Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Autoreneintrag · Joachim Ringelnatz
Eingang · Autoren · Joachim Ringelnatz
Porträt Joachim Ringelnatz
Joachim Ringelnatz
1883 – 1934
– Autorenporträt –

Joachim Ringelnatz

1883 – 1934 · 51 Jahre

Humoristischer Dichter der Weimarer Republik, Erfinder des trunkenen Seemanns Kuttel Daddeldu und einer der bekanntesten Vortragskünstler seiner Zeit.

Kurzbiografie↑

Joachim Ringelnatz wurde am 7. August 1883 in Wurzen als Hans Gustav Bötticher geboren und starb am 17. November 1934 in Berlin. Er war ein deutscher Schriftsteller, Kabarettist und Maler. Berühmt wurde er mit humoristischen Gedichten, vor allem mit der Kunstfigur des trunkenen Seemanns Kuttel Daddeldu. In der Weimarer Republik war er ein viel gelesener Autor und ein gefragter Vortragskünstler. Er reiste durch ganz Deutschland und trug seine eigenen Verse vor Publikum vor. Zu seinen engen Freunden zählten Schauspieler wie Asta Nielsen und Paul Wegener. Sein witziges, geistreiches und oft skurriles Werk wird bis heute gelesen und geschätzt.


Biografie↑

Hans Gustav Bötticher kam am 7. August 1883 in einem Haus am Crostigall in Wurzen bei Leipzig zur Welt. Er war das jüngste von drei Geschwistern. Die Eltern waren beide künstlerisch tätig. Der Vater Georg Bötticher arbeitete zunächst als Musterzeichner und wurde später hauptberuflich Verfasser humoristischer Verse und Kinderbücher. Die Mutter Rosa Marie zeichnete und entwarf Muster für Perlstickereien. Die Familie lebte in bescheidenem Wohlstand und beschäftigte zwei Dienstmädchen. 1886 zog sie nach Leipzig, wo der Vater zur Künstler- und Gelehrtenszene gehörte. Den Großvater väterlicherseits, einen Pfarrer, hatte Joachim nie kennengelernt. Großen Eindruck machte hingegen der Urgroßvater Ferdinand Gotthelf Hand, ein Jenaer Professor, der noch unter Goethe in Weimar amtiert hatte. Zum Vater hatte Ringelnatz ein engeres Verhältnis als zur Mutter. An seine Verlobte schrieb er 1914: "Mutterliebe fehlt uns beiden."

Die Schulzeit war hart. Wegen seines auffälligen Aussehens wurde der Junge gehänselt: kleine Statur, lange spitze Nase, vordrängendes Kinn. Er flüchtete sich in Trotz und ins Zeichnen. Vom König-Albert-Gymnasium flog er, nachdem er in der Pause heimlich eine Völkerschau im Zoo besucht und sich dort von einer Samoanerin ein Tattoo hatte stechen lassen. Auf einer Privat-Realschule beendete er 1901 nach zweimaligem Sitzenbleiben mit dem Einjährigen-Freiwilligen-Examen die Schule. Ein Lehrer notierte auf dem Abgangszeugnis, er sei "ein Schulrüpel ersten Ranges" gewesen.

Mit Einwilligung des Vaters ging er noch im selben Jahr zur See. Als Schiffsjunge auf dem Segelschiff Elli erlebte er Schikanen und Gewalt. In Britisch Honduras riss er aus und verirrte sich im Urwald. Es folgten Jahre, in denen er als Leichtmatrose auf vielen Weltmeeren fuhr und zwischendurch über dreißig Nebenberufe ausübte, vom Helfer in einer Schlangenbude auf dem Hamburger Dom bis zum "Mädchen für alles" in einem Seemannsheim. 1903 musste er den Matrosenberuf wegen mangelnder Sehschärfe aufgeben. 1904 diente er als Einjährig-Freiwilliger bei der Kaiserlichen Marine in Kiel. Danach versuchte er sich als Kaufmannslehrling und Handlungsgehilfe in Hamburg, Leipzig und Frankfurt am Main. Doch immer wieder brach er aus dem geregelten Leben aus. Einmal spielte er der Bevölkerung von Eltville geschminkt den "Kalifen von Bagdad" vor. Ein anderes Mal reiste er als fahrender Sänger nach Hull. Schließlich vegetierte er in Amsterdam vor Hunger entkräftet in einer Bodenkammer.

