1811 – 1896
Harriet Beecher Stowe
Kurzbiografie↑
Mit einem einzigen Roman bewegte Harriet Beecher Stowe die öffentliche Meinung einer ganzen Nation. Die Schriftstellerin wurde 1811 in Litchfield, Connecticut, geboren und war eine entschiedene Gegnerin der Sklaverei. Sie verfasste zahlreiche Artikel und über dreißig Bücher. Ihr bekanntestes Werk ist der 1852 erschienene Roman gegen die Sklaverei Onkel Toms Hütte. Zusammen mit den daraus entstandenen Theaterfassungen erreichte er ein Millionenpublikum in der westlichen Welt. Das Werk wurde in über vierzig Sprachen übersetzt. Sie starb 1896 in Hartford, Connecticut.
Biografie↑
Aufgewachsen ist Harriet Beecher in einem evangelischen Pfarrhaus in Litchfield in Connecticut und in Boston in Massachusetts. Sie kam als jüngste Tochter und siebtes von dreizehn Kindern des presbyterianischen Pfarrers Lyman Beecher (1775–1863) zur Welt. Ihr Vater war puritanisch und calvinistisch geprägt. Ihre Mutter Roxana Foote starb an Tuberkulose, als das Mädchen erst fünf Jahre alt war. Viele ihrer Geschwister wurden Pastoren oder Prediger. Ihre Schwester Catharine Beecher wurde Schulleiterin und Schriftstellerin, ihre Halbschwester Isabella Beecher Hooker Frauenrechtlerin.
An der von Sarah Pierce gegründeten Litchfield Female Academy erhielt sie eine Ausbildung, wie sie ansonsten weitgehend Männern vorbehalten war. 1829 trat sie als Lehrerin in die Mädchenschule Hartford Female Seminary ein, die ihre Schwester Catherine gegründet hatte. Im Alter von 21 Jahren siedelte sie 1832 mit ihrem Vater nach Walnut Hills in Cincinnati, Ohio, über. Dort wurde er Präsident des neugegründeten Lane Theological Seminary. An diesem Ort wie auch in den Kirchen und in der Öffentlichkeit war der Umgang mit der Sklaverei von heftigen Auseinandersetzungen geprägt. Die Familie Beecher gehörte zu den entschiedenen Abolitionisten. Ohio lag nördlich von Kentucky, wo die Sklaverei noch erlaubt war. So bekam Harriet viel von entflohenen Sklaven und deren harten Schicksalen mit.
In einem Zirkel für talentierte Schreiber, dem Semi-Colon-Club, lernte sie den Theologen Calvin Ellis Stowe (1802–1886) kennen. Er war Professor für alte Sprachen und ebenfalls Gegner der Sklaverei. Sie heiratete ihn am 6. Januar 1836. Das Ehepaar bekam sieben Kinder, darunter Zwillingsschwestern. 1849 starb der erst achtzehn Monate alte Sohn Samuel Charles an Cholera. Durch diesen Verlust lernte Harriet Beecher Stowe den Schmerz vieler Eltern persönlich kennen. Sie entwickelte eine besondere Empathie für Sklavenmütter, denen oft die Kinder weggenommen wurden. 1850 wurde ihr Mann an das Bowdoin College in Brunswick, Maine, berufen, 1853 an das theologische Seminar in Andover. Die Familie half auch bei der Underground Railroad mit, einem geheimen Fluchtnetzwerk für geflüchtete Sklaven.
Schon von jung an beschäftigte sich Harriet Beecher Stowe in Mußestunden mit poetischen und belletristischen Arbeiten. 1833 veröffentlichte sie als erstes Werk ein Geographiebuch mit dem Titel Primary Geography. Ab 1840 erschienen ihre Artikel im weit verbreiteten Godey’s Lady’s Book. 1843 gab sie ihr erstes Buch mit Erzählungen unter dem Titel The Mayflower heraus. Ihr Mann förderte ihre Talente, und die Bücher besserten das Familieneinkommen auf.
Auf wiederholten Reisen in den Süden sah sie die Pflanzungen und Sklavenmärkte mit eigenen Augen. 1850 wurde das „Fugitive Slave Law“ im Kongress angenommen, das in den Norden geflohene Sklaven an ihre Besitzer auslieferte. Nun fühlte sie die Zeit gekommen, über das Los der Sklaven zu schreiben. Diese Eindrücke verarbeitete sie in dem Roman Uncle Tom’s Cabin, deutsch Onkel Toms Hütte. Er stützte sich auch auf die Erinnerungen des ehemaligen Sklaven Josiah Henson, der nach Kanada flüchten konnte. Der Text erschien von Juni 1851 bis April 1852 in vierzig Fortsetzungen in der Abolitionisten-Zeitung National Era und 1852 in Boston als Buch.
Der Roman beeinflusste die politische Meinung in den USA wesentlich. Er wurde zu einer wichtigen Kampfschrift im Bürgerkrieg zwischen Nord- und Südstaaten. Bereits im ersten Jahr wurden 300.000 Exemplare in Amerika und eine Million in Großbritannien verkauft. Zahlreiche Neuauflagen und über vierzig Übersetzungen folgten. 1853 veröffentlichte sie mit A Key to Uncle Tom’s Cabin einen Schlüssel zu dem Werk, in dem sie ihre Quellen offenlegte. Im selben Jahr bereiste sie Europa, wo sie mit Ehrenbezeugungen überhäuft wurde. Als Frucht der Reise erschien Sunny Memories of Foreign Lands (1854). Den Stoff bearbeitete sie auch selbst als Drama unter dem Titel The Christian Slave.
Auch in den folgenden Jahren blieb sie literarisch sehr produktiv. 1856 erschien mit Dred, A Tale of the Great Dismal Swamp ein zweiter Roman gegen die Sklaverei. Ihre Gedichte, die mehrere Bände füllen, sind meist religiöser Natur. Die Frauenrechtlerinnen Elizabeth Cady Stanton und Susan B. Anthony wollten sie für ihre Zeitschrift Revolution gewinnen. Doch eine Zusammenarbeit kam nicht zustande: Stowe bevorzugte den Weg über eine gute Bildung der Frauen und deren Einfluss im privaten Raum. Viel von ihrem Ruhm büßte sie durch die Schrift True Story of Lady Byron’s Life (1869) ein. Darin beschuldigte sie Lord Byron eines inzestuösen Umgangs mit seiner Halbschwester und löste einen Sturm der Entrüstung aus. Auch die Broschüre Lady Byron Vindicated (1870) konnte ihn nicht beschwichtigen.
In ihren späten Jahren überschatteten Schicksalsschläge ihr Leben. 1871 verschwand ihr Sohn Frederick spurlos in San Francisco. Der Ehebruchsprozess gegen ihren Bruder Henry Ward Beecher weitete sich zu einem nationalen Skandal aus. Sie zog sich zeitweise nach Mandarin bei Jacksonville in Florida zurück, wo sie seit 1867 die Winter verbrachte. Dort half sie beim Aufbau einer Kirchgemeinde und bei der Gründung einer Schule für schwarze Kinder. 1873 kehrte sie nach Hartford zurück und förderte das Wadsworth Atheneum Museum of Art sowie die Hartford Art School. Mit ihrem Sohn Charles E. Stowe verfasste sie eine Autobiographie, die 1889 erschien. Nach dem Tod ihres Mannes 1886 verschlechterte sich ihre Gesundheit zunehmend, und ihr Geist trübte sich ein. Laut Zeitungsberichten schrieb sie in ihren letzten Jahren unbewusst Onkel Toms Hütte immer wieder neu. Sie starb 1896 im Alter von 85 Jahren in Hartford an Gehirnkongestion mit Lähmung, umgeben von ihrer Familie. Beigesetzt wurde sie auf dem Campus der Phillips Academy in Andover.
Literarische Merkmale↑
Geprägt ist ihr bekanntestes Werk vom unmittelbaren Eindruck eigener Beobachtungen. Die Reisen durch den Süden, die Begegnungen mit entflohenen Sklaven und der frühe Tod ihres Kindes flossen in Onkel Toms Hütte ein und gaben dem Roman seine eindringliche Wirkung. Stowe schrieb mit einer klaren moralischen und religiösen Haltung. Die Sklaverei stellte sie als unmenschlich und mit dem christlichen Glauben unvereinbar dar. Wie sich in Dred, A Tale of the Great Dismal Swamp andeutet, ist sie unter anderem der Regionalliteratur Neuenglands zuzurechnen. Ihre zahlreichen Gedichte sind überwiegend religiöser Natur. Neben Romanen verfasste sie Erzählungen, Artikel, einen Reisebericht und Dramatisierungen ihres eigenen Stoffes.
Rezeption↑
Kaum ein Roman des 19. Jahrhunderts entfaltete eine so unmittelbare politische Wirkung wie Onkel Toms Hütte. Schon im ersten Jahr verkaufte sich das Buch hunderttausendfach. Es wurde zu einer wichtigen Kampfschrift im amerikanischen Bürgerkrieg und in über vierzig Sprachen übersetzt. Abraham Lincoln soll bei einem Treffen mit Harriet Beecher Stowe gesagt haben: „Sie sind also die kleine Frau, deren Buch diesen großen Krieg verursacht hat.” Das Zitat ist nicht zeitgenössisch belegt. Es erschien erstmals 1896 in einer posthumen Biographie und gilt als apokryph.
Auf den Londoner Volksbühnen wurde der Stoff dramatisiert. Die Bearbeitungen liefen über Jahrzehnte erfolgreich. Allein in den 1890er Jahren waren nach Schätzungen rund einhundert Ensembles mit dem Stück auf Tournee. Zugleich verfremdeten zahlreiche unautorisierte Aufführungen in den USA das Werk. Sie ließen die Figur Onkel Tom als dummen, schwächlichen und unterwürfigen Schwarzen auftreten. Um die Wirkung zu schwächen, trat Mary Eastman mit dem Gegenroman Aunt Phillis’s Cabin auf, der jedoch eher wirkungslos blieb. Ihrem späteren Ruf schadete dagegen die Schrift über Lord Byron, die einen Sturm der Entrüstung auslöste. Auf ihrem Grabstein steht die Inschrift „Her Children Rise up and Call Her Blessed“ – „Ihre Kinder verneigen sich und nennen sie eine Gesegnete“.
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