal hilft, die Bauern der Insel zu bergen, und segelt hinaus zum überfluteten Bad. Dort findet er vier Menschen: die alte, etwas verwirrte Miss Malin Nat-og-Dag mit ihrer Zofe, deren junge Begleiterin, die Gräfin Calypso von Platen, sowie den schwermütigen Jonathan Maersk.
Auf der Rückfahrt stoßen sie auf Bauern, die in einer Kornscheune eingeschlossen sind. Weil das Boot zu klein ist, tauschen alle bis auf die Zofe die Plätze mit den Bauern und warten in der Scheune auf Hilfe. Um die Zeit zu überbrücken, erzählen sie einander ihre Geschichten. Maersk berichtet, wie er als Jugendlicher aus dem Städtchen Assens nach Kopenhagen kam, sich mit dem reichen Baron von Gersdorff über die gemeinsame Liebe zur Botanik anfreundete und ein gefeierter Hofsänger wurde. Später erfährt er, dass er der Sohn des Barons ist. Verstört weist er die Angebote des Barons, ihn anzuerkennen und zum Erben zu machen, immer wieder zurück. In seiner Verzweiflung wird ihm geraten, zur Erholung nach Norderney zu reisen.
Miss Nat-og-Dag erzählt daraufhin die Geschichte der Gräfin Calypso: Tochter eines Dichters, der alles Weibliche verachtete, wuchs sie in einer Abtei ausschließlich unter Männern auf, wo niemand sie beachtete. Mit sechzehn will sie sich die Brüste abschneiden, hält im letzten Augenblick aber inne, als sie im Spiegel das Bild von Nymphen erblickt. Sie flieht aus der Abtei, wandert durch die Nacht und gelangt zum Haus der Miss Nat-og-Dag, die gerade nach Norderney unterwegs ist.
Miss Nat-og-Dag überredet das junge Paar zur Heirat, und mit Hilfe des Kardinals wird die Trauung in der Scheune vollzogen. Der Kardinal erzählt dann ein Gleichnis von einer Begegnung zwischen dem heiligen Petrus und Barabbas in einem Gasthaus in Jerusalem, und die frisch Vermählten schlafen ein. Nun offenbart der Kardinal Miss Nat-og-Dag, dass er gar nicht der Kardinal Hamilcar von Sehestedt ist, sondern dessen Diener Kasparson. Er berichtet aus seinem Leben als Schauspieler, als Barbier in Sevilla, als Revolutionär in Paris und als Sklavenhändler in Algier. Nach seinen Worten ist er zudem der uneheliche ältere Bruder von Louis Philippe I. und hat den echten Kardinal getötet, um eine neue „Rolle“ im Leben zu übernehmen. Die Erzählung endet damit, dass Kasparson und Miss Nat-og-Dag sich küssen, während das Wasser in die Scheune zu dringen beginnt. Mit fast achtzig Seiten reicht die Geschichte an den Umfang einer Novelle heran.
In The Old Chevalier hört der Erzähler dem Baron von Brackel, einem Freund seines Vaters, zu, der eine verwickelte Geschichte aus jüngeren Jahren erzählt. Im Paris der 1870er Jahre spricht ihn in einer Regennacht ein betrunkenes Mädchen an, kurz nachdem er einem Giftanschlag seiner eifersüchtigen Geliebten, der Frau eines bekannten Pariser Staatsmanns, entkommen ist. Der Baron nimmt das Mädchen, das sich Nathalie nennt, mit nach Hause, ohne zu bemerken, dass sie eine Prostituierte ist. Immer wieder schweift er in seinem Bericht ab, um über den Wandel der Frauen im Lauf der Zeit nachzudenken, und hält dem jüngeren Zuhörer entgegen, dieser spreche anders von Frauen als seine eigene Generation.
Der Baron und Nathalie verbringen die Nacht miteinander, er voller Ehrerbietung, und schlafen ein. In den frühen Morgenstunden weckt sie ihn, bittet um zwanzig Francs und geht. Zu spät erkennt der Baron, dass er sie liebt; er eilt ihr nach, kann sie aber nicht mehr finden. Auf die Frage des Erzählers, ob er sie je wiedergesehen habe, antwortet der Baron mit einer knappen Begebenheit: Knapp anderthalb Jahrzehnte später besucht er einen befreundeten Künstler und sieht ihn ein Stillleben malen – den Schädel einer jungen Frau, der Nathalies Gesicht auf verblüffende Weise ähnelt.
Stil↑
Kennzeichnend für die Sammlung ist eine bewusst altertümliche, an die Schauerromantik angelehnte Erzählweise, die schon der Titel mit dem Wort „Gothic“ ankündigt. Die Geschichten sind überwiegend im 19. Jahrhundert angesiedelt und entfalten eine Welt des europäischen Adels, der Bäder, Abteien und Salons.
Auffällig ist der kunstvolle Aufbau. Blixen verschachtelt Erzählungen ineinander: In den Rahmen einer Handlung sind weitere Geschichten eingebettet, die die Figuren einander berichten. So enthält allein The Deluge at Norderney die Lebensläufe mehrerer Personen, ein eingelegtes Gleichnis und am Ende eine überraschende Enthüllung. Die Erzählungen arbeiten mit falschen Identitäten, Verkleidungen und plötzlichen Wendungen. Ihr Umfang reicht bis nahe an die Länge einer Novelle heran.
Rezeption↑
Die Entstehung des Bandes verlief mühsam. 1933 hatte Blixen das fertige Manuskript vorliegen, doch mehrere Verlage in Großbritannien lehnten es ab. Mit Hilfe ihres Bruders Thomas gelangte das Manuskript zu Dorothy Canfield, einem Mitglied des Auswahlausschusses des Book of the Month Club. Canfield überzeugte den Verlag Random House, das Buch herauszubringen. So erschien der Band 1934 unter dem Pseudonym Isak Dinesen.
Zwischen den Ausgaben gibt es einen bemerkenswerten Unterschied in der Anordnung. In der britischen und der dänischen Fassung steht The Roads Round Pisa am Anfang und The Deluge at Norderney an vierter Stelle, was der von der Autorin beabsichtigten Reihenfolge entsprach. In der amerikanischen Ausgabe wurde die Reihenfolge umgestellt, weil The Deluge at Norderney die Lieblingsgeschichte des Verlags war. Der Band erschien drei Jahre vor Blixens Erinnerungsbuch Out of Africa.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →