1936
Epitaphios
Überblick↑
Zu den bekanntesten Gedichtzyklen des griechischen Dichters Giannis Ritsos zählt Epitaphios. Das Werk entstand 1936 unter dem Eindruck eines blutig niedergeschlagenen Arbeiterstreiks. Es gibt einer trauernden Mutter eine Stimme, die über ihrem getöteten Sohn klagt. Seine besondere Wirkung entfaltete der Zyklus noch einmal Jahrzehnte später, als Mikis Theodorakis ihn 1958 vertonte und die Verse so zu einem festen Bestandteil der griechischen Musik wurden.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt des Zyklus steht eine Mutter, die auf offener Straße über ihrem toten Sohn kniet. Der junge Mann ist bei einem Arbeiterstreik ums Leben gekommen. Aus dieser einen Situation heraus entfaltet sich die Dichtung: Sie ist ganz Klage, ganz Anrede der Mutter an ihr Kind.
In zwanzig kurzen, durchnummerierten Teilen spricht die Frau zu dem Toten, erinnert sich, klagt und ringt mit dem Verlust. Die Verse verbinden die persönliche Trauer einer einzelnen Frau mit dem größeren Zusammenhang, aus dem der Tod des Sohnes stammt – dem Kampf einfacher Arbeiter um ihre Rechte. So wird aus der privaten Klage zugleich ein Bild vom Leid und vom Widerstand vieler.
Die Handlung im Detail↑
Den Anstoß gab ein wirkliches Ereignis. Am 9. Mai 1936 schlug die Polizei in Thessaloniki einen Streik der Tabakarbeiter blutig nieder. In der Zeitung „Rizospastis“ erschien ein Bild, das Ritsos tief erschütterte: Eine Mutter kniet mitten auf der Egnatia-Straße und weint über ihrem toten Sohn. Aus diesem Bild formte der Dichter innerhalb von zwei Tagen den gesamten Zyklus.
Der Text ist durchgehend die Klage dieser Mutter. In zwanzig Teilen wendet sie sich an ihren getöteten Sohn. Sie erinnert sich an ihn als lebendigen jungen Menschen, an seine Kraft und seine Bedeutung für ihr Leben. Sie beklagt, dass sie nun allein und verlassen zurückbleibt. Die Trauer schlägt dabei um in Empörung: Der Sohn ist nicht durch Zufall gestorben, sondern im Kampf der Arbeiter getötet worden. So verbindet sich in der Klage der Schmerz über den einzelnen Toten mit der Anteilnahme am Schicksal aller, die für ihre Rechte einstehen. Am Ende steht keine private Versöhnung, sondern die Verwandlung der Trauer in ein festes Bekenntnis zu dem, wofür der Sohn gestorben ist.
Die politische Wucht des Werkes zeigte sich rasch. Vier Monate nach dem Erscheinen waren bereits fast 10.000 Exemplare verkauft. Nach der Machtübernahme durch Ioannis Metaxas 1936 wurde der Zyklus verboten und vor den Säulen des Zeustempels in Athen öffentlich verbrannt.
Stil↑
Als Klagegedicht knüpft Epitaphios an die Form der Totenklage an. Die Sprache ist die einer einfachen Frau, die zu ihrem toten Kind spricht, und gerade in dieser Schlichtheit liegt ihre Kraft.
Der Aufbau ist streng geordnet. Das Werk besteht aus zwanzig durchnummerierten Teilen. Jeder Teil umfasst sechzehn Verse. Ritsos schrieb sie im fünfzehnsilbigen Versmaß, dem sogenannten Dekapentosyllab. So wirkt der Zyklus klar und eingängig – eine Voraussetzung dafür, dass die Verse später gesungen werden konnten.
Rezeption↑
Wie groß die politische Sprengkraft des Werkes war, zeigte schon das Verbot und die öffentliche Verbrennung nach 1936. Doch damit war die Wirkung nicht beendet. 1956 erschien der Zyklus in zweiter Auflage. Mikis Theodorakis, damals im Pariser Exil, bat seinen Freund Ritsos um neugriechische Lyrik und erhielt unter anderem den Epitaphios. Innerhalb weniger Stunden vertonte er die Gedichte.
Um die Vertonung entstand eine Kontroverse. Eine erste, westlich geprägte Fassung mit Nana Mouskouri stand einer schlichteren, an das Rebetiko angelehnten Version gegenüber, die Theodorakis selbst mit dem Volkssänger Grigoris Bithikotsis vorstellte. Diese zweite, volkstümliche Fassung setzte sich durch und wurde ein großer Erfolg. Die „hohe Dichtung“ wurde von einfachen Menschen in den Tavernen gesungen. Zum ersten Mal wurde ein Werk der zeitgenössischen Lyrik in der Volksmusik vertont, und daraus entstand das „zeitgenössische Volkslied“, das bis heute die griechische Musik prägt.
Auch in dieser neuen Gestalt behielt das Werk seine politische Brisanz. Im Sommer 1960 wurde Epitaphios mit der Musik von Theodorakis erneut von der Regierung verboten. Oppositionelle Kräfte aus dem linken Spektrum machten sich die Botschaft der Lieder zu eigen und forderten mehr Freiheiten und ein Ende der Herrschaft Karamanlis. Ins Deutsche übertragen wurde Ritsos' Lyrik unter anderem von Niki und Hans Eideneier sowie von Heinz Czechowski.
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