Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Autoreneintrag · Luise Rinser
Eingang · Autoren · Luise Rinser
Porträt Luise Rinser
Luise Rinser
1911 – 2002
– Autorenporträt –

Luise Rinser

1911 – 2002 · 90 Jahre

Luise Rinser zählt zu den meistgelesenen deutschsprachigen Schriftstellerinnen der Nachkriegszeit und wurde 1950 mit dem Roman „Mitte des Lebens“ weltweit bekannt – als engagierte Katholikin, Sozialistin und Friedensaktivistin mischte sie sich zugleich in öffentliche Debatten ein.

Kurzbiografie↑

Zu den meistgelesenen deutschsprachigen Schriftstellerinnen der Nachkriegszeit zählt Luise Rinser, geboren 1911 im oberbayerischen Pitzling, gestorben 2002 in Unterhaching bei München. Aus einfachen Verhältnissen kommend, wurde sie zunächst Volksschullehrerin, ehe sie sich ganz dem Schreiben zuwandte. Ihren weltweiten Erfolg erzielte sie 1950 mit dem Roman Mitte des Lebens. Neben Romanen, Novellen und Erzählungen verfasste sie zahlreiche Tagebücher und Sachbücher und mischte sich als engagierte Katholikin, Sozialistin und Friedensaktivistin in öffentliche Debatten ein. Umstritten sind bis heute ihre eigenen, teils dramatisierten Darstellungen ihrer Rolle in der NS-Zeit.


Biografie↑

Am 30. April 1911 kam Luise Rinser im oberbayerischen Pitzling zur Welt, heute ein Stadtteil von Landsberg am Lech. Ihr Vater war Lehrer und Organist. In einem Lehrerinnenseminar in München wurde sie zur Volksschullehrerin ausgebildet und legte das Examen als eine der Jahrgangsbesten ab. Nach Wikipedia arbeitete sie ab 1935 als Aushilfslehrerin an verschiedenen oberbayerischen Schulen. Prägend wurde die Begegnung mit dem Reformpädagogen Franz Seitz, der sie auch auf ihrem Weg zur Schriftstellerei bestärkte.

In der Zeit des Nationalsozialismus veröffentlichte sie erste kleine Erzählungen in der Zeitschrift Herdfeuer. 1934 verfasste sie unter dem Titel „Junge Generation“ ein Lobgedicht auf Adolf Hitler. Sie gehörte seit 1936 der NS-Frauenschaft und bis 1939 dem NS-Lehrerbund an, verweigerte aber den Eintritt in die NSDAP. Andere Dokumente, darunter Briefe an Hermann Hesse, bezeugen eine kritischere Haltung. 1939 schied sie auf eigenen Wunsch aus dem Schuldienst aus und heiratete den Komponisten und Dirigenten Horst-Günther Schnell. 1941 erschien ihre Erzählung Die gläsernen Ringe, die Hermann Hesses Zustimmung fand. Für die UFA arbeitete sie 1942 an einem Drehbuch über den weiblichen Arbeitsdienst.

Im Oktober 1944 wurde Rinser wegen „Wehrkraftzersetzung“ denunziert, verhaftet und in das Frauengefängnis in Traunstein eingeliefert. Hier gehen die Angaben auseinander. Laut der Neuen Deutschen Biographie blieb sie wegen Hochverrats und „Wehrkraftzersetzung“ bis April 1945 interniert. Nach der Darstellung in Wikipedia dagegen erhielt sie am 21. Dezember 1944 Hafturlaub, und ein Dokument des Landgerichtsgefängnisses Traunstein weist ihre Entlassung an diesem Tag aus; ob sie in die Haft zurückkehrte, sei nicht mehr zu klären. Umstritten ist auch Rinsers eigene Schilderung: In ihrem 1946 veröffentlichten Gefängnistagebuch behauptete sie einen Prozess am Volksgerichtshof unter Roland Freisler mit drohendem Todesurteil. Tatsächlich, so Wikipedia, war sie nicht einmal angeklagt; die Germanistin Sandra Schrei hat gezeigt, wie Rinser die Gefahr und ihre angebliche Widerstandsleistung mit jeder neuen Aufzeichnung vergrößerte.

Aus der 1942 geschiedenen Ehe mit Schnell ging ihr Sohn Christoph hervor; ein zweiter Sohn, Stephan, wurde Fernsehregisseur. Schnell fiel 1943 im Russland-Feldzug. Danach heiratete Rinser den Schriftsteller Klaus Herrmann, angeblich um ihn durch eine Scheinehe zu schützen; diese Ehe wurde 1952 geschieden. Von 1945 bis 1953 arbeitete sie als freie Mitarbeiterin bei der Neuen Zeitung, für die sie vor allem Bücher rezensierte. 1948 bezog sie eine Wohnung in München. 1949 nahm sie an einer Tagung der Gruppe 47 teil, wo ihre gelesene Novelle bei der Gruppenkritik durchfiel; Rinser blieb der Gruppe fortan fern.

Von 1954 bis 1959 war sie mit dem Komponisten Carl Orff verheiratet. Ab 1959 lebte sie in Rom, ab 1965 in Rocca di Papa bei Rom, wo sie 1986 zur Ehrenbürgerin ernannt wurde; zugleich behielt sie ihre Münchner Wohnung. Von Rocca di Papa aus unternahm sie zahlreiche Weltreisen und berichtete 1962 bis 1966 vom Zweiten Vatikanischen Konzil. Enge Freundschaften verbanden sie mit dem koreanischen Komponisten Isang Yun, dem Benediktinerabt Johannes Maria Hoeck und dem Theologen Karl Rahner. Rinser engagierte sich gegen die geplante atomare Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf. Kurz vor ihrem Tod kehrte sie nach Bayern zurück. Sie starb am 17. März 2002 in Unterhaching und fand ihre letzte Ruhestätte auf dem Friedhof von Wessobrunn.


Literarische Merkmale↑

Mit kleinen Erzählungen begann Rinsers literarische Arbeit, auf die 1941 der Roman Die gläsernen Ringe folgte. An dessen Ende bekennt sich die Heldin zum „scharfen Gesetz des Geistes“. Laut der Neuen Deutschen Biographie ist ihre frühe Prosa, in der es nahezu nur weibliche Heldinnen gibt, unnaturalistisch hochstilisiert und melodramatisch. Unter dem Einfluss der amerikanischen Literatur wurde ihr Stil nach dem Krieg realistischer. Davon zeugen die Novellen, die die NDB als Höhepunkte ihres Werks wertet: Die kleine Frau Marbel (1947) sowie die 1948 erschienenen Texte Ein alter Mann stirbt, Die rote Katze und die Flüchtlingsgeschichte Jan Lobel aus Warschau.

Im Romanschaffen ragt der weltweite Erfolg Mitte des Lebens (1950) heraus, der in Montagetechnik die Befreiung einer Frau von gesellschaftlichen Zwängen schildert. 1953 folgte der Roman Daniela über ihre Lehrerinnenzeit. Danach traten die autobiografischen Züge zurück zugunsten allgemeinerer Themen, etwa dem der Schuld, das sie in Sündenbock (1955) und Geh fort wenn du kannst (1959) verarbeitete. Mit Ich bin Tobias (1966), in dem erstmals ein Mann im Mittelpunkt stand, löste sie sich von ihrem Ruf als Frauenschriftstellerin. In Schwarzer Esel (1974) schilderte sie kein Einzelschicksal mehr, sondern das vieler Bewohner einer ungenannten Stadt; das Thema setzte sie in der Traumbildserie Silberschuld (1987) fort. Einen Zyklus über christliche charismatische Helden eröffnete sie 1975 mit Bruder Feuer, einem fiktiven Interview mit Franz von Assisi, dem 1983 Mirjam und 1991 die Nachdichtung Abaelards Liebe folgten. Ihre Sachliteratur begann mit dem Gefängnistagebuch (1946). Mit ihren rasch aufeinanderfolgenden Tagebüchern vollzog sie den Übergang vom Privaten zur öffentlichen Stellungnahme.


Rezeption↑

Als eine der meistgelesenen Gegenwartsautorinnen galt Luise Rinser laut der Neuen Deutschen Biographie: Knapp 40 auflagenstarke Werke wurden in mehr als 20 Sprachen übersetzt. Ihren größten Erfolg hatte sie mit dem Roman Mitte des Lebens. Für ihr Werk erhielt sie zahlreiche internationale Literaturpreise, darunter 1952 den René-Schickele-Preis, 1987 den Heinrich-Mann-Preis und 1988 den Elisabeth-Langgässer-Preis. 1956 wurde sie Mitglied der Akademie der Künste in Berlin (West), 1977 erhielt sie das Große Bundesverdienstkreuz.

Über die Literatur hinaus mischte sie sich in öffentliche Auseinandersetzungen ein. Ohne Parteibindung stand sie mit rebellischem Gestus der SPD und den GRÜNEN nahe und kandidierte 1984, von den GRÜNEN nominiert, für das Amt der Bundespräsidentin. Anfangs streng gläubige Katholikin, später antiklerikale Christin, engagierte sie sich als Sozialistin für Frauen, Umwelt und Frieden. Höchst umstritten war ihr Lob für den Staatssozialismus in Nordkorea, das sie in einem Reisetagebuch von 1981 äußerte. Umstritten blieb ebenso die Frage, wie zuverlässig ihre eigenen Darstellungen der NS-Jahre sind. Ihr Leben und Werk wurde früh wissenschaftlich untersucht, unter anderem in Studien von A. A. Scholz (1968) und in dem von Hans-Rüdiger Schwab herausgegebenen Materialienband von 1986.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

Aus dem Werkverzeichnis↑

Vollständiges Werkverzeichnis bei Wikipedia (53 weitere Titel)

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten