Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Autoreneintrag · August Strindberg
Eingang · Autoren · August Strindberg
Porträt August Strindberg
August Strindberg
1849 – 1912
– Autorenporträt –

August Strindberg

1849 – 1912 · 63 Jahre

Schwedischer Dramatiker und Romancier, Wegbereiter des modernen europäischen Theaters und einer der produktivsten Autoren seines Landes.

Kurzporträt

August Strindberg (1849–1912) war ein schwedischer Schriftsteller und Künstler. Von den späten 1870er Jahren bis zu seinem Tod dominierte er die Literaturszene seines Landes. Er schrieb mehr als 60 Dramen, zehn Romane, zehn Novellensammlungen und mindestens 8.000 Briefe. Damit gilt er als einer der produktivsten Autoren Schwedens. Besonders seine Bühnenstücke wie Fräulein Julie, Ein Traumspiel und die Trilogie Nach Damaskus machten ihn zu einem der Wegbereiter des modernen europäischen Theaters. Sein Werk reicht vom naturalistischen Gesellschaftsroman bis zur expressionistischen Symboldichtung. Begleitet wurde es von einem Leben voller Konflikte, drei Ehen und einer schweren seelischen Krise.


Biografie

Johan August Strindberg kam am 22. Januar 1849 in Stockholm zur Welt. Er war das vierte von acht Kindern des Dampfschiffkommissionärs Carl Oscar Strindberg und der früheren Haushaltsangestellten Ulrika Eleonora Norling. Die Familie führte ein mittelständisches Leben. Wegen der wirtschaftlichen Schwankungen der väterlichen Schiffsagentur war sie aber zu vielen Wohnungswechseln gezwungen – allein in den ersten zwanzig Jahren zog Strindberg zehnmal um. Im Elternhaus wurde Musik gepflegt, der Vater spielte Klavier und Cello. Der Junge selbst beherrschte als einziger der Familie kein Instrument. Er galt als schüchtern und verschlossen und interessierte sich früh für die Naturwissenschaften. 1853 ging das Unternehmen des Vaters in Konkurs, erholte sich aber rasch. 1862 starb die Mutter an Tuberkulose. Als der Vater bald darauf die 22-jährige Erzieherin der Kinder heiratete, wurden die familiären Beziehungen zunehmend angespannt. Der Jugendliche zog sich in den Pietismus zurück.

Im Mai 1867 legte Strindberg sein Abitur ab und immatrikulierte sich in Uppsala für „Ästhetik und lebende Sprachen". Er versuchte sich als Scharfschütze, Prediger, Grundschul- und Hauslehrer. Er nahm ein Medizinstudium auf und brach es 1869 ab, um Schauspieler zu werden. Er scheiterte und nahm das Studium 1870 wieder auf. Während dieser Zeit begann er zu schreiben. Eine erste Fassung von Mäster Olof (Meister Olof) entstand. 1872 brach er das Studium endgültig ab und kehrte nach Stockholm zurück. 1873 arbeitete er als Redakteur bei der Tageszeitung Dagens Nyheter. Ein Jahr später erhielt er an der Königlichen Bibliothek eine Anstellung als Sekretär, die bis 1882 bestand. Der literarische Durchbruch kam 1879 mit dem satirischen Gesellschaftsroman Röda rummet (Das rote Zimmer) und der Aufführung von Meister Olof.

1877 heiratete Strindberg die Finnlandschwedin Siri von Essen, Schauspielerin am Königlichen Theater. Mit ihr hatte er drei Kinder. Seine scharf gesellschaftskritischen Werke Svenska folket (Das schwedische Volk) und Det nya riket (Das neue Reich) führten zu solch harscher Kritik in Schweden, dass er das Land 1883 verließ. In Frankreich schloss er sich der skandinavischen Künstlerkolonie in Grez-sur-Loing an. 1884 erschien die Novellensammlung Giftas (Heiraten), deren erster Teil eine Anklage wegen Gotteslästerung nach sich zog. Strindberg lebte damals in Genf und musste in Stockholm vor Gericht erscheinen. Arbeiterorganisationen und Akademiker stellten sich hinter ihn, das Gericht sprach ihn frei. Dennoch wandte er sich von seinem Heimatland ab. Im Ausland entstanden unter anderem die autobiografischen Romane Tjänstekvinnans son (Der Sohn einer Magd) und En dåres försvarstal (Die Beichte eines Toren, 1895). Dazu kamen die Dramen Fadren (Der Vater, 1887) und Fröken Julie (Fräulein Julie, 1889). Auf einer Reise nach Kopenhagen lernte er Georg Brandes kennen, der ihm den Briefkontakt zu Friedrich Nietzsche vermittelte.

Ende 1889 kehrte er nach Stockholm zurück. 1891 wurden er und Siri geschieden, die das Erziehungsrecht für die Kinder erhielt. 1892 zog Strindberg nach Berlin, wo er Edvard Munch und Ola Hansson begegnete. Das Weinlokal „Zum schwarzen Ferkel" wurde Treffpunkt einer internationalen Künstler-Bohème. Anfang 1893 lernte er die zwanzigjährige österreichische Journalistin Frida Uhl kennen. Wenige Monate später heiratete er sie auf Helgoland. Die Ehe scheiterte schon im selben Jahr, blieb aber bis 1897 formal bestehen. Von 1893 bis 1896 hielt sich Strindberg zeitweise im Schloss Dornach in Saxen und in Klam in Oberösterreich auf. Dort wurde im Mai 1894 Tochter Kerstin geboren.

In den Jahren 1895 bis 1897 durchlebte Strindberg die sogenannte „Inferno-Krise". Wahnvorstellungen, Realitätsverlust und Depressionen prägten diese Phase. In ihr widmete er sich auch wissenschaftlichen und alchemistischen Versuchen. Er verarbeitete sie im Roman Inferno, Legender (1897). In gewisser Weise gelang es ihm, sich durch das Schreiben aus der Krise zu befreien. In den folgenden sechs Jahren entstanden mehr als 25 Stücke. Zwischen 1898 und 1907 verschob sich sein Schreiben von Anarchismus, Realismus und Naturalismus hin zu Mystik, Symbolismus und Okkultismus. Es entstanden Till Damaskus I–III (1898–1904), Dödsdansen (Der Totentanz, 1901), Ett drömspel (Ein Traumspiel, 1902) und Spöksonaten (Gespenstersonate, 1907). Dazu kamen die Shakespeare-inspirierten Historiendramen Gustav Vasa, Erik XIV, Karl XII und Gustav Adolf.

1900 lernte er die junge Schauspielerin Harriet Bosse bei einer Aufführung des Sommernachtstraums kennen. Am 6. Mai 1901 heirateten die beiden, 1902 kam Tochter Anne-Marie zur Welt. Die Ehe hielt bis 1904. 1907 gründete Strindberg in Stockholm das Intime Theater. Dort engagierte er sich als Stifter, Dramaturg und Regisseur und schrieb zahlreiche Stücke eigens für das Haus. Vorbild war Max Reinhardts „Kleines Theater" in Berlin, an dem Strindberg in Deutschland der Durchbruch gelungen war. 1908 bezog er die Wohnung im sogenannten „Blauen Turm" in der Drottninggatan 85, wo heute das Strindbergmuseum untergebracht ist. 1911 zwangen interne Streitigkeiten die Schließung des Intimen Theaters.

Strindberg erkrankte an Magenkrebs. Seinen Abschied vom Leben nahm er mit den Worten „Jetzt ist alles Persönliche vernichtet" und legte eine Bibel auf die Brust. Er starb am 14. Mai 1912. Laut Wikipedia starb er in Stockholm, wohin auch die Deutsche Biographie den Sterbeort angibt. Wikidata nennt präziser die Adolf Fredriks församling, die Pfarrei innerhalb Stockholms. Der Trauerzug umfasste etwa 60.000 Personen. Beerdigt wurde er auf dem Nordfriedhof Norra begravningsplatsen unter einem schwarzen Holzkreuz mit der Inschrift „O crux ave spes unica".


