1888 – 1928
José Eustasio Rivera
Kurzbiografie↑
Der kolumbianische Schriftsteller José Eustasio Rivera stammte aus einer Bauernfamilie und arbeitete als Lehrer, Jurist und Diplomat. Bekannt wurde er durch einen einzigen Roman: La Vorágine, auf Deutsch Der Strudel, erschienen 1924. Darin verarbeitete er, was er als Mitglied einer Grenzkommission im Regenwald am Río Putumayo gesehen hatte: die Ausbeutung der Kautschukzapfer. Zuvor hatte er Gedichte veröffentlicht, 1921 den Sonettband Tierra de promisión. Rivera starb 1928 mit vierzig Jahren in New York, wohin er zur Vorbereitung der englischen Übersetzung seines Romans gereist war.
Biografie↑
Geboren wurde José Eustasio Rivera Salas als fünftes von elf Kindern einer Bauernfamilie. Beim Geburtsdatum weichen die Quellen voneinander ab: Wikidata nennt den 19. Februar 1888, die Deutsche Nationalbibliothek dagegen den 19. Februar 1889. Auch der Geburtsort ist nicht einheitlich verzeichnet. Genannt werden San Mateo im Department Huila, das 1943 dem Dichter zu Ehren in Rivera umbenannt wurde, sowie Neiva.
Die Schulzeit begann er an der Schule Santa Librada in Neiva. Ab 1902 besuchte er die Schule San Luis Gonzaga in Elías im Department Huila. Von 1906 bis 1909 absolvierte er dank eines Stipendiums an der Pädagogischen Hochschule in Bogotá die Ausbildung zum Lehrer. Nach dem Examen arbeitete er als Schulinspektor in Ibagué.
1912 nahm Rivera ein Studium der Jurisprudenz und der Staatswissenschaften an der Universidad Nacional de Colombia auf. Er schloss es 1917 mit der Promotion ab. Seinen Lebensunterhalt verdiente er währenddessen als Angestellter eines Ministeriums. Danach ließ er sich als Rechtsanwalt nieder.
1921 vertrat er sein Land erstmals bei einer diplomatischen Mission. Sie führte ihn nach Peru und nach Mexiko, anlässlich der Hundertjahrfeiern der Unabhängigkeit beider Länder. Eine zweite Mission brachte ihn 1928 nach Havanna, wo er Kolumbien beim Internationalen Kongress über Aus- und Einwanderung vertrat.
Die entscheidende Erfahrung seines Lebens machte er ab 1922. In jenem Jahr wurde er zum Juristischen Sekretär der kolumbianisch-venezolanischen Grenzkommission bestellt. Seit der Auflösung Großkolumbiens war der Grenzverlauf zwischen beiden Ländern strittig gewesen. Nach einem Schiedsspruch sollte die Grenze nun von Schweizer Landvermessern abgesteckt werden. Von September 1922 bis Oktober 1923 reiste die Kommission durch die Llanos und den unerschlossenen Regenwald, Rivera zeitweise auch allein.
Am Río Putumayo wurde er Zeuge der erbärmlichen Lebensumstände der Kautschukzapfer. Er sah, wie sie von dem brutalen Feudalherren Julio César Arana ausgebeutet wurden. Diese Eindrücke hinterließen tiefe Spuren in seinem Roman La Vorágine.
Zurück in Bogotá machte Rivera die Verbrechen im Regenwald öffentlich, in der Presse ebenso wie im Parlament. Während seiner langen Reise war er als Nachrücker für die konservative Fraktion ins Unterhaus eingezogen. Die kolumbianische Regierung blieb jedoch untätig.
Seine literarische Laufbahn hatte früh begonnen. Schon als achtzehnjähriger Student der Pädagogik schrieb Rivera Gedichte. Während des Jurastudiums entstanden einige Theaterstücke. Von den Gedichten des Frühwerks wird die 1914 zu Ehren des Freiheitshelden Antonio Ricaurte verfasste Oda a San Mateo bis heute in Kolumbien am meisten zitiert. 1921 erschien unter dem Titel Tierra de promisión eine erste Sammlung mit 55 seiner insgesamt 168 Sonette. Das wohl wichtigste Werk seines schmalen Gesamtwerks blieb der Roman La Vorágine von 1924. Rivera überarbeitete ihn immer wieder, bis zur fünften Auflage, die im Jahr seines Todes erschien.
1928 reiste Rivera in die USA, um die englische Übersetzung des Romans vorzubereiten. Dort starb er am 1. Dezember, erst vierzigjährig. Als Todesursache wird Malaria vermutet, die er sich auf der Reise durch den Regenwald zugezogen hatte und unter deren Anfällen er seither litt. Auch beim Sterbeort gehen die Angaben auseinander: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet allgemein New York, Wikidata nennt genauer die Stuyvesant Polyclinic.
Sein Leichnam wurde zur Bestattung nach Bogotá überführt. Das Schiff, das den toten Dichter den Río Magdalena hinauffuhr, und danach die Eisenbahn nach Bogotá mussten wieder und wieder halten, damit die Menschenmenge von ihm Abschied nehmen konnte.
Literarische Merkmale↑
Riveras Werk ist schmal geblieben, und es zerfällt in zwei sehr verschiedene Teile. Am Anfang stand die Lyrik: Sonette, von denen er insgesamt 168 verfasste, und Gelegenheitsgedichte auf Gestalten der kolumbianischen Geschichte. Der Ton dieser frühen Verse ist feierlich, das Gelobte Land des Titels Tierra de promisión gibt die Richtung an.
Der Roman von 1924 speist sich dagegen aus unmittelbarer Anschauung. Was Rivera als Sekretär der Grenzkommission in den Llanos und im Regenwald gesehen hatte, ging fast ungefiltert in das Buch ein, vor allem das Elend der Kautschukzapfer am Río Putumayo. Literatur und Anklage fallen bei ihm zusammen: Dieselben Zustände, die er im Parlament und in der Presse benannte, bilden den Stoff des Romans.
Bezeichnend ist auch, wie er an dem Buch arbeitete. Bis zur fünften Auflage, die im Jahr seines Todes erschien, nahm er es sich immer wieder vor und änderte daran.
Rezeption↑
Schon bald nach seinem Erscheinen wurde La Vorágine als eines der Hauptwerke der lateinamerikanischen Literatur des 20. Jahrhunderts gefeiert. Wie sehr Rivera in seiner Heimat verehrt wurde, zeigte sich bei seiner Bestattung: Das Schiff auf dem Río Magdalena und die Eisenbahn nach Bogotá mussten immer wieder anhalten, weil die Menschen von ihm Abschied nehmen wollten.
Die Erinnerung an ihn blieb wach. 1943 wurde sein Heimatort ihm zu Ehren in Rivera umbenannt. Seine Oda a San Mateo von 1914 zählt bis heute zu den in Kolumbien am häufigsten zitierten Gedichten. Der Roman fand auch über den spanischen Sprachraum hinaus Beachtung; die Vorbereitung der englischen Übersetzung war der Anlass jener Reise nach New York, auf der Rivera starb. Auf Deutsch erschien er unter dem Titel Der Strudel.
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