Der Wendepunkt kam 1909 in München. In Kathi Kobus' Künstlerkneipe Simplicissimus wurde er Hausdichter und lernte Künstler wie Erich Mühsam, Frank Wedekind, Ludwig Thoma, Roda Roda und Max Reinhardt kennen. Die Bezahlung war elend: anfangs ein Bier, später ein Bier und zwei Mark. Ein eigenes Geschäft, das Tabackhaus Zum Hausdichter, ging nach wenigen Monaten Pleite. 1910 erschienen seine ersten Bücher: zwei Kinderbücher und ein Band ernster Gedichte, den er dem Vater widmete. 1912 fand er Anstellung als Privatbibliothekar beim Grafen Yorck von Wartenburg auf Schloss Klein-Öls, wo er den Nachlass Wilhelm Diltheys ordnete. Danach arbeitete er als Bibliothekar bei Börries von Münchhausen in Hannover und als Fremdenführer auf Burg Lauenstein. Im selben Jahr erschien die Gedichtsammlung Die Schnupftabaksdose. Mit der Schriftstellerei verdiente er kaum etwas. 1913 und 1914 wurden alle seine Einsendungen abgelehnt.

Bei Kriegsbeginn 1914 meldete er sich begeistert zur Marine. Er wurde vor allem auf Minensuchbooten in Wilhelmshaven und Cuxhaven eingesetzt und brachte es 1917 bis zum Leutnant zur See und Bootskommandanten. 1920 heiratete er in München Leonharda Pieper, die er Muschelkalk nannte. Im selben Jahr erschienen die Turn-Gedichte und Kuttel Daddeldu oder das schlüpfrige Leid – der Grundstein seiner Karriere als Kabarettist und reisender Vortragskünstler. Seit Dezember 1919 verwendete er das Pseudonym Joachim Ringelnatz. In den zwanziger Jahren tourte er durch Deutschland und fand zugleich Anschluss an die Berliner Kunstszene. 1922 hatte er seine erste Ausstellung in der Galerie Flechtheim. Zu seinen Freunden zählten Renée Sintenis, Karl Hofer, Kurt Tucholsky, Claire Waldoff, Otto Dix und sein Verleger Ernst Rowohlt. 1930 zog er ganz nach Berlin. Er war Mitglied von Hertha BSC und traf sich mit Hans Albers und Fußballern in der Westendklause.

Den Aufstieg der NSDAP nahm Ringelnatz lange nicht ernst. Noch 1930 schrieb er: "Der Hitler-Rummel lässt mich kalt." 1933 erhielt er Auftrittsverbote in Hamburg und München. In Dresden wurde er von der Bühne geholt, viele seiner Bücher wurden beschlagnahmt oder verbrannt. Die Bühnenauftritte waren die Haupteinnahmequelle gewesen, und so verarmte das Paar. Zugleich traten die ersten Symptome einer Tuberkulose auf. 1934 absolvierte er noch Gastspiele in Basel und Zürich, dann brach die Krankheit endgültig aus. Freunde sammelten durch öffentliche Aufrufe Geld für Sanatoriumsaufenthalte. Joachim Ringelnatz starb am 17. November 1934 im Alter von 51 Jahren in seiner Wohnung am Sachsenplatz. Nur neun Personen begleiteten den Sarg auf den Berliner Waldfriedhof Heerstraße. Man spielte sein Lieblingslied La Paloma.


Literarische Merkmale↑

Den Kern seines Ruhms bilden die humoristischen Gedichte. Mit der Schnupftabaksdose von 1912 knüpfte Ringelnatz an eine Tradition der Unsinnsdichtung des 19. Jahrhunderts an. Diese ist laut der Deutschen Biographie heute nur noch durch ihn und durch Christian Morgensterns Galgenlieder gegenwärtig. Berühmt wurde er aber erst mit den Bänden Turn-Gedichte und Kuttel Daddeldu oder das schlüpfrige Leid von 1920. Die Kunstfigur des trunkenen Seemanns Kuttel Daddeldu ist eine Parodie auf seine eigenen Seemannsträume. Kindlich und zugleich verdorben, kam sie dem Zeitgeschmack entgegen – ebenso wie die vielen Außenseiter, Deklassierten und Einsamen in seinen Versen der frühen zwanziger Jahre. Die Anfangszeile "Ich war aus dem Kriege entlassen" aus dem Gedicht Von einem, dem alles danebenging traf laut der Deutschen Biographie das Lebensgefühl einer ganzen orientierungslosen Generation.

