1817 – 1888
Theodor Storm
Kurzporträt↑
Theodor Storm (1817–1888) zählt zu den bedeutendsten Erzählern des deutschen Poetischen Realismus. Bekannt wurde er vor allem durch seine Novellen. Sie reichen von der frühen Stimmungserzählung Immensee bis zu seinem Spätwerk Der Schimmelreiter, das heute zu den meistgelesenen Schultexten zählt. Storm selbst sah sich jedoch in erster Linie als Lyriker. Die Gedichte betrachtete er als Ursprung seiner Prosa. Sein bürgerlicher Beruf als Jurist prägte viele seiner Stoffe ebenso wie die nordfriesische Landschaft seiner Heimatstadt Husum.
Biografie↑
Hans Theodor Woldsen Storm wurde am 14. September 1817 in Husum geboren. Die Stadt gehörte damals zum Herzogtum Schleswig und zum dänischen Gesamtstaat. Sein Vater Johann Casimir Storm war Justizrat, die Mutter Lucie eine Patriziertochter aus der Familie Woldsen. Storm wuchs als ältestes von sieben Kindern in wohlhabenden Verhältnissen auf und entwickelte ein enges Verhältnis zu seiner Heimatstadt. Schon als Kind hörte er bei der Bäckerstochter Lena Wies plattdeutsche Erzählungen. Darunter war die Sage vom gespenstischen Schimmelreiter, der bei Sturmfluten auf den Deichen erscheine.
Von 1826 bis 1835 besuchte Storm die Husumer Gelehrtenschule und anschließend für drei Semester das Katharineum in Lübeck. Erst dort lernte er Goethe, Eichendorff, Heine und Mörike genauer kennen; zuvor war an seiner Schule fast nur Schiller behandelt worden. In Lübeck schrieb er erste Gedichte und lernte den Philosophen Ferdinand Röse kennen. Dieser machte ihn mit Eichendorffs Lyrik und Heines Buch der Lieder bekannt. 1837 begann er sein Jurastudium in Kiel, wechselte 1838 nach Berlin und kehrte 1839 nach Kiel zurück. In Kiel entstand die Freundschaft mit Theodor und Tycho Mommsen. Mit ihnen sammelte er schleswig-holsteinische Märchen, Sagen und Lieder. 1843 erschien das gemeinsame Liederbuch dreier Freunde mit 121 Gedichten, von denen 44 aus Storms Feder stammen.
Nach dem juristischen Examen 1842 arbeitete Storm zunächst in der Kanzlei seines Vaters. Im April 1843 eröffnete er jedoch in Husum eine eigene Anwaltspraxis. Im selben Jahr gründete er mit dem „Singverein" Husums ersten gemischten Chor. 1846 heiratete er in Segeberg seine Cousine Constanze Esmarch, mit der er sieben Kinder hatte. Schon nach dem ersten Ehejahr begann eine langjährige, leidenschaftliche Affäre mit Dorothea Jensen, die er im Singverein kennengelernt hatte. Die Beziehung war in Husum kein Geheimnis. Sie ging in den Gedichtzyklus Ein Buch der roten Rose sowie in die Novelle Angelica ein. Die Ehe mit Constanze überstand diese Belastung. Nach ihrem Tod 1865 heiratete Storm 1866 Dorothea Jensen.
Während der Schleswig-Holsteinischen Erhebung ab 1848 engagierte sich Storm politisch gegen die dänische Herrschaft. Er war Mitbegründer eines „Patriotischen Hülfsvereins" und veröffentlichte Beiträge in der von Theodor Mommsen redigierten Schleswig-Holsteinischen Zeitung. 1849 unterzeichnete er eine Petition gegen die Herzogswürde des dänischen Königs. Wegen seiner separatistischen Haltung verweigerten die dänischen Behörden 1852 die Bestätigung seiner Zulassung als Rechtsanwalt. 1853 zog er nach Potsdam, wo er als Assessor am Kreisgericht arbeitete. 1856 wechselte er als Kreisrichter nach Heiligenstadt im katholischen Eichsfeld. Diese Jahre empfand er als Exil im ungeliebten Preußen. Zugleich knüpfte er in literarischen Gesellschaften wichtige Kontakte, unter anderem zu Theodor Fontane.
