1859
Eine Geschichte aus zwei Städten
Überblick↑
Der historische Roman Eine Geschichte aus zwei Städten von Charles Dickens erschien 1859 bei Chapman & Hall. Im selben Jahr legte Julius Seybt die erste deutsche Übersetzung vor. Erzählt wird das Schicksal des Arztes Dr. Manette, seiner Tochter Lucie und ihres Mannes Charles Darnay, deren Lebenswege durch die Ereignisse der Französischen Revolution auf tragische Weise miteinander verknüpft werden. Die beiden Städte des Titels sind London und Paris, zwischen denen die Handlung beständig hin- und herwechselt. Während der Terrorherrschaft des Revolutionstribunals geraten die Hauptfiguren in dramatische Verwicklungen. Das Werk zählt heute zu den bekanntesten und auflagenstärksten Romanen der Weltliteratur und wurde vielfach für Bühne und Film bearbeitet.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Jahr 1775 reist der Londoner Bankangestellte Jarvis Lorry mit der jungen Lucie Manette nach Paris. Dort soll ihr Vater, der Arzt Alexandre Manette, nach achtzehn Jahren aus der Bastille entlassen worden sein. Sie finden ihn geistig verwirrt im Nebengebäude einer Pariser Weinschenke, wo er stumpfsinnig Schuhe flickt – eine Arbeit, die er im Kerker gelernt hat. Lorry und Lucie bringen ihn nach London, wo er allmählich genest und seine Tochter zur engen Vertrauten wird.
Fünf Jahre später lernt Lucie den französischen Emigranten Charles Darnay kennen, der in London als Sprachlehrer lebt und unter falscher Anklage vor Gericht steht. Im Gerichtssaal spielt der trunksüchtige, an sich selbst verzweifelnde Anwalt Sydney Carton eine überraschende Rolle, denn er sieht Darnay zum Verwechseln ähnlich. Mehrere Männer werben um Lucie, und um die Familie Manette bildet sich ein Freundeskreis. Darnay aber trägt ein Geheimnis mit sich, das mit der dunklen Vergangenheit der Familie Manette und einem grausamen französischen Adelsgeschlecht verbunden ist.
Während in London diese Beziehungen reifen, gärt es in Frankreich. In der Pariser Vorstadt Saint-Antoine sammeln sich in der Weinschenke des Ehepaars Defarge die künftigen Aufständischen. Als 1789 die Revolution losbricht und der Terror um sich greift, zieht es Darnay aus Pflichtgefühl zurück nach Paris – mitten hinein in tödliche Gefahr.
Die Handlung im Detail↑
Die ganze Vorgeschichte erfährt der Leser erst spät, im zehnten Kapitel des dritten Buches, durch ein Schriftstück, das Dr. Manette einst im Gefängnis verfasste. Am Abend des 22. Dezember 1757 war der in Beauvais geborene und in Paris praktizierende Arzt von den adligen Zwillingsbrüdern St. Evrémonde zu einer Sterbenden gerufen worden. Einer der Brüder hatte sich in die junge Frau eines abhängigen Bauern verliebt. Da der Mann sie nicht hergeben wollte, zwang ihn der Adlige zu so harter Arbeit, dass er erkrankte und starb. Als sich die Witwe verweigerte, vergewaltigte der Graf ihre Schwester, die darüber wahnsinnig wurde. Manette konnte die Frau nicht retten. Die Brüder versuchten, ihn mit Gold zum Schweigen zu bringen; als er den Vorfall stattdessen einem Minister meldete, wurde er verschleppt und achtzehn Jahre lang im Nordturm der Bastille eingekerkert. Seine Frau gebar bald darauf die Tochter Lucie und starb. Jarvis Lorry brachte das Kind nach England in die Obhut von Miss Pross.
Die Haupthandlung setzt 1775 ein, im ersten Buch „Ins Leben zurückgerufen". Lorry und Lucie holen den befreiten, verwirrten Manette aus Paris und bringen ihn nach London, wo er sich erholt und wieder als Arzt arbeitet.
Das zweite Buch, „Der goldene Faden", spielt fünf Jahre später. Der Emigrant Charles Darnay wird in London der Spionage angeklagt, ihm droht die Todesstrafe. Im Prozess sagen auch Lorry, Manette und Lucie als Zeugen aus. Den Freispruch verdankt Darnay einem Kunstgriff: Der Anwalt Sydney Carton sieht ihm so ähnlich, dass die Aussage des Belastungszeugen unglaubwürdig wird. Hinter der Anklage standen die zwielichtigen Informanten Barsad und Cly, die von Darnays Onkel bezahlt worden waren. In Lucie verlieben sich gleich mehrere Männer: Darnay, der Anwalt Stryver und Carton.
Darnay reist nach Frankreich zu seinem Onkel, dem Marquis St. Evrémonde. Dabei wird offenbar, dass Darnay in Wahrheit Charles St. Evrémonde heißt – den Namen Darnay leitete er vom Mädchennamen seiner Mutter, D'Aulnais, ab. Aus Abscheu vor dem Unrecht seiner Familie hatte er sich von ihr losgesagt, seinem Gutsverwalter Gabelle das Eintreiben der Abgaben untersagt und war nach London gezogen. Beim Abendessen streiten Onkel und Neffe über das Ständesystem; der Marquis hält an Druck und Furcht fest, Darnay will das Unrecht wiedergutmachen. Noch in derselben Nacht wird der Marquis erstochen – Rache des Vaters Gaspard, dessen kleines Kind unter die Räder von Evrémondes rasender Kutsche geraten und gestorben war.
In London heiraten Charles und Lucie. Am Hochzeitsmorgen gesteht Darnay dem Arzt seine wahre Herkunft, woraufhin Manette in seinen alten kranken Zustand zurückfällt und wieder Schuhe flickt; erst nach Tagen findet er zu sich zurück und lässt seine Schusterbank zerstören. Carton, der sich seiner Trunksucht und Hoffnungslosigkeit bewusst ist, bittet darum, der Familie ein Freund sein zu dürfen, und spielt gern mit dem Töchterchen der jungen Eheleute.
Im Juli 1789 bricht mit dem Sturm auf die Bastille die Revolution los; das Ehepaar Defarge gehört zu den Anführern. Ernest Defarge findet in Manettes ehemaliger Zelle 105 dessen verstecktes Schriftstück und verwahrt es zunächst. Der Aufstand greift um sich, das Schloss der Evrémondes brennt nieder, der Verwalter Gabelle wird nach Paris gebracht und eingekerkert.
Das dritte Buch, „Der Lauf eines Gewitters", spielt 1792/93. Gabelle bittet Darnay brieflich, nach Paris zu kommen und für seine Freilassung auszusagen. Ohne der Familie den Grund zu nennen, reist Darnay ab – und wird in Paris als illegal emigrierter Aristokrat im Gefängnis La Force eingesperrt. Defarge erfährt dabei, dass er ein Evrémonde ist. Manette, Lucie, das Kind und Miss Pross reisen nach. Als ehemaliger Bastille-Häftling genießt der Arzt hohes Ansehen; er wird Gefängnisarzt und erreicht, dass Darnay ein ordentliches Verfahren erhält. Fünfzehn Monate später wird Darnay schließlich freigesprochen.
Doch die Erleichterung währt nicht lange: Darnay wird sofort erneut verhaftet, denn das Ehepaar Defarge erhebt neue Anklage. Die Ankläger machen Manettes eigenes, in der Bastille verfasstes Schriftstück gegen ihn geltend, das die Verbrechen der Evrémondes schildert – und so wendet sich das Dokument des Vaters gegen den Schwiegersohn. Das Tribunal verurteilt Darnay zum Tod unter der Guillotine.
Hier greift Sydney Carton ein. Mit Hilfe des Bankboten Jerry Cruncher, der die nur vorgetäuschte Beerdigung des Spions Roger Cly aufgedeckt hat, kann Carton den Spitzel Barsad in die Hand bekommen und sich Zutritt zum Gefängnis verschaffen. Da er Darnay zum Verwechseln gleicht, nutzt er diese Ähnlichkeit, um den Verurteilten zu retten und ihn aus Paris fliehen zu lassen. In der davonjagenden Kutsche erwacht Darnay und meint zunächst, man sei noch immer beisammen. Carton geht den Weg für ihn – seine Liebe zu Lucie, die er nie erringen konnte, bringt ihn zu diesem äußersten Opfer.
Stil↑
Weitgehend linear und traditionell führt Dickens die Handlung, mit häufigem Szenen- und Perspektivwechsel zwischen Paris und London – den beiden Städten des Titels. In den drei Büchern stehen jeweils bestimmte Zeiträume im Mittelpunkt: 1775, 1780 und 1792/93. Die weit zurückliegende Vorgeschichte von 1757 ist durch Erzählungen und ein Dokument in den Gang der Handlung eingewoben. Ein auktorialer Erzähler überblickt das Geschehen, schließt die Lücken zwischen den Teilen und kommentiert die Ereignisse. Stellenweise vermischen sich seine Worte mit dem inneren Monolog einer Figur, etwa wenn Darnay erwacht: „Der Wind jagt uns nach, die Wolken fliegen uns nach, der Mond segelt hinter uns her, und die ganze wilde Nacht ist hinter uns her."
Die zentrale Handlung um Darnay und Manette ist ihren Gegenspielern um Therese Defarge entgegengesetzt. Daneben stehen einige burleske Kapitel um die komische Figur des Jerry Cruncher, der tagsüber Bote der Bank ist und nachts in dunklen Geschäften als Leichenräuber arbeitet. Diese Episoden sind nur locker mit dem Hauptstrang verbunden, greifen am Ende aber doch in die Rettungshandlung ein.
Rezeption↑
Gespalten fiel das zeitgenössische Urteil aus, wie schon bei anderen Werken des Autors. Manche Rezensenten zählten den Roman wegen seiner leicht durchschaubaren, populären Figuren und seiner Spannungselemente zur Unterhaltungsliteratur. Die schärfsten Kritiker waren Schriftstellerkollegen. William Wordsworth hielt Dickens für einen „sehr gesprächigen, vulgären jungen Menschen", räumte aber ein, keine Zeile von ihm gelesen zu haben. George Meredith nannte ihn „intellektuell mangelhaft". Auch Leslie Stephen, der Vater Virginia Woolfs, stellte die schriftstellerische Qualität in einen negativen Bezug zur Popularität. Andere Stimmen der 1850er bis 1870er Jahre sahen bei Dickens einen Wandel von „heller sonniger Komödie" hin zu „dunklen und ernsten sozialen Themen".
Beim Publikum war der Roman dagegen sehr erfolgreich; er gehört heute zu den bekanntesten und am häufigsten bearbeiteten Werken der Weltliteratur. Lebhaft diskutiert wurde unter Literaturwissenschaftlern und Historikern Dickens' Bild der Französischen Revolution. Thomas Carlyle, dessen Geschichtswerk dem Autor als Quelle diente, zeigte sich begeistert. Der Jurist und Kritiker James Fitzjames Stephen verriss das Buch dagegen heftig als „unzusammenhängendes Gerüst" für seichte Ware. George Orwell meinte, der Roman vermittle durch die starke Betonung der Grausamkeit den Eindruck eines „jahrelangen wahnsinnigen Massakers"; zugleich habe Dickens mit der Revolution stärker sympathisiert als die meisten Engländer seiner Zeit, ohne sich doch ganz der Vorstellung entziehen zu können, jede Revolution verschlinge am Ende ihre eigenen Kinder. Madame Defarge bezeichnete Orwell als eine der eindrucksvollsten Verkörperungen des Bösen im Werk des Autors.
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