Schon in seinen frühen Erzählungen und Novellen verband er konventionelles Erzählen mit genial-skurrilen Details, etwa in Ein jeder lebt's von 1913. In den kleinen erzählerischen Skizzen aus dem Krieg gelang ihm, so die NDB, die "leise Parodie brüchig gewordener bürgerlicher Ideale" und die Darstellung der Beziehungslosigkeit von Politik und Einzelschicksal. Seine beiden autobiographischen Bücher Als Mariner im Krieg von 1928 und Mein Leben bis zum Kriege von 1931 bezeichnet die Deutsche Biographie als im Wesentlichen zuverlässige, nicht-stilisierte Berichte mit Tagebuchcharakter.

Weniger erfolgreich war Ringelnatz als Dramatiker und Prosaist. Der Berliner Roman von 1921 nähert sich mit seinen Momentaufnahmen einer avantgardistischen Collage-Literatur. Die Erzählungen in Nervosipopel von 1924 gehören mit ihren unsinnsträchtigen Bildern und Symbolen der Heimatlosigkeit in den Kontext expressionistischer grotesker Märchen. Von seinen Theaterstücken setzte sich nur die tragisch-rührende Seemannsballade Die Flasche durch. Sie wurde 1932 in Leipzig uraufgeführt, und er ging mit ihr selbst in der Rolle des Matrosen Hans Pepper auf Tournee. Auch in seiner Malerei, die er seit 1905 betrieb, ist nach Auskunft der Deutschen Biographie eine Schwermut spürbar: Landschaften, Seestücke und groteske Szenen. Diese Schwermut begleitet oft auch seine humoristischen Verse.


Rezeption↑

Zu Lebzeiten war Ringelnatz in der Weimarer Republik ein viel gelesener Autor und ein gefragter Vortragskünstler. Mit den Turn-Gedichten und Kuttel Daddeldu von 1920 hatte er den Durchbruch geschafft. Fortan tourte er als reisender Vortragskünstler seiner eigenen Werke durch Deutschland. Er war in den Berliner Kabarett- und Künstlerkreisen fest verankert. Zu seinen Freunden zählten Asta Nielsen, Paul Wegener, Renée Sintenis, Karl Hofer, Kurt Tucholsky, Claire Waldoff, Otto Dix und sein Verleger Ernst Rowohlt. Renée Sintenis schuf 1923 eine Bronzebüste und entwarf später die Bronze-Inschrift seiner Grabplatte. Auch als Maler fand er Anerkennung. 1922 hatte er seine erste Ausstellung in der Galerie Flechtheim, 1925 wurden zwei seiner Bilder auf der Ausstellung der Preußischen Akademie der Künste verkauft.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 endete diese Erfolgsphase abrupt. Ringelnatz erhielt Auftrittsverbote und wurde in Dresden von der Bühne geholt. Die meisten seiner Bücher wurden beschlagnahmt oder verbrannt. Er starb verarmt und tuberkulosekrank Ende 1934.

Nach dem Krieg blieb er einer der bekanntesten humoristischen Lyriker deutscher Sprache. Sein Gesamtwerk wurde von Walter Pape in sieben Bänden herausgegeben (1982–85, zweite Auflage 1994), 1988 folgten die Briefe. Eine eigene Ringelnatz-Bibliographie von Wolfgang Kayser und Hans-Peter des Coudres erschien bereits 1960. Sein Witz und seine Skurrilität, so das eingangs zitierte Urteil, werden auch heute noch geschätzt.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

Aus dem Werkverzeichnis↑

Vollständiges Werkverzeichnis bei Wikipedia (127 weitere Titel)

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten