Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Werkseintrag · Idyllen des Königs
Eingang · Werke · Idyllen des Königs
Cover Idyllen des Königs
Idyllen des Königs
1859
– Werkseintrag –

Idyllen des Königs

1859 · Epik

König Artus baut ein vollkommenes Reich der Tafelrunde auf – und Tennyson begleitet es im Lauf der Jahreszeiten mit wehmütiger Stimme bis an seine Grenzen.

Überblick↑

Das Werk Idyllen des Königs ist ein Zyklus von zwölf erzählenden Gedichten, den der englische Dichter Alfred Tennyson zwischen 1859 und 1885 veröffentlichte. Es erzählt die Sage von König Artus und den Rittern seiner Tafelrunde neu: ihren Hof in Camelot, die Suche nach dem Heiligen Gral, die Liebe des Königs zu Königin Guinevere und ihren unglücklichen Verrat mit Lancelot sowie den Aufstieg und den Niedergang von Artus' Reich.

Tennyson schrieb die Dichtung in reimlosen Versen, während er das Amt des königlichen Hofdichters (Poet Laureate) im Vereinigten Königreich innehatte. Er widmete sie dem verstorbenen Prinzgemahl Albert. Die zwölf Idyllen folgen dem Lauf der Jahreszeiten durch ein Jahr und schildern den langsamen Zerfall eines Reiches, das ein vollkommenes Rittertum verkörpern sollte. Das Werk gilt als Ausdruck jener kulturellen Schwermut, die viele Menschen im viktorianischen England empfanden.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Im Mittelpunkt steht der Versuch des Königs Artus, das gesetzlose Britannien zu einen und ein vollkommenes ritterliches Reich zu errichten. Mit der Hilfe des Zauberers Merlin, der Herrin vom See und des Schwertes Excalibur gelangt er an die Macht, gründet die Tafelrunde und heiratet Guinevere.

Jede der zwölf Idyllen rückt einen oder mehrere von Artus' Rittern in den Vordergrund, darunter Lancelot, Galahad, Tristan und Gawain. Auch andere Gestalten treten auf, etwa Elaine von Astolat, Königin Iseult von Cornwall und Vivien. So entsteht ein Reigen einzelner Geschichten von Treue und Untreue, von Mut und Versuchung, die sich nach und nach zu einem großen Bild zusammenfügen.

Die zwölf Teile sind den Jahreszeiten nachgebildet: Artus wird im Frühling gekrönt, im Sommer wendet sich Guinevere Lancelot zu, im Herbst beginnt Camelot zu verfallen. Über allem liegt von Anfang an eine wehmütige Stimmung. Wiederkehrend ist der Satz „The old order changeth, yielding place to new“ – die alte Ordnung wandelt sich und macht der neuen Platz.

Die Handlung im Detail↑

Die erste Idylle, The Coming of Arthur, schildert die Zeit nach der Krönung. Der bedrängte Leodogran, König von Cameliard, bittet Artus um Hilfe gegen wilde Tiere und heidnische Horden. Artus besiegt sie und auch die Barone, die seine Herkunft anzweifeln. Danach wirbt er um Leodograns Tochter Guinevere, die er liebt. Der dankbare, doch zweifelnde Vater befragt seinen Kämmerer, Artus' Gesandte und dessen Halbschwester Bellicent und erhält von jedem eine andere Auskunft. Schließlich überzeugt ihn ein Traum, in dem er Artus im Himmel gekrönt sieht. Lancelot holt Guinevere, und im Mai feiern beide Hochzeit. Beim Fest weigert sich Artus, den Herren aus Rom den gewohnten Tribut zu zahlen, und spricht die Worte von der alten Ordnung, die der neuen weicht.

In Gareth and Lynette, der unschuldigsten der Idyllen, träumt Gareth, der jüngste Sohn Bellicents, vom Rittertum. Seine Mutter will ihn davon abhalten und befiehlt ihm, ein Jahr und einen Tag als namenloser Küchenjunge in Artus' Hof zu dienen. Zu ihrer Enttäuschung willigt er ein. Bei seiner Ankunft begrüßt ihn ein verkleideter Merlin und warnt ihn, Artus werde ihn an Gelübde binden, die kein Mensch halten könne. Nach einem Monat treuen Dienstes löst die reuige Mutter ihn von seinem Wort. Artus schlägt ihn heimlich zum Ritter und lässt ihn von Lancelot verstohlen im Auge behalten. Garets erste Aufgabe bringt die mürrische Lynette, die für die Befreiung ihrer Schwester Lyonors eigentlich Lancelot erbeten hatte. Empört über den vermeintlichen Küchenjungen beschimpft sie ihn auf der Reise unablässig. Gareth bleibt höflich und bewährt sich auf dem Weg zum Castle Perilous, indem er nacheinander die Ritter des Morgensterns, der Mittagssonne, des Abendsterns und schließlich den schrecklichen Ritter des Todes überwindet – hinter dessen Maske sich ein von seinen Brüdern gezwungener Knabe verbirgt. Tennyson vermerkt, eine ältere Fassung lasse Gareth Lyonors heiraten, seine eigene aber Lynette.

