1874 – 1915
August Stramm
Kurzbiografie↑
August Stramm zählt zu den eigenwilligsten Dichtern des deutschen Expressionismus. Geboren 1874 in Münster, führte er lange ein Doppelleben: hauptberuflich Beamter der Reichspost, fand er erst um 1912 zu einer ganz eigenen dichterischen Sprache. In wenigen Jahren zerlegte er in seinen Gedichten die gewohnte Grammatik, verkürzte Wörter und reihte Ein-Wort-Zeilen aneinander, sodass Klang und Rhythmus in den Vordergrund traten. Entscheidend wurde die Freundschaft mit Herwarth Walden, in dessen Zeitschrift Der Sturm ein Großteil seiner Werke erschien. Als Hauptmann der Reserve fiel Stramm am 1. September 1915 an der Ostfront.
Biografie↑
Geboren wurde August Albert Bernhard Stramm am 29. Juli 1874 in Münster; die Deutsche Biographie nennt den Ort genauer „Münster (Westfalen)“, Wikidata schlicht „Münster“ – gemeint ist dieselbe Stadt. Sein Vater Siegfried Albert war zunächst Berufssoldat und ab 1876 Postbeamter, die Familie katholisch. Stramm wuchs in Münster, Düren, Eupen und Aachen auf und legte 1893 am Kaiser-Wilhelms-Gymnasium in Aachen das Abitur ab. Den Wunsch, katholische Theologie zu studieren, verwehrte ihm der Vater.
So schlug er eine Laufbahn bei der Reichspost ein. Er wurde bald Postsekretär und arbeitete ab 1897 im Seepostdienst zwischen Deutschland und den USA; in Bremen wohnhaft, bereiste er die Vereinigten Staaten. Seinen Militärdienst leistete er 1896/97 als Einjährig-Freiwilliger ab. Neben dem Beruf besuchte er die Berliner Post- und Telegraphenschule und hörte Vorlesungen zum Staats- und Verwaltungsrecht, zur Nationalökonomie und zur Verkehrsgeschichte. 1902 legte er die höhere Verwaltungsprüfung für Post und Telegraphie ab.
Im selben Jahr, 1902, heiratete er in Berlin Else Krafft, die als Journalistin und Unterhaltungsschriftstellerin unter dem Pseudonym Isolde Leyden schrieb. 1903 kam die Tochter Ingeborg zur Welt, 1904 der Sohn Helmuth. Ebenfalls 1902 entstand mit dem Drama Die Bauern ein erstes literarisches Werk. Ab 1905 lebte die Familie in Berlin-Karlshorst. Stramm hörte an der Berliner Universität Vorlesungen und wurde 1909 an der Universität Halle-Wittenberg zum Dr. phil. promoviert; seine Dissertation behandelte das Welteinheitsporto. Anschließend wurde er zum Postinspektor befördert, 1914 ins Reichspostministerium berufen.
Um 1912 fand Stramm, der sich jahrelang immer wieder an literarischen Arbeiten versucht hatte, zu seinem eigenen Ton. In Werken wie Rudimentär und Die Haidebraut verbanden sich naturalistische Themen mit Sprachexperimenten. Wahrscheinlich unter dem Einfluss des italienischen Futurismus entstanden nun Gedichte, die für den Expressionismus wegweisend wurden. Über diese Arbeiten kam Stramm in Kontakt mit Herwarth Walden, dem Herausgeber der Zeitschrift Der Sturm, mit dem ihn bald eine enge Freundschaft verband. Die Möglichkeit, in einer angesehenen Zeitschrift zu veröffentlichen und Anerkennung zu finden, löste seine letzte und produktivste Schaffensphase aus.