Literarische Merkmale

Strindberg erneuerte die schwedische Prosa. Er ersetzte die deklamatorische und rhetorische Sprache der älteren Erzähler durch Umgangssprache und scharfe Alltagsbeobachtung. Was er als Romancier tat, übertrug er auch ins Drama. Er ließ seine Schauspieler in einer natürlichen, gesprochenen Sprache reden und brach so mit der hohen Bühnensprache seiner Zeit. Für die schnellen Szenenwechsel seiner Stücke nannte er Shakespeare als Vorbild. Typischerweise spielen seine Dramen in einer historischen Umgebung und zeigen Klassenkampf und psychologischen Stellungskrieg zwischen den Figuren.

Sein Werk umfasste, wie die Forschung festhält, alle großen Ideenströmungen am Ende des 19. Jahrhunderts. Das Frühwerk wird dem Naturalismus zugeordnet, die späten Stücke dem Expressionismus. Die Sekundärliteratur teilt sein Schaffen entsprechend in eine naturalistische und eine expressionistische Phase. Dazwischen liegt nach der Inferno-Krise eine deutliche Neuausrichtung von Anarchismus, Realismus und Naturalismus hin zu Mystik, Symbolismus und Okkultismus. Im deutschsprachigen Raum gilt er als Erfinder des Stationendramas. Die Gespenstersonate beschreibt die Forschung als seine „bizarrste Symboldichtung". Daneben verarbeitete er sein eigenes Leben in einer Reihe autobiografischer Romane, von Der Sohn einer Magd bis zur Beichte eines Toren.


Rezeption

Bereits zu Lebzeiten dominierte Strindberg die schwedische Literaturszene. Er blieb dabei umstritten und war oft in persönliche Konflikte verwickelt. Er gilt als einer der Wegbereiter des modernen europäischen Theaters des 20. Jahrhunderts, vor allem mit Fräulein Julie und der Trilogie Nach Damaskus. Er wird in einem Atemzug mit Henrik Ibsen und Anton Tschechow genannt. In Deutschland war Strindberg zwischen 1912 und 1925 einer der meistgespielten Dramatiker. Der Durchbruch dort gelang ihm über eine Serie seiner Stücke an Max Reinhardts „Kleinem Theater".

Zu den Schriftstellern, die sich tief von ihm beeindruckt zeigten, zählen Franz Kafka, Eugene O'Neill, Heiner Müller, der schwedische Autor Jan Myrdal, der Filmemacher Ingmar Bergman und Lars von Trier. Friedrich Dürrenmatt schrieb mit Play Strindberg eine Nachdichtung von Der Totentanz. Der schwedische Sinfoniker Ture Rangström widmete seine 1914 komponierte erste Sinfonie August Strindberg in memoriam. In seinen letzten Jahren wurde Strindberg zur Ikone der schwedischen Arbeiterbewegung, besonders der radikalen Gruppe um die Zeitung Stormklockan.

Auch wirtschaftlich hinterließ sein Werk Spuren. Noch vor seinem Tod kaufte der Albert Bonniers Verlag die Rechte an seinen gesammelten Werken für eine Gesamtsumme von fast 300.000 Kronen. Nach dem Tod gab der Verlag die Gesammelten Schriften in 55 Bänden heraus. In den ersten zwanzig Jahren nach 1912 wurden 1,7 Millionen Exemplare seiner Bücher verkauft. Das Strindbergmuseum im „Blauen Turm" in Stockholm und das Strindbergmuseum im oberösterreichischen Saxen halten die Erinnerung an Leben und Werk wach. Das Saxener Haus ist das einzige Museum außerhalb Schwedens, das ihm gewidmet ist.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

Aus dem Werkverzeichnis

Im Lexikon

Weitere Werke (Auswahl)

Vollständiges Werkverzeichnis bei Wikipedia (32 weitere Titel)

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten