1850
In Memoriam A.H.H.
Überblick↑
Das Gedicht In Memoriam A.H.H. ist eine Elegie, die Alfred Tennyson seinem früh verstorbenen Freund Arthur Henry Hallam widmete. Hallam, ein Studienfreund aus Cambridge, starb 1833 in Wien an einer Hirnblutung, erst zweiundzwanzig Jahre alt. Über die Trauer um diesen einen Menschen hinaus stellt das Werk große Fragen seiner Zeit: nach dem Sinn des Todes, nach einer Natur, die grausam und scheinbar ohne göttliche Lenkung wirkt, und nach dem Verhältnis von Wissenschaft und Glauben im viktorianischen England. Es zählt zu den bekanntesten Dichtungen der englischen Literatur des 19. Jahrhunderts und gilt zugleich als Klagelied um einen Freund, um eine Zeit und um einen Ort.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht die Trauer eines Sprechers um einen jung gestorbenen Freund. In vielen einzelnen Gesängen umkreist er den Verlust, kehrt immer wieder zu ihm zurück und lässt Erinnerung, Sehnsucht und Schmerz nebeneinander stehen. Ein früher Gesang etwa begleitet das Schiff, das die sterblichen Überreste des Freundes über das Meer von Italien zurück nach England bringt.
Aus der persönlichen Klage erwachsen größere Fragen. Der Sprecher ringt mit den Erkenntnissen seiner Epoche: mit einer Natur, die gleichgültig Leben hervorbringt und vernichtet, mit den Zweifeln, die naturwissenschaftliche Entdeckungen am überlieferten Glauben wecken, und mit der Hoffnung, dass sich Vernunft und Religion am Ende doch versöhnen lassen. So wird die Trauer um einen einzelnen Menschen zum Anlass, über Tod, Glauben und den Platz des Menschen in der Welt nachzudenken.
Die Handlung im Detail↑
Das Werk besteht aus einem Vorspruch, dem eigentlichen Gedicht und einem Nachspruch und umfasst rund 2.916 Verse in 133 Gesängen, jeder mit einer römischen Ziffer überschrieben. Es entstand über siebzehn Jahre hinweg, von 1833 bis 1850, und erschien zunächst anonym unter dem lateinischen Titel In Memoriam A.H.H. Obiit MDCCCXXXIII, der das Todesjahr Hallams nennt.
Der Sprecher folgt keinem äußeren Geschehen, sondern dem inneren Weg der Trauer. In den frühen Gesängen herrschen Schmerz und Fassungslosigkeit. Ein Gesang begleitet das Schiff, das den Leichnam des Freundes von der italienischen Küste über das ruhige Meer zurück in die Heimat trägt. Erinnerungen an die gemeinsame Jugend mischen sich mit Verzweiflung über den Verlust.
Im weiteren Verlauf weiten sich die Klagen zu großen Zweifelsfragen. Tennyson greift die geistigen Auseinandersetzungen seiner Zeit auf, etwa die Vorstellung von der Wandelbarkeit der Arten, wie sie in einer damals anonym erschienenen Schrift über die Naturgeschichte vertreten wurde. Er befragt die Natur nach dem Schicksal des Menschen und prägt das Bild einer Natur, die "rot von Zähnen und Klauen" ist – einer Natur also, die ohne Rücksicht tötet. Bemerkenswert ist, dass das Gedicht neun Jahre vor Charles Darwins Schrift über die Entstehung der Arten erschien; Befürworter der natürlichen Auslese griffen Tennysons Wendung später dennoch auf. Auch der jungen Erdwissenschaft begegnet der Sprecher, wenn er die Hügel als bloße Schatten beschreibt, die von Gestalt zu Gestalt fließen und nicht bestehen – ein Bild für die Erkenntnis, dass die Erde geologisch tätig und weit älter ist, als man früher annahm. Ebenso ringt er mit dem Widerstreit von Gewissen und Glaubenslehre und mit "den Wahrheiten, die sich niemals beweisen lassen".
Am Ende führt der Weg aus Zweifel und Verzweiflung zu Glauben und Hoffnung. Der Sprecher gewinnt seine Frömmigkeit zurück, indem er die Trauer um den Freund durchschreitet. Der Nachspruch schließlich ist ein Hochzeitsgedicht: Es feiert die Vermählung von Tennysons Schwester Cecilia mit dem Gelehrten Edmund Law Lushington im Jahr 1842. So mündet die Klage um den Toten in ein Bild von Leben und Zukunft. In späteren Ausgaben fügte Tennyson noch einzelne Gesänge hinzu, einen zur Ausgabe von 1851, einen weiteren zur Ausgabe von 1871.
Stil↑
Geschrieben ist das Werk in einem vierhebigen jambischen Versmaß, in vierzeiligen Strophen mit dem Reimschema abba. Diese Form lässt die äußeren Strophen einander umschließen und erzeugt einen verhaltenen, in sich zurückkehrenden Klang, der dem Ton der Trauer entspricht. Über 133 Gesänge hinweg behandelt Tennyson den geistigen Verlust ebenso wie Sehnsucht, philosophisches Grübeln und romantische Vorstellungskraft.
Das Gedicht spiegelt die Gedankenwelt des viktorianischen Zeitalters. Tennyson stellt sich den drängenden Fragen seiner Epoche, vor allem dem Spannungsverhältnis zwischen den jungen Naturwissenschaften und dem überlieferten Glauben. Eine evangelikale Frömmigkeit verlangte das wörtliche Verständnis der Bibel, während neue Theorien das Bild vom Menschen erschütterten. Tennyson sucht im Vers nach Versöhnung von Vernunft und Religion und spricht von den Wahrheiten, die sich nie beweisen lassen. Aus dem Wechsel von Zweifel und Hoffnung gewinnt das Werk seine besondere Eindringlichkeit; die Bewegung von Verzweiflung zu wiedergefundenem Glauben prägt den ganzen Aufbau.
Rezeption↑
Großen Anklang fand das Werk bei Königin Victoria. Nach dem Tod ihres Mannes, des Prinzgemahls Albert, fühlte sie sich von den Empfindungen des Gedichts getröstet. In den Jahren 1862 und 1883 traf sie Tennyson persönlich und sagte ihm, wie sehr sie seine Dichtung schätze.
Auch in der Literatur wirkte das Gedicht nach. Arthur Conan Doyle lässt in seinem Roman The Tragedy of the Korosko aus dem Jahr 1898 Figuren daraus zitieren; eine von ihnen nennt Tennysons Werk das großartigste und tiefste Gedicht der englischen Sprache. Die Erzählung A Neighbour's Landmark von M. R. James aus dem Jahr 1924 greift eine Zeile auf. Alan Hollinghurst lässt in seinem Roman The Stranger's Child aus dem Jahr 2011 eine zentrale Figur daraus zitieren, und Alice Winn bezieht sich in ihrem Roman In Memoriam aus dem Jahr 2023 wiederholt auf das Gedicht.
Mehrfach wurde das Werk auch vertont, unter anderem in einem Liederzyklus von Maude Valérie White aus dem Jahr 1885, in einem Lied von Hubert Parry, in einem Zyklus von Liza Lehmann sowie in einem Liederzyklus von Jonathan Dove aus dem Jahr 2017.
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