Bei Kriegsbeginn 1914 wurde Stramm als Hauptmann der Reserve eingezogen und kam zunächst zum Badischen Landwehr-Infanterie-Regiment Nr. 110 am Oberrhein. Im Januar 1915 wurde er als Kompanieführer zum Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 272 versetzt, das bei Chaulnes an der Somme kämpfte. Ende Februar erhielt er das Eiserne Kreuz II. Klasse. Im April kam er mit seinem Regiment an die Ostfront und nahm Anfang Mai an der Schlacht von Gorlice teil. Seit dem 19. Mai Bataillonskommandeur, kämpfte er bei Radymno und im Juli bei Grodek, wofür er das Österreichische Militärverdienstkreuz erhielt. Am 1. September 1915 fiel Stramm beim Angriff auf russische Stellungen am Dnepr-Bug-Kanal, bei Horodec östlich von Kobryn, im Gebiet des heutigen Belarus. Sein Grab, das seiner Frau Else (gestorben 1947) und seines Sohnes Helmuth befindet sich heute auf dem Südwestfriedhof Stahnsdorf bei Berlin.
Literarische Merkmale↑
Kennzeichnend für Stramms Dichtung ist ein radikaler Umgang mit der Sprache. In seinen Gedichten löste er syntaktische, grammatische und semantische Strukturen auf, verkürzte Wörter, erfand neue und setzte Ein-Wort-Zeilen ein. Auf diese Weise traten Klang und Rhythmus der Sprache in den Vordergrund, während der gewohnte Satzbau zurückgedrängt wurde. Die Deutsche Biographie nennt ihn einen bedeutenden Vertreter der modernen Lyrik und Begründer einer abstrakten Poesie. Erhalten sind nur die Gedichte der letzten drei Lebensjahre; frühere Arbeiten sind verloren.
Die Themen seiner Lyrik kreisen vor allem um Liebe und Erotik, etwa im Zyklus Du von 1915, sowie um die Kriegserfahrung. Die an der Front entstandenen Kriegsgedichte fasste Herwarth Walden später unter dem Titel Tropfblut (1919) zusammen. Wie sehr Stramm die Sprache aufbrach, zeigt eine Zeile aus dem Gedicht Freudenhaus von 1914: „Lichte dirnen aus den Fenstern / die Seuche / spreitet an der Tür / und bietet Weiberstöhnen aus!“
Prägend für diese Entwicklung war die Begegnung mit Walden ab 1914. In dessen Sturm-Kreis lernte Stramm auch den italienischen Futurismus Marinettis kennen, der auf sein Dichten einwirkte. In der Zeitschrift und im Verlag Der Sturm erschienen die meisten seiner Gedichte und Dramen erstmals. Noch am Naturalismus orientiert waren seine frühen Bühnenwerke, etwa Der Gatte, Die Unfruchtbaren und Die Haidebraut.
Rezeption↑
Wirkung entfaltete Stramms Werk vor allem über den Sturm-Kreis. Sein Stil beeinflusste dessen Wortkunsttheorie und, wie die Deutsche Biographie festhält, die frühen Werke Alfred Döblins und Kurt Schwitters' sowie später Arno Schmidt, Ernst Jandl und Gerhard Rühm. Seine Gedichte wurden mehrfach vertont, unter anderem von Herwarth Walden, Paul Hindemith und Wolfgang Rihm.
Schon früh galt Stramm als eigener Fall der Literaturgeschichte. Bereits 1928 stellte ihn H. Jansen als Hauptvertreter des dichterischen Frühexpressionismus vor. In den folgenden Jahrzehnten widmeten sich zahlreiche Studien seiner Lyrik und Dramatik, darunter Arbeiten von C. Hering (1950), E. Bozzetti (1961) und P. Michelsen, der 1964 im Euphorion über die Sprachform des Frühexpressionismus bei Stramm schrieb. Später kamen Untersuchungen hinzu, die ihn im Umfeld von Expressionismus, Avantgarde und Sprachskepsis verorteten, so bei L. Jordan (1990/1995) und K. Mandalka (1992). Auch als westfälischer Autor und als Stimme der Kriegslyrik des Ersten Weltkriegs wurde er behandelt. Sein Andenken pflegten unter anderem Ausstellungen und der Literaturverein Münster.
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