1854 – 1891
Arthur Rimbaud
Kurzporträt↑
Arthur Rimbaud (1854–1891) war ein französischer Dichter, Abenteurer und Geschäftsmann. Heute gilt er als einer der einflussreichsten französischen Lyriker. Schon als Fünfzehnjähriger schrieb er Verse. Sie katapultierten ihn binnen kurzer Zeit aus der Provinz nach Paris, wo er die literarische Welt mit einer eigenen Poetik des Sehers herausforderte. Mit knapp zwanzig Jahren brach er mit der Literatur. Er begann ein zweites Leben als Söldner, Karawanenführer und Kaufmann in Aden und Äthiopien. Er starb mit siebenunddreißig in einer Klinik in Marseille. Die wachsende Bewunderung für sein schmales Werk nahm er nicht mehr wahr.
Biografie↑
Jean Nicolas Arthur Rimbaud wurde am 20. Oktober 1854 in Charleville an der Maas geboren, nahe der belgischen Grenze. Der Vater war ein Berufsoffizier aus der Franche-Comté. Er hielt sich meist fern der Familie auf und verließ sie 1861 endgültig. Die Mutter war elf Jahre jünger und stammte von einem größeren Bauernhof in Roche in den Ardennen. Sie betrachtete sich danach als Witwe und erzog ihre vier Kinder nach strengen religiösen und moralischen Grundsätzen. Arthur war ein offenkundig hochbegabter Junge. Er lehnte sich innerlich früh gegen sie auf, wie er es später im autobiografischen Gedicht Les poètes de sept ans beschrieb.
Ab 1865 besuchte er das Gymnasium seiner Stadt und gewann regelmäßig Preise. Bereits 1868 und 1869 wurden drei seiner lateinischen Gedichte als vorzügliche Schülerleistungen abgedruckt. Sein erstes erhaltenes französisches Gedicht erschien Anfang 1870 in einer gutbürgerlichen Zeitschrift. Wichtig wurde der junge Lehrer Georges Izambard. Er machte ihn mit Victor Hugo und Charles Baudelaire bekannt und prägte seine regime- und kirchenkritische Haltung. Im Mai 1870 schickte Rimbaud dem führenden Parnassien Théodore de Banville bereits selbstbewusst eigene Gedichte mit der Bitte um Aufnahme in dessen Anthologie.
Mit dem Deutsch-Französischen Krieg und der Einkesselung der nahen Festung Sedan veränderte sich Rimbauds Leben tiefgreifend. Ende August 1870 fuhr der Fünfzehnjährige heimlich nach Paris. Dort wurde er wegen fehlender Fahrkarte verhaftet und musste von Izambard ausgelöst werden. Es folgten weitere Ausreißer-Episoden nach Belgien, ein kleiner Job bei einer linksgerichteten Charleviller Zeitung und Aufenthalte in der Pariser Kommune-Stadt, deren blutige Niederschlagung im Mai 1871 ihn aus der Ferne erschütterte. Im Winter 1870/71 entstanden in Charleville Gedichte in zunehmend hermetischem, bewusst unpoetischem Stil.
Im Mai 1871 schrieb er die beiden berühmten Lettres du voyant (Briefe des Sehers) an Izambard und Paul Demeny. Darin entwirft er seine eigene Poetik. Der Dichter müsse sich „zum Seher machen" durch „eine lange, unermessliche und planmäßige Ausschweifung aller Sinne". Die Formel „Je est un autre" (Ich ist ein Anderer) beschreibt ihn als Medium einer höheren Dichtkunst. Im September 1871 nahm der bewunderte Paul Verlaine ihn nach Paris ein, beeindruckt von zugesandten Gedichten. Im Gepäck brachte der knapp Siebzehnjährige Das trunkene Schiff mit, sein berühmtestes Werk.
In Paris verkehrte er im linksliterarischen Cercle des poètes Zutiques. Durch sein flegelhaftes Auftreten machte er sich aber in Verlaines Familie und Bekanntenkreis verhasst. Gegen Jahresende entwickelte sich ein sexuelles Verhältnis zu Verlaine, das beider Umfeld empörte. Ab Juli 1872 zogen die beiden ein knappes Jahr lang ziellos durch Belgien und England. Sie lebten zumeist von Zuwendungen ihrer Mütter und stritten heftig. Im Londoner Exil schwenkte Rimbaud von Versen auf Prosa um. Vermutlich entstanden hier erste Stücke der späteren Illuminations. Am 10. Juli 1873 schoss der betrunkene Verlaine in Brüssel auf ihn und verletzte ihn an der Hand. Verlaine wurde zu zwei Jahren Haft verurteilt, was die Freundschaft praktisch beendete.
