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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Porträt Rex Stout
Rex Stout
1886 – 1975
– Autorenporträt –

Rex Stout

1886 – 1975 · 88 Jahre

Der US-amerikanische Schriftsteller Rex Stout war ein erfolgreicher Geschäftsmann, bevor er mit 46 Jahren seinen ersten Roman um den übergewichtigen Privatdetektiv Nero Wolfe schrieb – eine Reihe, die bis zu seinem Tod auf 33 Romane und 41 Erzählungen anwuchs.

Biografie↑

Rex Todhunter Stout stammte aus einer Quäkerfamilie und war das sechste von neun Kindern. Sein Vater John Wallace Stout (1848–1933) war Lehrer, seine Mutter hieß Lucetta Elizabeth Stout, geborene Todhunter (1853–1940). Noch bevor der Sohn ein Jahr alt war, zog die Familie auf eine Farm in Kansas, die der Großvater bewirtschaftete.

Sein Biograf John McAleer, der ihn später auch persönlich kannte, berichtete von einer außergewöhnlich frühen Entwicklung: Mit anderthalb Jahren habe der Junge lesen gelernt, mit vier die Bibel und Edward Gibbons Geschichte vom Niedergang des Römischen Reiches gelesen. Mit neun Jahren tourte er in Begleitung eines Lehrers durch Schulen in Kansas und führte vor, wie schnell er lange Zahlenreihen addieren konnte. Zwei Jahre später wurde er Buchstabiermeister von Kansas. Bis zu seinem zwölften Lebensjahr soll er alle 1126 Bücher der väterlichen Bibliothek gelesen und sämtliche Sonette Shakespeares auswendig gelernt haben. 1899 zog die Familie nach Topeka. Dort besuchte er bis 1903 die High School und arbeitete nebenbei als Bürogehilfe bei einer Eisenbahngesellschaft. Sein Aufenthalt an der University of Kansas blieb kurz. Noch im selben Jahr wurde er Buchhalter in einer kleinen Firma und verdiente zusätzlich als Platzanweiser im Theater. 1905 warb ihn die Navy an; von 1906 bis 1908 diente er als Yeoman auf der Jacht des Präsidenten Theodore Roosevelt und kam dabei bis in die Karibik und nach Südamerika.

Nach der Marinezeit zog Stout nach New York und schlug sich mit zahllosen Gelegenheitsarbeiten quer durch die Bundesstaaten durch. Er war Buchhalter, Zeitschriftenwerber, Kaufhausangestellter und Ausrufer auf Stadtrundfahrten durch Manhattan. Er half einem Klempner in Pittsburgh, fischte Shrimps vor New Orleans und verkaufte Körbe und Decken in New Mexico. Er arbeitete als Fremdenführer, Hotelpage, Koch und Buchhändler und führte zeitweise ein Hotel in St. Louis.

1910 und 1911 erschienen drei Gedichte von ihm in der Literaturzeitschrift The Smart Set. 1912 brachte er seine erste Kriminalgeschichte unter und zog nach Burlington in Vermont, um dort vier weitere Geschichten zu schreiben. Zurück in New York widmete er sich ganz dem Schreiben. Sein erster Fortsetzungsroman Her Forbidden Knight erschien 1913 im All-Story Magazine. Bis 1916 folgten dort drei weitere Fortsetzungsromane sowie insgesamt 32 Kurzgeschichten in verschiedenen Magazinen, darunter Science-Fiction-, Abenteuer- und Liebesgeschichten. Bezahlt wurde er nach Wörtern, und er lebte von der Hand in den Mund. Mit dreißig steckte er in einer Sackgasse: Trotz aller Entbehrungen kam er dem Ziel, ein ernsthafter Schriftsteller zu werden, nicht näher. Er beschloss, das Schreiben ruhen zu lassen, bis er finanziell unabhängig wäre. Bis 1929 veröffentlichte er nichts mehr.

1916 lernte er Fay Kennedy kennen, die sechs Jahre jüngere Schwester eines Schulfreundes aus Topeka. Nach einer gemeinsamen Woche in New York machte er ihr einen Heiratsantrag; im Dezember 1916 heirateten die beiden in Chicago. Sein älterer Bruder John Robert hatte die Idee zu einem Schulsparkassensystem. Stout arbeitete den Plan aus, gemeinsam gründeten sie den „Educational Thrift Service“. Während der Bruder das Unternehmen von New York aus leitete, reiste Stout mit seiner Frau von Schule zu Schule, um das System zu bewerben und einzurichten. 1918 war es bereits in über zweihundert Gemeinden eingeführt. 1919 ließ sich das Ehepaar in New York nieder, den Außendienst übernahmen nun Angestellte.