Die Idylle um Geraint und Enid, ursprünglich ein Gedicht, später in The Marriage of Geraint und Geraint and Enid geteilt, erzählt von Geraint, dem tapferen Fürsten von Devon, der Enid, die Tochter Yniols, innig liebt. Als die ersten Gerüchte über Lancelot und Guinevere am Hof umgehen, fürchtet Geraint, seine Frau könne dem schlechten Beispiel der Königin folgen. Er kehrt mit Enid nach Devon zurück, vernachlässigt seine Pflichten und weicht ihr aus Eifersucht nicht von der Seite. Sein Ansehen leidet, die Leute spotten heimlich über ihn. Eines Morgens klagt Enid leise über ihr Los und schilt sich eine schlechte Ehefrau; Geraint erwacht, hört nur die letzten Worte und glaubt fälschlich an ein Geständnis der Untreue. Wütend zieht er mit ihr fort, um seine Tüchtigkeit zu beweisen, und befiehlt ihr, vorauszureiten und zu schweigen, was auch geschehe.

Auf dem Weg durch die von Räubern verseuchte Wildnis warnt Enid ihn mehrmals vor lauernden Rittern und bricht damit sein Gebot. Statt Dank erntet sie jedes Mal nur Vorwürfe, obwohl Geraint in jedem Kampf siegt. In einem Gasthaus erscheint der grobe, trunkene Earl Limours, ein früherer Freier Enids, der ihr verspricht, sie am nächsten Morgen von ihrem Mann zu „befreien“. Enid warnt Geraint, der sie erneut verdächtigt; auf der Flucht schlägt er Limours und seine Leute zurück. Bald darauf bricht Geraint, von Wunden erschöpft, zusammen. Der gesetzlose Earl Doorm bringt den scheinbar Toten und Enid in seine Burg. Während eines rohen Gelages weigert sich Enid zu essen und hält bei dem Leib ihres Mannes Wache, im festen Glauben, er lebe. Doorm will sie zur Geliebten zwingen; als er sie schlägt, springt der nur scheinbar tote Geraint auf, der alles mit angehört hat, und tötet ihn. Voller Reue über seinen Verdacht entkommt er mit Enid. Sie treffen Edyrn, den Sohn Nudds, einen Späher des Heeres, mit dem Artus die Gegend von Räubern säubert. Im Lager wird Geraint geehrt; er und Enid versöhnen sich, kehren später nach Devon zurück, und alle Gerüchte verstummen.

Die Idylle Balin and Balan beruht auf der Erzählung von Sir Balin. Die Brüder Balin „der Wilde“ und Balan kehren nach drei Jahren der Verbannung an Artus' Hof zurück und werden herzlich empfangen. Als die Boten des Königs zurückkommen, melden sie den Tod eines Ritters durch einen Dämon im Wald.

Der große Bogen des Zyklus führt von Artus' Aufstieg über den allmählichen Verfall des Hofes bis zum Untergang. Camelot zerfällt, und im tiefsten Winter kämpft Artus gegen den Verräter Mordred, der ihm die tödliche Wunde schlägt. Am Ende wird der sterbende König in mystischer Entrückung nach Avalon getragen. Über dem ganzen Werk liegt die Klage über den langsamen Verfall eines Reiches, das vollkommen sein wollte.

Stil↑

Geschrieben sind die zwölf Idyllen in reimlosen Versen, dem im Englischen verbreiteten Blankvers. Anders als der Name eines Heldenepos vermuten ließe, bilden sie weder im Aufbau noch im Ton ein Epos. Tennyson wählte die Form der Idylle, wie sie Theokrit geprägt hatte, und färbte sie mit elegischer, also klagend-wehmütiger Trauer über den Zerfall von Artus' Welt.

Sein kunstvoller Bau zeigt sich im Aufbau des Ganzen: Die zwölf Teile folgen dem Lauf der Jahreszeiten, von der Krönung im Frühling bis zur winterlichen Schlacht. So spiegelt der Jahreslauf den Aufstieg und Niedergang des Reiches. Wiederkehrende Wendungen verbinden die Gedichte miteinander. Der Satz „The old order changeth, yielding place to new“ erklingt in der ersten wie in der letzten Idylle: am Anfang als Zeichen des Endes der römischen und heidnischen Herrschaft, am Schluss als Vorbote von Artus' eigenem Untergang. Aus dem Werk stammen viele oft zitierte Verse, darunter die Zeile „Clothed in white samite, mystic, wonderful“. Trotz Artus' Glauben, die ganze runde Erde sei rings „by gold chains about the feet of God“ gebunden, durchzieht die Dichtung eine tiefe Schwermut.

Rezeption↑

Entstanden ist das Werk in mehreren Schüben über mehr als zwei Jahrzehnte. Die erste Gruppe von vier Idyllen erschien 1859, weitere folgten 1869, 1871 und 1872, die letzte, Balin and Balan, im Jahr 1885. Die Widmung wurde 1862 gedruckt, ein Jahr nach dem Tod des Prinzgemahls Albert, der Schlussgruß an die Königin 1873.

Tennyson schuf die Dichtung als amtierender Hofdichter, und ihre Verbindung zum Königshaus prägte ihren Rang im viktorianischen England. Über den nacherzählten Stoff hinaus las man in ihr ein Zeitbild: Der allmähliche Verfall von Artus' Reich gab jener kulturellen Schwermut Ausdruck, die viele Menschen der Epoche empfanden. Bis heute zählen die Idyllen des Königs zu den bekanntesten Nachdichtungen der Artussage.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten