1873
Eine Zeit in der Hölle
Überblick↑
Es ist eine kleine Sammlung kurzer Prosatexte in dichterischer Sprache, durchsetzt mit eingestreuten Versgedichten. Das ist Une saison en enfer, auf Deutsch meist Eine Zeit in der Hölle genannt. Arthur Rimbaud schrieb das schmale Werk zwischen April und August 1873, im Alter von gerade einmal neunzehn Jahren. Er verfasste es im bäuerlichen Elternhaus seiner Mutter im ardennischen Dorf Roche. Es zählt zu den prägenden Texten der modernen französischen Dichtung. Es gilt als eine der radikalsten Selbsterkundungen, die ein junger Dichter je zu Papier gebracht hat.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Ein junger Mensch zieht Bilanz. Er tut dies in neun knappen, aufeinanderfolgenden Stücken: Sie beginnen mit einem Prolog, dann folgen Schlechtes Blut, Nacht der Hölle, die beiden Delirien, Das Unmögliche, Der Blitz, Morgen und schließlich Adieu. Eine Stimme spricht von ihrer Herkunft, ihren Verirrungen, ihren Träumen und ihren Niederlagen. Sie schaut auf das eigene Leben wie auf einen Höllenaufenthalt. Sie versucht, sich Rechenschaft darüber abzulegen.
Die Stücke wechseln zwischen Anklage und Bekenntnis, zwischen Spott und Verzweiflung, zwischen nüchterner Prosa und plötzlich aufblitzenden Versen. Wer das Buch zur Hand nimmt, betritt kein erzähltes Geschehen im üblichen Sinn. Man folgt vielmehr einer inneren Stimme, die sich selbst befragt, anklagt und verteidigt. Dabei sucht sie immer wieder Wege, aus der Hölle herauszufinden.
Die Handlung im Detail↑
Das Buch beginnt mit einem kurzen Prolog: Einst, wenn ich mich recht erinnere… Hier blickt der Sprecher auf eine Zeit zurück, in der das Leben noch ein Fest war, bevor er sich der Schönheit, der Hoffnung und schließlich aller herkömmlichen Werte verweigert hat. Aus diesem Bruch heraus entstehen die folgenden Stücke.
In Schlechtes Blut (Mauvais Sang) befragt der Sprecher seine Herkunft. Er sieht sich als Nachfahre eines minderen, heidnischen Geschlechts, dem Fleiß und christliche Tugend fremd geblieben sind. Er träumt davon, der europäischen Zivilisation zu entfliehen, sich unter fremden Völkern zu verlieren, und stößt doch immer wieder auf die Unmöglichkeit, der eigenen Prägung zu entkommen.
Nacht der Hölle (Nuit de l'enfer) ist ein Schrei mitten aus der Qual: Der Sprecher fühlt sich verdammt, vom Gift der Sünde durchdrungen, und beschwört in fiebernden Bildern seine Verzweiflung.
Die beiden Delirien bilden das Herzstück. Im ersten, Törichte Jungfrau / Der Höllengemahl (Vierge folle / L'Époux infernal), kommt eine zweite Stimme zu Wort: eine Gefährtin, die in bitteren Klagen von ihrem Leben an der Seite eines unberechenbaren, dämonischen Gefährten erzählt – eine kaum verschlüsselte Spiegelung der zerrütteten Beziehung Rimbauds zu Paul Verlaine. Im zweiten, Alchemie des Wortes (Alchimie du verbe), zieht der Sprecher Bilanz über sein eigenes dichterisches Experiment: wie er Farben den Vokalen zugeordnet, eine neue Sprache erfunden, Halluzinationen für Wahrheit gehalten und sich am Ende selbst entlarvt hat. Frühere Verse werden eingerückt und kommentiert.
In Das Unmögliche (L'impossible) sucht er Zuflucht in der Vorstellung eines reinen, östlichen Ursprungs jenseits des modernen Abendlandes – und muss erkennen, dass auch dieser Ausweg verstellt ist. Der Blitz (L'éclair) zeigt einen kurzen, hellen Moment der Einsicht: Arbeit, nüchterne Pflicht könnten ein Weg sein, doch die Versuchung, alles hinzuwerfen, bleibt.
Morgen (Matin) deutet eine Wende an. Die lange Nacht scheint zu Ende zu gehen, ein Tag dämmert herauf, in dem Menschheit und Sprecher gemeinsam aufbrechen könnten.
Das Schlussstück Adieu (Adieu) zieht die Summe: Der Sprecher verabschiedet sich vom Herbst, von den alten Traumlandschaften, von der Rolle des Magiers und Sehers. Er bekennt, allein gewesen zu sein, ohne die Hand eines Freundes, und entschließt sich, die Wahrheit nüchtern in einer Seele und einem Leib zu umarmen. Mit dem berühmten Schlusssatz, dass es erlaubt sein wird, die Wahrheit zu besitzen, entlässt das Buch seinen Sprecher in einen ungewissen, aber entschlossenen Neuanfang – und der junge Dichter Rimbaud schweigt in den folgenden Jahren als Lyriker fast völlig.
Stil↑
Charakteristisch ist die Form: kurze, in sich geschlossene Stücke in lyrischer Prosa, durchbrochen von eingestreuten Versgedichten. Rimbaud schreibt nicht gleichmäßig, sondern in schroffen Wechseln. Nüchterne Rechenschaft steht neben fieberhafter Anrufung, sachlicher Bericht neben visionärem Bild. Die Sätze sind oft kurz und abrupt, manchmal nur Ausrufe oder Fragen. Dann wieder folgen lange, taumelnde Perioden. Die Sprache wechselt mehrfach den Ton: zwischen Beichte und Hohn, Gebet und Lästerung, Träumerei und kalter Selbstanalyse. Diese Verbindung von dichterischer Verdichtung und unmittelbarer, bekenntnishafter Rede hat das schmale Buch zu einem der Wegweiser der modernen Dichtung gemacht.
Rezeption↑
Rimbaud ließ das Werk 1873 in Brüssel auf eigene Kosten drucken. Da er die Rechnung des Verlegers nicht beglich, blieb fast die gesamte Auflage zunächst unausgeliefert. Das Buch erreichte seine Leser erst Jahrzehnte später. Heute gilt Une saison en enfer als einer der Schlüsseltexte der modernen französischen Literatur. Es hat Generationen von Dichtern nachhaltig geprägt: von den Symbolisten über die Surrealisten bis weit ins zwanzigste Jahrhundert. Der schroffe Abschied eines Neunzehnjährigen von der Dichtung wirkt bis heute als eine der eindringlichsten poetischen Selbstbefragungen der europäischen Moderne.
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