Von da an lebte Stout als erfolgreicher Geschäftsmann. Tagsüber arbeitete er in seinem Büro im Woolworth Building, abends dinierte er in vornehmen Restaurants, gab Partys, besuchte Konzerte, Theater und Lesungen. Er hatte Zugang zum kulturellen und politischen Establishment New Yorks und wurde Mitglied der American Civil Liberties Union. Zu seinen Bekannten zählten Schriftsteller, Journalisten, Kritiker und Politiker wie John Dos Passos, Ford Madox Ford, Dorothy Parker, Edmund Wilson und Paul Robeson. 1925 betreute sein Unternehmen drei Millionen Schüler in über dreißig Bundesstaaten. Nun konnte er kürzertreten. Gemeinsam mit seinem Freund Egmont Arens gab er eine zwölfbändige Luxusausgabe der Memoiren Casanovas heraus, illustriert von Rockwell Kent. Angesichts der Zensur war das ein gewagtes Unternehmen; es trieb ihn eher Liebhaberei als Profitstreben, doch das Geschäft warf Gewinn ab. 1926 beteiligte er sich finanziell an der Gründung des linksgerichteten Magazins The New Maßes und wurde Vorstandsmitglied. 1928 kehrte er der Zeitschrift den Rücken, weil ihm ihre Ausrichtung zu radikal wurde. Von 1926 bis 1928 stand er dem Verlag „Vanguard Press“ vor, der Klassiker preiswert neu auflegte und linke Titel veröffentlichte.

An seinem 40. Geburtstag beschloss Stout, sich aus dem Schulsparkassen-Unternehmen zurückzuziehen. Das angehäufte Vermögen erlaubte ihm eine Bildungsreise und die Rückkehr zum Schreiben. Im Dezember 1927 setzte er mit seiner Frau nach Europa über. In London begegnete er George Bernard Shaw und Gilbert Keith Chesterton, in Paris verkehrte das Paar in Gertrude Steins Salon und traf dort unter anderem Ernest Hemingway, Thornton Wilder und James Joyce. Besonders interessierten ihn archäologische Ausgrabungsstätten. Im Sommer 1928 brach er zu einer Rundreise auf, die ihn über Südfrankreich und Dubrovnik bis nach Athen, Kairo, Tunis und Casablanca führte. Im Februar 1929 begann er in Paris seinen ersten ernsthaften Roman How Like a God, den er binnen eines Monats vollendete. Im Frühjahr 1929 kehrte das Ehepaar in die Vereinigten Staaten zurück und zog nach Brewster im Staat New York, wo Stout 1927 ein Stück Land erworben hatte, das bis nach Danbury in Connecticut reichte.

Beim Börsenzusammenbruch im Oktober 1929 verlor Stout beinahe sein gesamtes Vermögen. Es reichte noch, um 1930 auf seinem Land in Connecticut ein Haus zu bauen, das er „High Meadow“ nannte. Dort lebte und schrieb er bis zu seinem Tod. Damals arbeitete er an seinem zweiten Roman Seed on the Wind. Beide Bücher fanden bei der Kritik durchaus Anklang, trugen den gewohnten Lebensstandard aber nicht. Aus dem erfolgreichen Geschäftsmann war ein zurückgezogen lebender Schriftsteller geworden. Die Abgeschiedenheit zermürbte seine Frau Fay, die sich nach Gesellschaft und dem Glanz New Yorks sehnte. Im Februar 1932 wurde die Ehe geschieden. Im Dezember desselben Jahres heiratete Stout Pola Hoffmann, mit der er zwei Töchter bekam: 1933 Barbara und 1937 Rebecca.

Nach insgesamt vier avantgardistischen Romanen wandte sich Stout dem Detektivroman zu. Damit konnte er zugleich seinen materiellen Status halten. Im Oktober 1933 begann er mit 46 Jahren die Arbeit an seinem ersten Nero-Wolfe-Roman Fer-de-Lance. Das Buch erschien 1934 zunächst gekürzt in einer Zeitschrift und kurz darauf als Buch. Columbia Pictures erwarb die Filmrechte, sicherte sich eine Option auf weitere Geschichten und verfilmte den Stoff zwei Jahre später als Meet Nero Wolfe. Ebenfalls 1934 erschien anonym sein Politthriller The President Vanishes, den Paramount noch im selben Jahr verfilmte. 1935 folgte der zweite Wolfe-Roman The League of Frightened Men, 1937 auch dieser verfilmt. Bis 1938 schrieb Stout vier weitere Wolfe-Romane, einen Krimi um die Detektivin Dol Bonner mit dem Titel The Hand in the Glove und zwei weitere Romane. Danach widmete er sich ausschließlich dem Kriminalroman. Bis 1941 entstanden acht weitere Krimis, darunter zwei um Nero Wolfe und drei um den Privatdetektiv Tecumseh Fox. Er hatte sich einen Namen gemacht und konnte seine Familie allein vom Schreiben ernähren.

Zwischen 1941 und 1945 entstanden nur vier Nero-Wolfe-Erzählungen und kein einziger Roman. Grund war sein politisches Engagement im Zweiten Weltkrieg. Er trat den „Friends of Democracy“ bei, einer Organisation gegen linken und rechten Extremismus, und wurde 1942 ihr Präsident. In ihrem Namen opponierte er gegen das America First Committee. Schon im April 1940, als die Vereinigten Staaten noch neutral waren, sprach er sich für die Unterstützung Großbritanniens aus. 1941 unterstützte er finanziell die Gründung des „Fight for Freedom Committee“ und forderte als dessen Sprecher im August 1941 in einer Radiosendung die sofortige Kriegserklärung an Deutschland. In Radiosendungen, Zeitungsartikeln und Reden betrieb er Öffentlichkeitsarbeit gegen Nazi-Deutschland.

In den 1960er Jahren richtete sich seine Kritik gegen J. Edgar Hoover und das FBI. In einem Interview bezeichnete er Hoover als Bedrohung der Grundfesten der Demokratie. In der Zeitschrift Ramparts veröffentlichte er unter dem Titel The Case of the Spies Who Weren’t eine Besprechung, die noch schärfer ausfiel als sein Roman The Doorbell Rang. Stout wurde auf eine Liste von Personen gesetzt, die das FBI als feindlich einstufte. Hoover äußerte sich öffentlich und wurde in einem Zeitungsartikel mit den Worten zitiert: „Wenn sich ein Spezialagent jemals so aufführte wie in Mr. Stouts Buch dargestellt, erhielte er die sofortige Kündigung“. Zugleich sah Stout die persönliche Freiheit auch durch die kommunistische Präsenz in Südostasien bedroht. Im November 1965 unterschrieb er eine Erklärung, die das amerikanische Eingreifen im Vietnamkrieg befürwortete; unter den Mitunterzeichnern waren Dean Acheson und Richard Nixon.

Als die Proteste gegen den Vietnamkrieg lauter wurden, blieb Stout bei seiner Haltung und hieß 1969 in einem Schreiben an den neu vereidigten Präsidenten Nixon dessen Vietnampolitik gut. Nach Nixons Rücktritt im August 1974 nannte er ihn mit Blick auf die Watergate-Affäre jedoch eine der größten Gefahren, denen die amerikanische Demokratie je ausgesetzt gewesen sei. In seinem letzten Lebensjahrzehnt zog er sich weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück, behielt aber sein Interesse an der Politik und gab vereinzelt Interviews. Schwere Krankheiten machten ihm zunehmend zu schaffen, hielten ihn aber nicht vom Schreiben ab. Im Januar 1975 vollendete er seinen letzten Nero-Wolfe-Roman A Family Affair. Am 27. Oktober 1975 starb Rex Stout auf seinem Land in Connecticut im Alter von 88 Jahren. Fünf Tage später wurde ein Teil seiner Asche in seinem Garten verstreut.


Literarische Merkmale↑

Nach vier avantgardistischen Romanen besann sich Stout, wie es in der Literatur über ihn heißt, „auf sein natürliches Erzähltalent und verschrieb sich […] dem Detektivroman, in dessen Grenzen er der hohen Literatur so nahe kam, daß sich kein Wertunterschied mehr erkennen läßt“.

Sein erster Nero-Wolfe-Roman Fer-de-Lance steht noch in der Tradition des akademischen Rätselromans. Zugleich ist die Ermittlungsmethode seines Detektivs dort bereits „wesentlich psychologischer Art“. Stout gilt als politischer Autor: Die Nero-Wolfe-Reihe diente ihm zugleich als Vehikel für politische Kommentare. Neben den Kriminalromanen schrieb er Science-Fiction-, Abenteuer- und Liebesgeschichten sowie einen Politthriller.


Rezeption↑

Bekannt wurde Stout durch die Romane und Erzählungen um Nero Wolfe, die zwischen 1933 und 1975 erschienen. Schon der erste Band fand rasch den Weg ins Kino: Columbia Pictures kaufte die Rechte, sicherte sich eine Option auf weitere Geschichten und brachte den Stoff 1936 als Meet Nero Wolfe auf die Leinwand. Auch der zweite Wolfe-Roman wurde 1937 verfilmt, ebenso 1934 der Politthriller The President Vanishes.

Seine ersten beiden ernsthaften Romane fanden bei der Kritik durchaus Anklang, brachten aber zu wenig ein, um davon zu leben. Der Durchbruch zu breiter Anerkennung kam spät. The Doorbell Rang, der Roman über das FBI, verkaufte sich besser als jeder frühere Nero-Wolfe-Roman. Er verschaffte Stout eine größere Leserschaft und höhere Anerkennung als Schriftsteller. Bis dahin hatte er in weiten Teilen der Öffentlichkeit als Verfechter der bürgerlichen Freiheit gegolten, der nur zur Zerstreuung Detektivgeschichten schreibe.

Vier Jahre nach seinem Tod wurde ihm zu Ehren der Nero Wolfe Award ins Leben gerufen. Sein Weggefährte John McAleer schrieb seine Biografie.

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