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Porträt Alfonsina Storni
Alfonsina Storni
1892 – 1938
– Autorenporträt –

Alfonsina Storni

1892 – 1938 · 46 Jahre

Als mittellose Einwanderin und alleinerziehende Mutter arbeitete sie sich in Argentinien bis in die vorderste Reihe der Literatur vor; ihr Tod im Meer 1938 machte sie zur nationalen Symbolfigur.

Kurzbiografie↑

Alfonsina Storni war eine argentinische Dichterin schweizerischer Herkunft. Geboren 1892 im Tessiner Ort Sala Capriasca, kam sie als Kind mit ihrer Familie nach Argentinien und wuchs dort in ärmlichen Verhältnissen auf. Als mittellose Einwanderin und alleinerziehende Mutter arbeitete sie sich vom Hutatelier und von Gelegenheitsjobs bis in die vorderste Reihe der argentinischen Literatur vor. Sie veröffentlichte neun Gedichtbände, schrieb Theaterstücke und wurde mit mehreren der bedeutendsten Literaturpreise ihres Wahllandes geehrt. Ihr Tod im Meer bei Mar del Plata im Oktober 1938 machte sie zu einer nationalen Symbolfigur.


Biografie↑

Als jüngste Tochter von Alfonso Storni und Pasqualina, genannt Paulina, geborene Martignoni, kam Alfonsina Carolina Storni 1892 in Sala Capriasca im Bezirk Lugano zur Welt. Ihr genaues Geburtsdatum ist umstritten: Das Taufbuch der Kirche Sant'Antonio in Sala nennt den 22. Mai, die Akten von Lugaggia und die argentinischen Dokumente den 29. Mai. Storni selbst feierte den 29. Mai als ihren Geburtstag. Benannt wurde sie nach dem Vater; nach ihrer eigenen Übersetzung bedeutete der Name „Bereit sein für alles“.

Die Familie hatte schon eine Wanderungsgeschichte hinter sich. Die Eltern waren im Dezember 1886 nach Argentinien ausgewandert, wo drei ältere Brüder des Vaters in San Juan eine Soda- und Eisfabrik betrieben, dazu eine Konditorei und zwei Brauereien. 1890 kehrte die Familie ins Tessin zurück. 1896 ging es mit der vierjährigen Alfonsina wieder nach Argentinien, wo man am Fuß der Anden in San Juan in recht ärmlichen Verhältnissen lebte. Ende 1899 musste die Firma der Brüder Storni liquidiert werden, und der Vater wurde zum Alkoholiker.

1900 zog die Familie nach Rosario. Die Mutter, die ein Lehrerinnendiplom aus der Schweiz mitgebracht hatte, führte eine kleine Privatschule im eigenen Haus. Der Vater eröffnete das Kaffeehaus „Café Suizo“, wo die zehnjährige Alfonsina servierte und abwusch. Nach der Pleite des Cafés wurde er krank und starb 1906. Alfonsina verließ die Schule und arbeitete mit elf Jahren in einem Konfektionsatelier für Hüte. Dort, zwischen Tüll, Federn, Perlen und Seidentüchern, wurde sie sich zum ersten Mal der sozialen Ungerechtigkeit bewusst. Mit zwölf Jahren schrieb sie ihr erstes Gedicht; die Mutter zerriss es, weil es von Friedhöfen und vom eigenen Tod handelte. Mit sechzehn schickte sie Gedichte an die Wochenzeitschrift Monos y Monadas und war überrascht, dass man sie druckte.

Erste Bühnenerfahrung soll Storni gesammelt haben, als sie in einem Passionsspiel zur Semana Santa für ein erkranktes Ensemblemitglied einsprang. Kurz darauf kam die fahrende Theaterkompanie des spanischen Schauspielers José Tallaví in die Stadt. Storni reiste ein Jahr lang mit der Truppe umher und trat unter anderem in Ibsens Gespenster, in La loca de la casa von Benito Pérez Galdós und in Los muertos von Florencio Sánchez auf. 1908 brach sie die Tournee aus persönlichen Gründen ab.

1909 bestand sie in Coronda die Aufnahmeprüfung für das neu gegründete Lehrerseminar Escuela Normal Mixta de Maestros Rurales. Am Wochenende arbeitete sie als Sängerin in einem Theater. Als dieses Doppelleben aufflog, kam es zum Skandal an der Schule; darauf folgte ein erster Suizidversuch. Andere Quellen sprechen lediglich von Gerüchten über eine Suizidneigung und deuten die Zeit eher so, dass die Achtzehnjährige ihr Leben in die Hand nahm. Sie holte die fehlende Vorbildung in drei Monaten nach und erhielt im Dezember 1910 ihr Lehrdiplom mit Bestnoten.

Noch 1910 nahm sie am Dritten Nationalkongress der Freidenker in Santa Fe teil und lernte dort Julieta Lanteri und María Abella Ramírez kennen, die sich für feministische Anliegen einsetzten. Storni wurde zweite Vizepräsidentin einer Ortsgruppe der Nationalen Liga der Feministinnen. Im Februar 1911 begann sie in Rosario zu unterrichten; im selben Jahr erschien ihr erster Prosatext in der Zeitschrift Vida Santfesina.

In dieser Zeit lernte sie den verheirateten Politiker Carlos Tercero Arguimbau kennen und erwartete bald ein Kind von ihm. Um der „Schande“ in der Provinz zu entgehen, ging sie nach Buenos Aires. Andere Quellen vermuten eine frühere Bekanntschaft, möglicherweise schon 1908 bei einer Theaterpremiere in Santa Fe, und sehen im Umzug vor allem die Hoffnung auf bessere Aussichten für eine alleinerziehende Mutter. Am 25. Januar 1912 nahm sie den Zug in die Hauptstadt. Am 21. April 1912 kam ihr Sohn Alejandro Alfonso zur Welt. Mutter und Kind zogen ins Haus der Feministin Josefina Durbec de Routin; dort lebte auch deren gleichaltrige Nichte Julia Huergo, mit der Storni eine lebenslange Freundschaft verband.

Ihr Landlehrerinnendiplom war in Buenos Aires nicht anerkannt. Sie schlug sich als Kassiererin in einer Apotheke durch, als Verkäuferin in einem Modegeschäft und als Angestellte in einer Handelsfirma. Daneben entstanden fünfzig Gedichte, die sie im März 1916 als ersten Gedichtband La inquietud del rosal auf eigene Kosten drucken ließ. Das Buch öffnete ihr Türen. 1917 erhielt sie den Premio Anual del Consejo Nacional de Mujeres für ihren Canto a los niños und wurde zur Leiterin einer Internatsschule ernannt. Eine Nervenkrise zwang sie zum Rückzug; zeitweilig arbeitete sie als Aufseherin in einer Schule für behinderte Kinder, die sie mit Geschichten und Liedern beruhigte. Ihre Gedichte trug sie immer wieder in kleinen Bibliotheken des Partido Socialista vor, mit dem sie sympathisierte, ohne je Mitglied zu werden.

Vom 28. März 1919 bis zum 5. März 1920 schrieb sie eine wöchentliche Kolumne für die Wochenzeitschrift La Nota, deren Chefredakteur Emin Arslan sie gefördert hatte. Anschließend übernahm sie eine Kolumne in der Sonntagsbeilage der Tageszeitung La Nación und musste ihre Anliegen zwischen Kochrezepten, Kosmetiktipps, Mode und Klatsch unterbringen. Meist zeichnete sie mit dem Decknamen Tao Lao, der im Spanischen männlich klingt.

Am 9. November 1920 wurde Storni argentinische Staatsbürgerin. Im selben Monat erschien ihr vierter Gedichtband Languidez mit der Widmung „Denen, die wie ich keinen einzigen ihrer Träume verwirklichen konnten.“ Die Kritik war hingerissen, das Buch bald vergriffen; es erhielt den ersten Preis der Stadt Buenos Aires und einen der drei Landespreise. 1920 reiste sie auf Einladung der Universität nach Montevideo und hielt Vorträge, unter anderem über die von ihr bewunderte Delmira Agustini. Nach der Anerkennung in Uruguay fühlte sie sich in Buenos Aires wieder einsam und litt unter starken Depressionen. Geschrieben hat sie bei jeder Gelegenheit: beim Korrigieren von Schülerheften, im Kaffeehaus, in der Straßenbahn, auf Telegrammformularen.

Zu ihrem Umkreis gehörten José Enrique Rodó, Amado Nervo, José Ingenieros und Manuel Ugarte; mit den beiden Letzten war sie eng befreundet. In Montevideo lernte sie die Dichterin Juana de Ibarbourou und den Schriftsteller Horacio Quiroga kennen. 1921 schufen Freunde eigens für sie einen Posten am Teatro Infantil Labardén, wo sie Kindern Schauspielunterricht gab und selbst einige Dramen für Kinder schrieb. 1922 wurde ihr der Premio Nacional zugesprochen. 1923 verschaffte ihr der spätere Unterrichtsminister Antonio Sagarna eine feste Teilzeitstelle als Professorin für Deklamation an der Escuela Normal de Lenguas Vivas, der sie bis zu ihrem Lebensende treu blieb.

1925 erschien Ocre, ein Band, der eine neue Richtung ihrer Arbeit anzeigte. Sie organisierte die Primera Fiesta de la Poesía in Mar del Plata und trat dort mit anderen Dichterinnen erfolgreich auf. 1926 erhielt sie einen Lehrstuhl am Musikkonservatorium und unterrichtete Spanisch und Arithmetik an einer Erwachsenenschule; im selben Jahr gab sie Poemas de amor heraus, das drei Auflagen erlebte und ins Französische übersetzt wurde.

Am 10. März 1927 wurde ihr Theaterstück El amo del mundo im Beisein des Präsidenten uraufgeführt. Ursprünglich hatte sie es als Komödie unter dem Titel Zwei Frauen geschrieben; der Intendant und Regisseur Juan León Bengoa und seine Frau Fanny Brena, die die Hauptrolle übernahm, schrieben es teilweise um. Die Kritik war gemischt, und man warf Storni vor, die Männer zu scharf kritisiert zu haben. Sie wehrte sich mit einem Artikel und ließ das Stück nach sechs Aufführungen absetzen.

Im Januar 1928 erschütterte ein Todesfall im engsten Freundeskreis die Dichterin. Sie entwickelte Angstzustände und depressive Verstimmungen und war misstrauisch gegen alles und jeden. Ein Angebot Sagarnas, eine mehrmonatige Europareise bei bezahlter Beurlaubung, lehnte sie ab; Ende des Jahres ließ sie ihr Testament beglaubigen. Im Jahr darauf ging es ihr besser. Ende Dezember 1929 reiste sie mit ihrer Kollegin Blanca Colorado de la Vega nach Europa und hielt in Spanien mit großem Erfolg Vorträge und Lesungen; dabei besuchte sie kurz auch ihren Schweizer Geburtsort. Nach der Rückkehr veröffentlichte sie 1931 Dos farsas pirotécnicas. 1933 lernte sie in Buenos Aires Federico García Lorca kennen und widmete ihm ein Gedicht. Eine zweite Europareise unternahm sie 1934 gemeinsam mit ihrem Sohn Alejandro; sie wurde in Kulturvereine und Akademien eingeladen und hatte großen Zulauf. Im selben Jahr begann mit Mundo de siete pozos eine neue Schaffensphase.

1935 erkrankte sie an Brustkrebs und wurde operiert; die Bestrahlung brach sie ab, und nur wenige Nahestehende wussten davon. 1937 und 1938 schieden zwei ihrer besten Freunde, die Dichter Horacio Quiroga und Leopoldo Lugones, durch Selbstmord aus dem Leben. Im Januar 1938 wurde Storni noch einmal nach Montevideo eingeladen, wo sie mit Gabriela Mistral und Juana de Ibarbourou das große „weibliche Dreigestirn“ der lateinamerikanischen Poesie bildete. Sie hielt dort ihren Vortrag Entre un par de maletas a medio abrir y las manecillas del reloj. In ihren letzten Gedichten klingen konkrete Suizidgedanken an. Am 22. Oktober 1938 schrieb sie in einer Pension in Mar del Plata das Gedicht Voy a dormir und brachte es noch zur Post; La Nación druckte es am Tag nach ihrem Tod im Rahmen ihres Nachrufs. Am 25. Oktober 1938 fand Storni am Strand La Perla den Tod im Meer. Als mögliche Ursache für den Freitod gilt die wiederaufkeimende Krebserkrankung. Ihr Grab liegt auf dem Cementerio de la Chacarita in Buenos Aires.


Literarische Merkmale↑

Zur argentinischen Avantgarde wird Storni gerechnet. Ihr Werk umfasst neun Gedichtbände, dazu Theaterstücke, darunter Dramen für Kinder, sowie Kolumnen und Prosatexte für Zeitschriften. Der Band Ocre von 1925 markierte eine neue Richtung ihrer Arbeit. Eine weitere Wende brachte 1934 Mundo de siete pozos, dessen Titel auf den menschlichen Kopf mit seinen sieben Öffnungen anspielt; von da an wurde ihr Ton immer sarkastischer und provokanter. In ihren Zeitungskolumnen musste sie ihre Anliegen zwischen Kochrezepten, Kosmetiktipps, Mode und Klatsch unterbringen und zeichnete sie meist mit dem Decknamen Tao Lao, der im Spanischen männlich klingt.


Rezeption↑

Anerkennung fand Storni schon zu Lebzeiten. 1917 erhielt sie den Premio Anual del Consejo Nacional de Mujeres, 1920 für Languidez den ersten Preis der Stadt Buenos Aires und einen der drei Landespreise, 1922 den Premio Nacional. Die Kritik nahm Languidez begeistert auf, das Buch war bald vergriffen. Gemischt fiel dagegen das Urteil über das Theaterstück El amo del mundo aus: Man warf ihr vor, die Männer zu scharf kritisiert zu haben, und sie ließ das Stück nach sechs Aufführungen absetzen. In Uruguay wurde ihr besondere Wertschätzung zuteil, und in Spanien hatten ihre Vorträge und Lesungen großen Erfolg. Im Januar 1938 galt sie in Montevideo gemeinsam mit Gabriela Mistral und Juana de Ibarbourou als Teil des „weiblichen Dreigestirns“ der lateinamerikanischen Poesie.

Ihr Freitod machte sie zu einer nationalen Symbolfigur Argentiniens. Er ist das Motiv des Gedichts Alfonsina y el Mar von Félix Luna, das Ariel Ramírez vertonte und das zu den bekanntesten lateinamerikanischen Liedern zählt; aufgenommen wurde es unter anderem von Mercedes Sosa. In Lugano erinnert die Rivetta Alfonsina Storni, ein kleiner Platz am Uferweg, an die Schriftstellerin.

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