In Roche stellte Rimbaud das Bändchen Une saison en enfer (Eine Zeit in der Hölle) fertig. Darin verarbeitete er als Mischung aus Rückschau, Beichte und Selbstanklage die Erfahrungen seiner letzten Jahre. Im Schlusskapitel „Adieu" stellte er fest, er sei „der Erde zurückgegeben, eine Pflicht zu suchen und die rauhe Wirklichkeit zu umarmen". Im Oktober 1873 wurde das Buch in Brüssel gedruckt. Bis auf wenige Vorab-Exemplare blieb es aber im Lager der Druckerei liegen. Mit dem neuen Freund Germain Nouveau arbeitete er 1874 in London an der Reinschrift der späteren Illuminations. Ein erst 2018 entdeckter Brief belegt zudem ein literarisches Großprojekt L'histoire splendide, für das er vergeblich Unterstützung beim Pariser Kommunarden Jules Andrieu suchte.
Nach dessen Scheitern hatte der Neunzehnjährige mit der Literatur abgeschlossen. Er übte Klavier und ging im Februar 1875 nach Stuttgart, um Deutsch zu lernen. Bei Verlaines Besuch übergab er ihm Manuskripte seiner Prosagedichte zur Veröffentlichung. Sie erschienen erst 1886 ohne sein Wissen unter dem von Verlaine gewählten Titel Illuminations. Es folgten Jahre rastlosen Wanderns. 1876 ließ er sich in Brüssel als Söldner für die holländische Kolonialarmee anwerben, desertierte aber bei Ankunft auf Java und kehrte als Matrose zurück. Stationen in Hamburg, Wien, Italien und Zypern führten ihn 1880 nach Aden im heutigen Jemen.
Dort wurde er Angestellter einer französischen Pelz- und Kaffeehandelsfirma. Er unternahm Expeditionen in das aus europäischer Sicht kaum bekannte Innere Äthiopiens und Somalias. Für eine geographische Fachzeitschrift verfasste er 1884 einen mit eigenen Fotos illustrierten Bericht. Er belieferte zudem Äthiopien mit Waffen. Eine seiner Karawanen umfasste hundert Kamele. Anfang 1891 bekam er in Somalia starke Schmerzen im Knie. Er liquidierte mit Verlust, aber noch beträchtlichem Kapital sein Geschäft und reiste unter großen Strapazen nach Marseille. Dort wurde Knochenkrebs diagnostiziert und das Bein amputiert. Nach einigen Sommerwochen in Roche fuhr er erneut in die Klinik. Zuvor vernichtete er fast alle in seinem Besitz befindlichen Materialien aus seiner Dichterzeit. Er starb am 10. November 1891 um zehn Uhr morgens und wurde auf dem Friedhof von Charleville beigesetzt.
Literarische Merkmale↑
Rimbauds frühe Gedichte stehen noch erkennbar in der Tradition der Spätromantik und der damals modernen Parnassiens. Das radikalrepublikanische Le Forgeron ist sichtlich von Victor Hugos politischer Lyrik beeinflusst. Soleil et chair verdankt seine Bilderwelt dem Parnasse. Bereits hier zeigt sich seine Bandbreite: bittere Satire auf die kleinbürgerliche Enge seiner Vaterstadt in À la musique, virtuose Pastiches im Stil François Villons, das gefällige Sonett vom toten Soldaten in Le dormeur du val.
Mit den Lettres du voyant vom Mai 1871 formulierte er eine eigene Poetik. Der Dichter sei Medium einer höheren Dichtkunst und mache sich „zum Seher" durch eine „lange, unermessliche und planmäßige Ausschweifung aller Sinne". Im Original heißt es „dérèglement de tous les sens", was sich mit „Ent-regelung" übersetzen lässt. Die Formel „Je est un autre" („Ich ist ein Anderer") beschreibt das dichtende Ich als jemanden, der über sich selbst hinausgeht. Dieser Lyrik geht es weniger um Schönheit als um eine enge Beziehung zur Realität, auch zur sozialen und politischen. In den Gedichten dieser Phase wird der Ton zunehmend hermetisch, mitunter bewusst unpoetisch, wie etwa in Les assis, wo er die Leser der Stadtbibliothek karikiert.