1864 kehrte Storm nach Husum zurück und übernahm das Amt des Landvogts, 1868 wurde er Amtsrichter. Trotz der Heimkehr blieb er ein Kritiker des preußischen Obrigkeitsstaats und lehnte die nationale Begeisterung von 1870/71 ab. 1874 starb sein Vater, 1879 seine Mutter. Im Mai 1880 trat Storm in den vorzeitigen Ruhestand und siedelte nach Hademarschen in Holstein über, wo sein jüngerer Bruder Johannes einen Holzhandel betrieb. Hier ließ er sich eine Villa errichten und schrieb seine Altersnovellen, darunter Der Herr Etatsrat, Hans und Heinz Kirch, Zur Chronik von Grieshuus, Ein Doppelgänger und schließlich Der Schimmelreiter.
1886 unternahm Storm mit seiner Tochter Elsabe und dem Soziologen Ferdinand Tönnies eine längere Reise. Sie führte ihn nach Braunschweig zu Wilhelm Raabe und nach Weimar zur ersten Generalversammlung der Goethe-Gesellschaft. Beim Empfang bei Großherzog Carl Alexander erschien er als Zeichen der Ablehnung des Feudalismus mit Schlapphut statt mit Zylinder. Ende 1886 erkrankte er an Magenkrebs. Nachdem ihm der Hausarzt die Diagnose anfangs 1887 mitgeteilt hatte, verfiel er in eine Depression. Sein Bruder Aemil und der Arzt Ludwig Glaevecke inszenierten daraufhin eine Scheinuntersuchung und stellten eine harmlosere Herzerkrankung fest. Diesem frommen Betrug folgend, fand Storm die Kraft, Der Schimmelreiter zu vollenden. Am 4. Juli 1888 starb er in Hademarschen. Begraben wurde er auf dem St.-Jürgen-Friedhof in Husum.
Literarische Merkmale↑
Storm wird heute vor allem als Novellist wahrgenommen. Er sah sich aber zeitlebens in erster Linie als Lyriker und bezeichnete sich selbst als „letzten Lyriker" in einer Entwicklungslinie von Matthias Claudius bis Heinrich Heine. Schon in seinen frühen, stimmungsbetonten Erzählungen wie Immensee ist die Nähe zur Lyrik durch eingestreute Verse erkennbar. Für ihn war das Erlebnis das Fundament jedes Gedichts; der Gedankenlyrik stand er fern.
Lyrische Dichtung sollte nach Storms Auffassung ohne „Bildermacherei" auskommen und auf das „verbrauchte Personifizieren von Himmel, Wind, Wolke, Muschel" verzichten. Die Wortwahl seiner Gedichte ist meist schlicht, die Metrik einfach und vom paarweise gereimten, vierzeiligen Lied geprägt. Stoffe und Motive sind überschaubar: Natur, Liebe und später der Tod bestimmen das Werk. Als Vorbilder gelten Eichendorff, Heine und Mörike. Bekannt wurde vor allem seine Naturlyrik mit Anklängen an die norddeutsche Küste, etwa Die Stadt und Meeresstrand. Anders als in der romantischen Tradition erscheint die Heimat bei Storm nicht als Inbegriff des Glücks. Sie zeigt sich als eintönige, von Einsamkeit und Nebel geprägte Landschaft, in der Laut- und Wortwiederholungen ein Gefühl der Monotonie erzeugen.
Storm verzichtete auf stilistisch extravagante Wendungen und verband beschwörende Formeln mit lakonischen Kommentaren. Hoffnungen auf Unsterblichkeit oder christliche Jenseitsperspektiven sparte er in seinen Todesgedichten aus. Laut der Deutschen Biographie führte ihn die werkbestimmende Vergänglichkeits- und Kontingenzerfahrung zu einer nihilistisch getönten Religionskritik und zu einer „erotischen Liebesreligion von humanistischem Pathos".
In der Prosa entwickelte sich Storm aus lyrischen „Situationen" wie den Sommergeschichten und Liedern von 1851 hin zu einer komplexeren Novellistik. Die psychologische Erinnerungsnovelle Auf dem Staatshof (1859) markiert laut der Deutschen Biographie den Übergang von biedermeierlicher Stimmungsdichtung zum Poetischen Realismus. Mit Draußen im Heidedorf (1872) begann eine sozialpsychologisch objektivierte Form des Erzählens. Sie führte zur historischen Chroniknovelle Aquis submersus und zu Werken über Generationskonflikte und soziale Kämpfe. Storm verarbeitete dabei häufig seine juristischen Erfahrungen und kritisierte den Adel, die Beamtenhierarchie und die Verbindung weltlicher und geistlicher Macht. Zugleich blieb das Unheimliche und Märchenhafte ein roter Faden, von den frühen Kunstmärchen wie Der kleine Häwelmann bis zu Renate, Eekenhof und Der Schimmelreiter. Mit ihnen steht sein Werk in einem Spannungsverhältnis zu den Vorgaben des Realismus.
Rezeption↑
Als Storm starb, war er bereits ein anerkannter Schriftsteller. Allein die frühe Novelle Immensee erlebte zu seinen Lebzeiten 28 Auflagen. Er stand mit zahlreichen Literaten in Briefwechsel, unter anderem mit Turgenjew, Mörike, Keller, Heyse, Klaus Groth, Mommsen, Tönnies und Fontane. 1883 erhielt er den Maximiliansorden, 1887 wurde er Ehrenbürger seiner Heimatstadt Husum. Zu seinem siebzigsten Geburtstag würdigte ihn der Kieler Privatdozent Paul Schütze in einer Festrede als „bedeutendsten Vertreter der modernen Novellendichtung" neben Heyse. Zugleich prägte er den einflussreichen Topos vom „lyrischen Kern" seiner Erzählungen.
Theodor Fontane äußerte sich ambivalent über Storm. Einerseits zählte er ihn zu den „drei, vier Besten" der deutschen Lyrik nach Goethe. Andererseits sprach er spöttisch von seiner „lokalpatriotischen Husumerei" und „Provinzialsimpelei". Die Wortschöpfung „Husumerei" hat sich mit ihrem abwertenden Beiklang bis in die Gegenwart gehalten. Der Soziologe Ferdinand Tönnies stand Storm seit seiner Schulzeit nahe. In seinen 1917 erschienenen Gedenkblättern zeichnete er dagegen das Bild eines in Anschauungen denkenden Autors, der sich „sozialen Fragen" und dem Schicksal der „kleinen Leute" zuwandte, wie in Pole Poppenspäler, Carsten Curator, Bötjer Basch und Ein Doppelgänger.
Im frühen 20. Jahrhundert prägte vor allem Storms Tochter Gertrud das Bild ihres Vaters. Sie verwaltete den Nachlass in Varel, gab Briefe und Schriften heraus und veröffentlichte eine zweibändige Biografie. Karl Ernst Laage hob später ihre Verdienste um die Sammlung und Bewahrung des handschriftlichen Nachlasses hervor, auch wenn ihre Darstellungen von verehrender Schönfärbung geprägt seien. Die zunächst gängige Einordnung als romantischer Heimatdichter erschwerte lange eine tiefere Auseinandersetzung. Eine Ausnahme bildete Georg Lukács. Er hob 1909 in seinem Essay Bürgerlichkeit und l'art pour l'art die „Kraft des Entsagens" und der Resignation als das Moderne an Storms Erzählen hervor: Storm habe das alte Bürgertum als vergehende Lebensform erkannt. Friedrich Düsel suchte dagegen während des Ersten Weltkriegs die Bedeutung Storms in „Heimatliebe und Heimattreue" und „aufrechter Mannhaftigkeit".
Thomas Mann reklamierte für Storms Werk eine „Weltwürde der Dichtung", die durch die Bindung an Nordfriesland oft verstellt worden sei. Laut der Deutschen Biographie wird die überschaubare Topographie bei Storm zum sozialen Mikrokosmos und Schauplatz literarischer Experimente, die aus spätromantischen Anfängen in symbolistische Lyrik und an die Grenzen des Realismus führen. Seine Wirkungen reichen weit in die Literatur der Moderne. Heute gilt Storm neben Fontane, Hebbel, Raabe und Keller als bedeutender Vertreter des deutschen Realismus. Seine Werke werden in zahlreiche Sprachen übersetzt, und Der Schimmelreiter gehört zu den am häufigsten gelesenen und verfilmten Schullektüren. Seit 1948 pflegt die Theodor-Storm-Gesellschaft sein Andenken, ergänzt durch das Storm-Museum in Husum (seit 1972) und ein zweites in Heiligenstadt (seit 1988).
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