1909 – 1990
Giannis Ritsos
Kurzbiografie↑
Zu den bekanntesten griechischen Dichtern des 20. Jahrhunderts zählt Giannis Ritsos, dessen Name im Deutschen auch als Jannis, Jiannis oder Yannis Ritsos erscheint. Geboren 1909, wuchs er in einer verarmenden Familie auf und verband früh sein Schreiben mit einem festen politischen Bekenntnis: Zeit seines Lebens gehörte er der Kommunistischen Partei Griechenlands an. Für diese Überzeugung wurde er verfolgt, verbannt und mit Publikationsverboten belegt. Seine Verse fanden dennoch ein großes Publikum, nicht zuletzt, weil Komponisten wie Mikis Theodorakis sie vertonten. Ritsos starb 1990 in Athen und hinterließ ein außergewöhnlich umfangreiches Werk von mehr als hundert Büchern.
Biografie↑
Am 1. Mai 1909 kam Ritsos als jüngster Sohn einer Landbesitzer-Familie im Südosten der Peloponnes zur Welt. Als Geburtsort nennt die eine Überlieferung Monemvasia, die andere die Schreibweise Monemwasia; gemeint ist derselbe Ort. Sein Vater entstammte einer reichen Adelsfamilie und besaß viel Ackerland und zahlreiche Weingärten. Doch die Folgen der Agrarreform und des Ersten Weltkrieges sowie die Spielsucht des Vaters führten die Familie in den finanziellen Ruin.
Schon mit acht Jahren schrieb der Junge Gedichte, spielte Klavier und malte, angeregt durch seine humanistisch gebildete Mutter. Den Ruin nahm er damals kaum wahr. Umso härter traf ihn der Tod der Mutter im Jahr 1921, nur drei Monate nach dem Tod seines ältesten Bruders. Zur selben Zeit erkrankte der Vater und galt als geistesgestört. Ritsos und seine Schwester Lula kamen 1921 an das Gymnasium von Gythion, das sie 1925 abschlossen. Danach suchten sie in Athen nach Arbeit. In den folgenden Jahren war Ritsos als Sekretär, Kalligraph, Regisseur und Schauspieler in verschiedenen Büros und Theatern tätig. Ende der 1920er-Jahre erkrankte er an Tuberkulose. Sie zwang ihn bis 1939 immer wieder in Sanatorien, insgesamt sieben Jahre lang.
Politisch fand er früh seinen Weg. 1933 trat er der linken Kulturvereinigung „Protopori“ (Avantgardisten) bei, seit 1934 war er Mitglied der Kommunistischen Partei Griechenlands. Diese Haltung prägte seine ersten beiden gereimten Gedichtbände Traktoren (1934) und Pyramiden (1935), darunter Gedichte wie An Marx, An Christus und die Ode an die Freude. Bereits 1933 entstand als Reaktion auf die Bücherverbrennung das Poem Deutschland. Sein drittes Buch, Epitaphios (Epitaph), erlitt selbst dieses Schicksal: Der 1936 an die Macht gekommene General Metaxas ließ es öffentlich verbrennen. Ritsos hatte diese „Trauerklage einer Mutter über ihren ermordeten Sohn“ im Mai 1936 geschrieben, angeregt durch ein Foto vom Tabakarbeiterstreik in Thessaloniki.
Im Dezember 1936 erlitt seine Schwester Lula eine psychische Krise und wurde in die Nervenheilanstalt von Daphni eingewiesen, wo bereits der Vater lag; dieser starb dort 1938. Die seelische Erschütterung schlug sich im Lied meiner Schwester (1937) nieder. In diesem Werk, ebenso in der Frühlingssinfonie (1938) und im Marsch des Ozeans (1940), löste er sich von festem Versmaß und Reim und folgte allein der Musikalität der Sprache.
Während der deutschen Besatzung wohnte Ritsos bei Freunden in Athen und wurde zum Chronisten des griechischen Widerstands. Diese Erfahrung verarbeitete er in Romiosini (Griechentum) und in Herrin der Weingärten, beide in den Jahren 1945 bis 1947 entstanden. Im griechischen Bürgerkrieg wurde er 1948 mit Tausenden anderen festgenommen und auf die Verbannungsinseln Limnos, Makronisos und Agios Efstratios deportiert. Erst 1952 kam er frei, nach anhaltenden internationalen Protesten, an denen sich unter anderem Louis Aragon, Picasso und Neruda beteiligten.
