1912 – 1994
Erwin Strittmatter
Kurzporträt↑
Erwin Strittmatter zählt zu den bekanntesten Schriftstellern der DDR. Geboren 1912 in Spremberg in der Niederlausitz, kam er über zahlreiche Gelegenheitsberufe zur Literatur und lebte ab 1951 als freier Autor. Seine Romane und Erzählungen schöpfen aus dem Leben der Landbevölkerung, die er aus eigener Anschauung kannte. Zugleich war er tief in den Literaturbetrieb der DDR verstrickt: Er bekleidete führende Ämter im Schriftstellerverband und arbeitete zeitweise als inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit, wurde mit einzelnen Büchern aber auch selbst von der Zensur getroffen. Bekannt wurde er unter anderem durch Ole Bienkopp und die Laden-Trilogie.
Biografie↑
Aufgewachsen ist Erwin Strittmatter als eines von fünf Kindern des Bäckers Heinrich Strittmatter. Seine Mutter Pauline Helene, geborene Kulka, war sorbischer Herkunft. Die Kindheit verbrachte er ab 1914 in Graustein und ab 1919 in Bohsdorf nahe Spremberg, wohin die Eltern gezogen waren, um eine Kolonialwarenhandlung und Bäckerei zu betreiben. Von 1924 bis 1930 besuchte er das Reform-Realgymnasium in Spremberg, verließ es jedoch ohne Abschluss.
Es folgten Jahre in wechselnden Berufen. 1930 begann Strittmatter eine Bäckerlehre im elterlichen Betrieb, ab 1932 arbeitete er als Bäckergeselle. Später war er unter anderem Tierpfleger, Kellner und Hilfsarbeiter. 1936/37 richtete er auf einem Gut bei Saalfeld in Thüringen eine Kaninchenzucht ein und diente dort auch als Chauffeur. Im Dezember 1937 heiratete er seine erste Frau Waltraud Kaiser; 1938 wurde der Sohn Ulf geboren. In Saalfeld arbeitete er anschließend als Hilfsarbeiter und Chemiefacharbeiter in der Thüringischen Zellwolle-AG in Rudolstadt-Schwarza.
Umstritten und in der Forschung unterschiedlich dargestellt ist Strittmatters Rolle in der NS-Zeit. Die Neue Deutsche Biographie schreibt, er habe sich Anfang 1940 erfolglos bei der Waffen-SS beworben und sei stattdessen 1941 zur Ordnungspolizei eingezogen worden, die der SS unterstand. Nach der ausführlicheren Darstellung bei Wikipedia meldete er sich im Zuge einer Werbeaktion zur Schutzpolizei, deren Dienst als Wehrdienst anerkannt war; die Zuordnung zur „Waffen-SS“ ergab sich demnach vor allem aus der Bezeichnung des zuständigen Ergänzungsamtes und sei irreführend. Belegt ist, dass er ab 1941 im Polizeibataillon 325 diente, das später in das SS-Polizei-Gebirgsjäger-Regiment 18 eingegliedert wurde. Sein Bataillon war in Slowenien, kurzzeitig in Krakau, in Karelien/Finnland und ab 1943 in Griechenland stationiert. 1944 wurde er zur Film- und Bildstelle des Hauptamtes der Ordnungspolizei nach Berlin-Spandau versetzt. Bei Kriegsende fand er auf einem Bauernhof im böhmischen Wallern Unterschlupf und wurde von der US-Armee als Zivilist entlassen.
Nach dem Krieg kehrte Strittmatter 1945 nach Saalfeld zurück und arbeitete zunächst als Hilfsarbeiter, ab Dezember wieder in der väterlichen Bäckerei in Bohsdorf. 1946 trat er dem Schutzverband deutscher Schriftsteller bei, dem späteren Schriftstellerverband der DDR. Im Zuge der Bodenreform erhielt er 1947 als Neusiedler landwirtschaftliche Flächen und übernahm für einige Monate Ämter als Amtsvorsteher und Standesbeamter. Im selben Jahr trat er der SED bei und wurde Lokalredakteur der Märkischen Volksstimme für die Kreise Calau und Senftenberg.
Ab 1951 lebte Strittmatter als freischaffender Schriftsteller. 1954 zog er nach Schulzenhof im Ruppiner Land, wo er bis zu seinem Tod blieb. 1956 heiratete er in dritter Ehe die Dichterin Eva Strittmatter. Über Jahrzehnte bekleidete er hohe Funktionen im Schriftstellerverband der DDR, unter anderem als Sekretär und langjähriger stellvertretender Vorsitzender. Zeitweise wirkte er als inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit. Er starb am 31. Januar 1994 in Schulzenhof.
Literarische Merkmale↑
Angeregt wurde Strittmatter nach eigenem Bekunden durch die Literatur Leo Tolstois und Knut Hamsuns, mit der er sich schon während der Schulzeit beschäftigte. Sein erster Roman Ochsenkutscher von 1950 ist laut der Neuen Deutschen Biographie von einem harten, linearen Erzählstil geprägt: einer Reihung knapper Hauptsätze, die für sein Frühwerk typisch war. Dieser Roman wirkte trotz spürbarer Didaktik nicht agitatorisch. Anders sein Drama Katzgraben, das 1953 von Bertolt Brecht am Berliner Ensemble uraufgeführt wurde und heftig gegen das Großbauerntum polemisierte; Strittmatter lehnte es später als „Sünde an der Kunst“ ab.
Im Lauf der Jahre wandelte sich seine Schreibweise. Mit Die blaue Nachtigall oder Der Anfang von etwas (1972) fand er zu einem neuen, assoziativen Erzählton. Dieser setzte sich in Bänden wie Meine Freundin Tina Babe und Sulamith Mingedö, der Doktor und die Laus (beide 1977) sowie in der Laden-Trilogie fort, in der er seine Kindheit und Schulzeit der 1920er Jahre literarisch verfremdet verarbeitete. Vor allem an seinen Spätwerken hebt die Neue Deutsche Biographie poetische Kraft, originelles Erzählen, genaue Beobachtung und liebevolle Charakterzeichnung hervor.
Rezeption↑
Spätestens seit seinem Jugendroman Tinko (1954, 1957 verfilmt) galt Strittmatter als eine der originellsten und bedeutendsten Stimmen der jungen DDR-Literatur. Seine Stellung war zwiespältig: Einerseits war er Funktionsträger des Literaturbetriebs, andererseits geriet er mit dem Roman Ole Bienkopp (1963) in offenen Konflikt mit Literaturkritik und offizieller Ideologie. Das Buch erzählt von einem eigensinnigen, undogmatischen Neuerer, der der Parteilinie voraus ist. In der Folge entfernte sich Strittmatter zunehmend vom Marxismus und distanzierte sich mit Kurzprosa wie dem Schulzenhofer Kramkalender (1966) vom Dogmatismus der Kulturpolitik; später wandte er sich einer taoistischen Weltsicht zu.
Seine Bücher wurden in knapp 40 Sprachen übersetzt. Mit dem dritten Teil der Laden-Trilogie und der Verfilmung durch Jo Baier 1998 wurde er auch in Westdeutschland breiter wahrgenommen. 2008 löste der Literaturjournalist Werner Liersch mit einem Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung eine heftige Debatte aus: Er warf Strittmatter vor, seine SS-Vergangenheit weder öffentlich noch gegenüber seiner Familie erwähnt zu haben, und stellte auch dessen vermeintliche Desertion im Januar 1945 in Frage, die dieser in der Erzählung Grüner Juni (1985) literarisch gestaltet hatte.
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