1861 – 1896
José Rizal
Kurzbiografie↑
Zu den Schriftstellern, die zugleich als politische Symbolfigur ihres Landes gelten, zählt José Rizal. Geboren 1861, wuchs er in einer philippinischen Familie auf und wurde Arzt, Augenspezialist und Schriftsteller. Seine beiden Romane Noli me tángere und El Filibusterismo prangerten die Willkür der spanischen Kolonialherrschaft und den Machtmissbrauch der Mönchsorden an. Rizal forderte Reformen, keine Gewalt: eine philippinische Vertretung im spanischen Parlament, Rede- und Versammlungsfreiheit, Gleichheit vor dem Gesetz. Am 30. Dezember 1896 wurde er in Manila von den spanischen Kolonialbehörden erschossen. Auf den Philippinen wird er als Nationalheld verehrt, der Tag seiner Hinrichtung ist bis heute ein nationaler Feiertag.
Biografie↑
Am 19. Juni 1861 kam José Protacio Mercado Rizal y Alonso Realonda zur Welt. Wikidata nennt als Geburtsort Calamba City auf der Insel Luzon, die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet lediglich allgemein die Philippinen. Er war das siebte von elf Kindern von Francisco Rizal Mercado und Teodora Alonso.
Die Familie war multiethnisch. Ihr Begründer war ein Chinese aus Fujian namens Domingo Lam-co, der gegen Ende des 17. Jahrhunderts auf die Philippinen einwanderte, eine Inés de la Rosa heiratete und ein Handelsgeschäft eröffnete. Ein Erlass des Generalgouverneurs zwang ihn, einen spanischen Nachnamen anzunehmen. Er wählte „Mercado“, also „Markt“, passend zu seinem Gewerbe. Rizals Mutter Teodora stammte von Lam-cos Enkelin Brígida de Quintos und von Lorenzo Alberto Alonso ab, einem philippinischen Delegierten in den spanischen Cortes.
Den Familiennamen Mercado behielt José zunächst bei. Sein zehn Jahre älterer Bruder Paciano geriet wegen seiner Verbindung zu dem hingerichteten philippinischen Priester José Burgos ins Visier der spanischen Behörden. Er riet dem Jüngeren, sich „Rizal“ zu nennen, was „grüner Reisstängel“ bedeutet, um nicht aufzufallen.
1872 ging Rizal nach Manila und besuchte das Ateneo. Dort schloss er 1877 mit dem Bakkalaureat ab, unterstützt von Ambrosio Rianzares Bautista. Schon als Schüler nahm er an literarischen Wettbewerben teil, schrieb Gedichte, kurze Sketche und Prosastücke und wurde mehrfach ausgezeichnet. Anschließend setzte er die Ausbildung am Ateneo fort und schrieb sich zugleich an der Universität Santo Tomás für Literatur und Philosophie ein. Als er erfuhr, dass seine Mutter an einer Augenkrankheit litt und zu erblinden drohte, wandte er sich der Medizin zu. 1882 brach er das Studium ab und reiste nach Europa.
An der Universidad Central de Madrid schloss er 1884 sein Medizinstudium ab, ein Jahr später ein Zweitstudium an der Philosophischen Fakultät derselben Universität. 1884 wurde er in den Freimaurerbund aufgenommen; seine Loge war die Acacia-Loge Nr. 9 in Madrid. Danach spezialisierte er sich in der Pariser Augenklinik des Ophthalmologen Louis de Wecker. 1886 setzte er seine Fachausbildung in Heidelberg fort, an der Universitätsaugenklinik von Otto Becker.
Einige Wochen wohnte er in Wilhelmsfeld bei Heidelberg im Haus des Pastors Karl Ullmer. Dieser ermunterte ihn, Schillers Freiheitsdrama Wilhelm Tell ins Tagalog zu übersetzen, seine Muttersprache. Von Spanien aus unternahm Rizal zahlreiche Reisen: nach Deutschland, Belgien, England, Frankreich, Italien, in die Schweiz und nach Österreich-Ungarn, später auch nach Japan und durch die Vereinigten Staaten. Eng befreundet war er mit Ferdinand Blumentritt, einem der besten Kenner der Philippinen, der im böhmischen Leitmeritz lebte. Bei einem längeren Aufenthalt in London arbeitete er in der Bibliothek des Britischen Museums. Sein Gastgeber Reinhold Rost, Oberbibliothekar der India Office Library, unterstützte ihn und setzte sich unter anderem beim spanischen Königshaus für ihn ein. 1887 wurde Rizal Mitglied der Berliner Anthropologischen Gesellschaft, im Mai desselben Jahres führte ihn Johann Nordmann in Wien in den Presseclub Concordia ein.
Sein bekanntestes Buch, Noli me tángere, wurde 1887 in Berlin gedruckt. Der Roman zeigt Korruption, Landraub und den sexuellen Missbrauch einheimischer Frauen durch spanische Mönche. Das zweite, dramatischere Buch El Filibusterismo baut darauf auf und erschien 1891 in Gent. Es handelt vom Vorbereiten eines gewaltsamen Umsturzes und dessen Scheitern, von der alltäglichen Unterdrückung durch die Guardia Civil und vom folgenlosen Aufbegehren der Studenten gegen die Drillpädagogik der klerikalen Schulen. Beide Bücher kamen sofort nach Erscheinen auf den Index, ihr Besitz wurde unter Strafe gestellt. In der Zueignung von El Filibusterismo setzte Rizal den unschuldig hingerichteten Mitgliedern der GOMBURZA-Gruppe ein Denkmal, was seine Gegner ihm als versteckten Aufruf zur Revolution auslegten.
Während seines Londoner Aufenthalts 1888 kommentierte Rizal die Chronik Sucesos de las Islas Filipinas des spanischen Juristen Antonio de Morga aus dem Jahr 1609. Die kommentierte Ausgabe erschien 1890 mit einem Vorwort Ferdinand Blumentritts bei Garnier Hermanos in Paris. Rizal gehörte zu den führenden Mitgliedern der Propaganda-Bewegung philippinischer Studenten in Europa und schrieb politische Artikel für deren Zeitung La Solidaridad. Er forderte darin, die Philippinen zur spanischen Provinz zu machen, eine philippinische Vertretung in den Cortes, den Ersatz spanischer Priester durch Einheimische sowie Rede- und Versammlungsfreiheit und Gleichheit vor dem Gesetz für alle Bewohner des Archipels.
1892 kehrte er auf die Philippinen zurück und gründete dort mit örtlichen Mitstreitern den reformistischen Geheimbund La Liga Filipina, den der spanische Generalgouverneur sofort verbot. Wegen seiner Romane, seiner Kritik in zahlreichen Essays und seiner Reformpläne verbannten ihn die spanischen Behörden für vier Jahre nach Dapitan in der Provinz Zamboanga del Norte auf Mindanao. Dort baute er eine Schule und ein Krankenhaus, konstruierte ein Wasserversorgungssystem für die Bauern und arbeitete als Augenarzt. Den wissenschaftlichen Briefwechsel mit seinen europäischen Freunden durfte er fortsetzen. In der Verbannung lernte er die Irin Josephine Bracken kennen, seine spätere Lebensgefährtin. Die verbreitete Behauptung, er habe sich damals mit der Tochter des deutschen Generalkonsuls Friedrich August Taufers verlobt, gehört zu den zahlreichen Falschmeldungen über ihn.
Im Sommer 1896 erlaubte ihm das Regime die Verlegung nach Kuba, wo er als Militärarzt in spanischen Diensten arbeiten sollte. Während er bewacht im Hafen von Manila auf die Schiffspassage wartete, begann der Geheimbund Katipunan in der Provinz Cavite die Philippinische Revolution. Rizal erreichte zwar Barcelona, wurde aber umgehend mit einem Truppentransporter nach Manila zurückgebracht und vor ein Kriegsgericht gestellt. Obwohl er jede Gewaltanwendung ausdrücklich ablehnte, verurteilten ihn die Kolonialherren wegen Anstiftung zur Rebellion zum Tod durch Erschießen. Generalkonsul Taufers und andere einflussreiche Personen legten beim Militärgouverneur Fürsprache ein, ohne Erfolg.
Am Vorabend der Hinrichtung schrieb Rizal an Ferdinand Blumentritt: „Mein lieber Bruder: Wenn du diesen Brief erhalten hast, bin ich schon todt. Morgen um 7 Uhr werde ich erschossen werden, ich bin aber unschuldig des Verbrechens der Rebellion. Ich sterbe gewissensruhig." Am selben Tag strich er auf der Bestätigung seines Todesurteils die Bezeichnung „mestizo chino“ durch und ersetzte sie durch „indio“. In der Nacht schrieb er das Gedicht Mi último adiós und übergab es heimlich seiner Schwester. Am 30. Dezember 1896 wurde er vor den Toren Manilas erschossen, an der Stelle des heutigen Rizal-Parks.
Literarische Merkmale↑
Politische Anklage und erzählende Form gehen bei Rizal zusammen. Seine beiden Romane schildern konkrete Missstände der Kolonialherrschaft: Korruption, Landraub, den Missbrauch einheimischer Frauen durch spanische Mönche, die Übergriffe der Guardia Civil und eine Schulbildung, die auf Abrichtung statt auf Wissen zielte. Manches spricht er offen aus, anderes deutet er nur an.
Rizal schrieb auf Spanisch, der Sprache der Kolonialmacht. Neben den Romanen stehen politische Artikel und Essays, dazu Gedichte, kurze Sketche und Prosastücke aus seiner Schulzeit sowie die gelehrte Kommentierung einer spanischen Chronik des 17. Jahrhunderts. Auch als Übersetzer trat er hervor: Schillers Wilhelm Tell übertrug er ins Tagalog. Sein Widerstand blieb dabei stets gewaltlos, und sein Mi último adiós aus der letzten Nacht vor der Hinrichtung zeigt, dass er selbst dort noch zur Gedichtform griff.
Rezeption↑
Sofort nach Erscheinen wurden Rizals Bücher auf den Index gesetzt und ihr Besitz unter Strafe gestellt. Umso gründlicher kehrte sich das Urteil nach seinem Tod um: Noli me tángere und El Filibusterismo wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und Anfang der 1950er Jahre per Gesetz zur Pflichtlektüre an allen Schulen und Hochschulen der Philippinen erklärt. Sein Abschiedsgedicht Mi último adiós wurde den philippinischen Revolutionären seiner Zeit zur Inspiration; noch Jahrzehnte später trugen es indonesische Revolutionäre vor entscheidenden Schlachten vor.
Auf den Philippinen gilt Rizal als Nationalheld. Der 30. Dezember ist als Rizal Day ein nationaler Feiertag. Am Ort seiner Erschießung im Rizal-Park von Manila steht ein Denkmal des Schweizer Bildhauers Richard Kissling. Die Festung Fuerte de Santiago im Stadtbezirk Intramuros, in der er vor der Hinrichtung eingekerkert war, beherbergt heute ein Museum mit einem Schrein zu seinen Ehren; auch der Kerker kann besichtigt werden. In Dapitan City entstand im Jahr 2000 die Jose Rizal Memorial Protected Landscape mit Repliken der von ihm entworfenen Gebäude. 1972 prägten die Philippinen zu seinem Gedenken eine 1-Piso-Münze. Zwei Universitäten tragen seinen Namen, die José Rizal University in Mandaluyong City und die José Rizal Memorial State University in Dapitan City; auch die Deutsche Schule Manila hieß lange nach ihm.
Deutliche Spuren hinterließ Rizal auch dort, wo er in Europa gelebt hat. In Wilhelmsfeld in Baden-Württemberg wurde 1978 ein Rizal-Park mit einer Statue und Bronze-Porträts wichtiger Zeitgenossen eingeweiht. Heidelberg erinnert mit einem Straßennamen und weiteren Zeichen an seinen Aufenthalt, ein Uferabschnitt des Neckars trägt seinen Namen, 2014 kam dort ein Gedenkstein hinzu. In Leitmeritz erinnert ein Denkmal an seinen Besuch bei Ferdinand Blumentritt. Auf Deutsch liegen beide Romane in Übersetzung vor, Noli me tangere in der Übertragung von Annemarie del Cueto-Mörth und Die Rebellion in der von Gerhard Walter Frey. Die wissenschaftliche Beschäftigung reicht von Bernhard Dahms Darstellung des philippinischen Nationalhelden bis zu Dietrich Harths umfangreicher kolonialismuskritischer Biografie. Annette Hug machte Rizals Tell-Übersetzung 2016 zum Stoff ihres Romans Wilhelm Tell in Manila. Im selben Jahr kam der Film Hele Sa Hiwagang Hapis heraus, 2025 widmete ihm der Heidelberger Kunstverein die Ausstellung Oculus.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →
Aus dem Werkverzeichnis↑
Im Lexikon
Weitere Werke (Auswahl)
Vollständiges Werkverzeichnis bei Wikipedia (7 weitere Titel)