Das trunkene Schiff markiert den Höhepunkt seiner Versdichtung. Das lyrische Ich tritt als Schiff auf, das in eindrucksvollen Bildern von einer traumartigen Reise steuerlosen Dahintreibens erzählt – ein Text, der bereits surrealistisch wirkt. Nach der Trennung von Verlaine löst Rimbaud sich zunehmend von formell korrekter Metrik und korrektem Reim. Im Londoner Exil schwenkt er ganz auf Prosa um. In Une saison en enfer schreibt er eine Mischform aus Rückschau, Beichte, Selbstgespräch, Bericht, Reflexion, Klage und Selbstanklage: scheinbar mehr alogisch assoziierend als logisch referierend, dabei aber genau gearbeitet.
Die Illuminations schließlich sind suggestiv-assoziative, weitgehend sinnfreie, teils bewegte, teils unbewegte impressionistische Bilder aus Wort-, Klang-, Gedanken- und Dingmalereien. Sie lesen sich wie Traumvisionen oder gar Halluzinationen. Sie entziehen sich jeder logischen Deutung und lassen dennoch keinen Zweifel an ihrem Charakter als innerlich zusammenhängende Wortkunstwerke. In wenigen Jahren hat Rimbaud damit den Weg von gefälligen Versen der Schulzeit bis zur radikal modernen Prosadichtung zurückgelegt.
Rezeption↑
Die Nachwirkung Rimbauds setzte erst ein, als ab 1883 literarische Zeitschriften ohne sein Zutun Werke von ihm abzudrucken begannen – maßgeblich auf Initiative Verlaines, der viele Texte als Autographen oder eigene Abschriften besaß. Verlaine verfasste 1883 ein vielbeachtetes literarisches Porträt Rimbauds und nahm es 1884 in seinen Band Verfemte Dichter auf. Wenige Tage vor Rimbauds Tod erschien 1891 ohne sein Wissen unter dem Titel Le Reliquaire ein Raubdruck früher Gedichte, der trotz Verbots eine gewisse Verbreitung fand. Die offizielle Gesamtausgabe wurde zunächst von Rimbauds Schwester Isabelle behindert, die alle in ihren Augen anstößigen Texte zu vernichten versuchte. Sie kam aber 1895 mit ihrem Placet doch heraus. In den folgenden Jahrzehnten kamen immer wieder neu aufgetauchte Texte hinzu, da Rimbaud häufig Blätter an Bekannte verschenkt hatte. Sein literarisches Überleben verdankt er, so der Rückblick, weitgehend dem Einsatz seines Exfreundes Verlaine.
Der Einfluss des schmalen Werkes und der mysteriösen Figur Rimbauds auf die Dichter des Symbolismus und des Expressionismus war beträchtlich. Auch die Surrealisten orientierten sich mit ihrer Idee des nur vom Unbewussten gesteuerten Schreibens, der écriture automatique, an ihm. In Deutschland prägte die auf Le Reliquaire beruhende Teilübertragung Karl Anton Klammers von 1907 die expressionistischen Lyriker, etwa Georg Heym und Paul Zech. Zech betätigte sich Anfang der 1920er Jahre in äußerst freier Weise als Rimbaud-Nachdichter. Er schrieb ein umfangreiches Porträt und 1925 ein Drama mit Rimbaud als Protagonisten. Sein Bild des Autors prägte den deutschen Sprachraum nachhaltig, wenn auch nicht zutreffend. Zu den bekannteren Übersetzern der neueren Zeit gehört Paul Celan (1958). Die Berliner Malerin Jeanne Mammen hatte sich in ihrer künstlerischen Isolation während der NS-Zeit mit dem Dichter beschäftigt. Sie legte eine 1967 in der Insel-Bücherei erschienene Übersetzung der Illuminations vor.
Rimbauds Wirkung reicht weit über die Literatur hinaus. Benjamin Britten vertonte 1939 die Illuminations op. 18 für Sopran und Streichorchester – die wohl berühmteste Vertonung seiner Gedichte. In der Populärmusik beriefen sich Bob Dylan, Van Morrison (mit dem Song Tore down a la Rimbaud von 1985), Patti Smith, Jim Morrison, Richard Hell, Wladimir Wyssozki, Klaus Hoffmann und Fabrizio De André auf ihn, ebenso Henry Miller, Klaus Mann, Georg Trakl und die Beat-Poeten. Patti Smith kaufte sogar das Haus in Roche, um es zu erhalten. Der Aachener Rimbaud Verlag wählte ihn 1981 als Namensgeber. 2022 betrachtete die Dramatikerin Anja Hilling in ihrem Stück Liberté oh no no no Rimbauds Illuminations im Spiegel einer kulturkapitalistischen Gegenwart.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →
Aus dem Werkverzeichnis↑
Im Lexikon
Weitere Werke (Auswahl)
Vollständiges Werkverzeichnis bei Wikipedia (13 weitere Titel)