Nach der Freilassung schloss er sich der linken Bewegung EDA an und kandidierte für sie 1964 bei den Parlamentswahlen. 1956 erschien das Monologgedicht Die Mondscheinsonate, das ihm mit dem Staatspreis für Lyrik die erste öffentliche Anerkennung brachte. Im selben Jahr erlebte Epitaphios nach zwanzig Jahren seine zweite Auflage. Eine Auswahl daraus schickte Ritsos nach Paris an Mikis Theodorakis, der die Verse binnen Stunden vertonte. Um die Vertonung entzündete sich ein Streit, den Ritsos selbst einen „kleinen Bürgerkrieg“ nannte: Konkurrierende Schallplattenfassungen standen für unterschiedliche ästhetische und soziale Haltungen. Die Version von Theodorakis setzte sich durch, gelangte in die Tavernen und begründete das „zeitgenössische Volkslied“ (Endechno Laiko Tragoudi).
Die Militärdiktatur von 1967 bis 1974 beendete die Hoffnung auf ein demokratisches Griechenland. Ritsos gehörte im April 1967 zu den ersten Verhafteten, wenige Tage vor seinem 58. Geburtstag. Viele Gedichte der Sammlung Die Wand im Spiegel entstanden auf den Verbannungsinseln Gyaros und Leros, der Zyklus Pförtnerloge 1970 während seines Hausarrests auf Samos. 1973 verfasste er das szenische Gedicht Der Sondeur, das ganz in der Tradition der europäischen Moderne steht. Seine politische Lyrik fasste er in einem Band, der Kameradschaftlichen Dichtung, zusammen, akzeptierte sie aber selbst nicht als Dichtung. Ab 1974 lebte er in Athen und im Sommer auf Samos. 1984 verlieh ihm die Karl-Marx-Universität Leipzig die Ehrendoktorwürde. Ritsos starb im November 1990 im Alter von 81 Jahren.
Literarische Merkmale↑
Kennzeichnend für Ritsos ist die frühe Abkehr vom traditionellen Versmaß und Reim. Schon in Werken wie dem Lied meiner Schwester, der Frühlingssinfonie und dem Marsch des Ozeans gab er die feste Form auf, um allein der inneren Musikalität und dem Rhythmus der Sprache zu folgen. In seinen frühen Bänden verband er dieses Streben mit einem klaren politischen Bekenntnis und mit dem Wunsch nach einer umfassenden Weltsicht.
Seine Bildsprache stellte Bezüge zwischen religiöser Überlieferung und politischem Protest her. Im Epitaphios etwa reichen die Anspielungen von der Beweinung Christi bis zum revolutionären Aufbegehren. Zugleich blieb Ritsos offen für die Strömungen der Moderne. Er nahm Anregungen vom Theater des Absurden über den nouveau roman bis zur Postmoderne auf, verarbeitete sie und machte sie für den eigenen Ausdruck nutzbar. Sein szenisches Gedicht Der Sondeur gilt als Beispiel für diesen antidogmatischen Umgang mit den Mitteln der Avantgarde: Gegen eine als bedrückend empfundene Wirklichkeit setzte er eine phantastische, bewusst irrationale Welt der Poesie.
Über seine politische Lyrik hinaus schrieb Ritsos den größten Teil seiner mehr als hundert Bücher unabhängig von den Erwartungen des Publikums. Wie kaum ein anderer griechischer Dichter seiner Zeit forschte und experimentierte er in seiner Dichtung.
Rezeption↑
Öffentliche Anerkennung fand Ritsos zunächst 1956, als ihm Die Mondscheinsonate den Staatspreis für Lyrik einbrachte. Größere Breitenwirkung entfaltete jedoch die Vertonung seiner Verse. Als Mikis Theodorakis den Epitaphios vertonte, wurden die Lieder zu einem großen Erfolg. Die „hohe Dichtung“ von Ritsos wurde nun von einfachen Menschen gesungen, wie der Dichter später bemerkte, und trug zur Entstehung des „zeitgenössischen Volkslieds“ in Griechenland bei.
Auch international wurde er wahrgenommen. Als er nach 1948 in der Verbannung festgehalten wurde, setzten sich Persönlichkeiten wie Louis Aragon, Picasso und Neruda für seine Freilassung ein, die schließlich 1952 erfolgte. 1984 verlieh ihm die Karl-Marx-Universität Leipzig die Ehrendoktorwürde.
Die Sicht auf sein Werk war lange belastet. Die politische Vereinnahmung durch eine „offizielle“ kommunistische Ästhetik auf der einen Seite und die Auswirkungen von Bürgerkrieg, rechtsradikalen Regierungen und Junta auf das kulturelle Leben Griechenlands auf der anderen Seite verstellten den Blick auf Ritsos als Neuerer und Dichter.
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