1902
Ein Traumspiel
Überblick↑
Ein Traumspiel ist ein Schauspiel von August Strindberg, das 1902 erschien und 1907 in Stockholm uraufgeführt wurde. Das Stück gilt als einer der wichtigsten Vorläufer des Expressionismus und des modernen Traumtheaters. Strindberg löst sich darin von den Regeln des realistischen Dramas: Zeit und Raum verlieren ihre Festigkeit, Figuren verwandeln sich, Szenen gehen ineinander über wie in einem Traum. Die deutsche Erstaufführung fand 1916 in Berlin statt, mit Irene Triesch in der Hauptrolle.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Agnes, die Tochter des indischen Gottes Indra, steigt aus Mitleid mit den Menschen auf die Erde herab. Sie will erkunden, wie das Leben der Sterblichen wirklich ist. In wechselnden Gestalten und traumhaften Szenen begegnet sie unterschiedlichen Lebensentwürfen: einem Offizier, einem pedantischen Advokaten, einem Dichter. Immer wieder kehrt ihr Satz wieder: „Es ist schade um die Menschen." Eine geschlossene Handlung im üblichen Sinn gibt es nicht; statt eines fortlaufenden Geschehens reiht das Stück Bilder aneinander, die das Scheitern, das Sehnen und das Leiden der Menschen zeigen. Am Ende führt Agnes' Weg zu einer geheimnisvollen Tür im Theaterkorridor, hinter der sie die Antwort auf das Rätsel des Daseins vermutet.
Die Handlung im Detail↑
Die Tochter des indischen Gottes Indra, Agnes, steigt aus Mitleid mit den Menschen auf die Erde herab, um ihr Leben kennenzulernen. In ständig wechselnden Verwandlungen und traumhaften Sequenzen erkundet sie die Möglichkeiten und Grenzen der menschlichen Existenz. Ein durchgehender Handlungsfaden im klassischen Sinn fehlt; an seine Stelle treten Bilder, die wie Träume ineinander übergehen.
Agnes begegnet exemplarischen Figuren, in denen Strindberg ganze Lebensformen zusammenfasst: dem Offizier, der vergeblich auf seine Geliebte wartet; dem pedantischen Advokaten, der sich an das Elend und die Schuld der Menschen abarbeitet; dem Dichter, der gegen den Schöpfer aufbegehrt. Immer wieder kehrt ihr Mitleidsruf wieder: „Es ist schade um die Menschen." Das Scheitern und Leiden der Figuren bekommt eine metaphysische Dimension. Der Sinn ihres Daseins lässt sich aus dem Geschehen selbst nicht ablesen, sondern scheint nur aus einem jenseitigen, verborgenen Zusammenhang verständlich, der das traumhafte Geschehen durchzieht.
Am Ende führt Agnes' Weg zu einer Tür in einem Theaterkorridor, hinter der sie die „Lösung des Welträtsels" vermutet. Als die Tür geöffnet wird, zeigt sich: dahinter ist „nichts". Die Rätsel der Welt bleiben unbeantwortet. Zurück bleibt, wie es im Stück heißt, „eine Wand von fragenden, trauernden, verzweifelten Menschengesichtern". Bevor Agnes zum Thron ihres Vaters zurückkehrt, gelobt sie, die an Hiob erinnernde Klage des Dichters gegen den Schöpfergott mit nach oben zu nehmen.
Stil↑
Strindberg verlässt in Ein Traumspiel das geschlossene realistische Drama und folgt stattdessen der Logik des Traums. Zeit und Raum sind dehnbar, Figuren verwandeln sich, Schauplätze gleiten ineinander über. Die Szenen reihen sich nicht durch Ursache und Wirkung aneinander, sondern wie Traumbilder, die sich überlagern und ablösen. Eine zentrale Sprachformel – „Es ist schade um die Menschen" – kehrt leitmotivisch wieder und gibt dem lockeren Gefüge inneren Halt. Die Figuren sind weniger Individuen als Typen, in denen ein ganzer Lebensentwurf sichtbar wird. Mit diesen Mitteln nimmt das Stück Verfahren des Expressionismus und des modernen Theaters vorweg.
Rezeption↑
Ein Traumspiel gilt als eines der einflussreichsten Werke des modernen europäischen Theaters und als wichtiger Wegbereiter des Expressionismus. Die schwedische Uraufführung 1907 in Stockholm und die deutsche Erstaufführung 1916 in Berlin, in der Irene Triesch die Hauptrolle übernahm, markierten den Eintritt des Stücks ins internationale Repertoire. Bis heute wird es immer wieder neu inszeniert, unter anderem in einer Theaterproduktion von Leonard Steckel, und auch in anderen Künsten aufgegriffen: 1994 verfilmte die norwegische Regisseurin Unni Straume den Stoff unter dem Titel Dreamplay.
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