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Werkseintrag · Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit
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Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit
1784
– Werkseintrag –

Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit

1784 · Sachbuch

Ein weiter Gedankengang vom Stern im Weltall bis zur Geschichte der Völker, der überall dasselbe Ziel sucht: die Bildung des Menschen zur Humanität.

Überblick↑

Mit den Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit legte Johann Gottfried Herder eine umfassende geschichtsphilosophische Abhandlung vor. Sie erschien zwischen 1784 und 1791 in vier Teilen im Verlag von Johann Friedrich Hartknoch. Herder, den man neben Goethe, Schiller und Wieland zum „Viergestirn“ der Weimarer Klassik zählt, fasste darin seine Erkenntnisse über die Erde und den Menschen zusammen. Im Mittelpunkt steht der Gedanke, dass der einzige Daseinszweck des Menschen auf die Bildung der Humanität gerichtet sei. Das Werk spannt einen weiten Bogen von der Stellung der Erde im Weltall bis zur Geschichte der Völker und Religionen.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Das Werk gliedert sich in vier Teile mit insgesamt zwanzig Büchern, die wiederum in Kapitel mit römischen Ziffern unterteilt sind. Herder behandelt darin eine Vielfalt von Themen, darunter Religion, Geschichte, Politik, Sprache, Literatur und Erziehung.

Der Gedankengang beginnt im Großen und arbeitet sich zum Einzelnen vor. Zunächst betrachtet Herder die Erde als Stern unter Sternen, ihre Stellung im Sonnensystem, ihre Beschaffenheit und ihre Geschichte. Davon ausgehend wendet er sich dem Reich der Pflanzen und Tiere zu und schließlich dem Menschen, den er als Höhepunkt der Schöpfung versteht. Im weiteren Verlauf fragt er, wie Klima, Landschaft und Lebensweise die verschiedenen Völker der Erde geprägt haben. Welche Rolle Sprache, Überlieferung und Religion für die Bildung des Menschen spielen, ist eine seiner Leitfragen.

Im zweiten Teil des Werkes wendet sich Herder den großen Kulturen der Vergangenheit zu. Er folgt dabei einem weiten geografischen und zeitlichen Weg, der den Leser durch viele Länder und Epochen führt. Worauf dieser Gang hinausläuft und welches Ziel Herder in der Geschichte erkennt, entfaltet sich erst nach und nach.

Die Handlung im Detail↑

Im ersten Teil setzt Herder ganz oben an, im Weltall. Die Erde sei nur ein Stern unter Sternen und nicht durch sich selbst, sondern von anderen Kräften abhängig. Als Beispiel nennt er die Sonne, an die die Erde mit „unsichtbaren, ewigen Banden“ gebunden sei und von der sie Licht, Wärme, Leben und Gedeihen erhalte. Die Erde sei ein mittlerer Planet zwischen den unteren und den oberen Planeten; diese Mittelstellung sorge für ausgeglichene Verhältnisse. Herder beschreibt die Entstehung des Lebens als aufsteigende Reihe: zuerst die vier Elemente, dann die Pflanzen, dann Insekten, Vögel und Tiere, schließlich der Mensch als „Blüte der Erdenschöpfung“. Hinter den Jahreszeiten, der Atmosphäre und den Gebirgen erkennt er überall den Plan Gottes. Die Gebirge betrachtet er als die ursprüngliche Erde und meint, die ältesten Reste von Völkern und Sprachen finde man besonders häufig in den Bergen, wohin sich raue ältere Völker vor späteren zurückgezogen hätten.

Im zweiten und dritten Buch geht Herder vom Pflanzen- und Tierreich aus und stellt den Menschen als „Mittelgeschöpf unter den Tieren der Erde“ dar. Das vierte Buch zeigt den Menschen als ein Wesen, das zur Vernunft, zur Sprache, zur Kunst, zur Freiheit und zur Religion organisiert sei und das die Hoffnung auf Unsterblichkeit in sich trage. Das fünfte Buch fasst diesen Aufstieg in einer Reihe immer höherer Formen und Kräfte zusammen. Herder hält fest, dass aller Zusammenhang der Kräfte weder Rückgang noch Stillstand sei, sondern Fortschreitung. Die Humanität nennt er nur „Vorübung, die Knospe zu einer zukünftigen Blume“, und den gegenwärtigen Zustand des Menschen das verbindende Mittelglied zweier Welten.

Der zweite Teil wendet sich den Völkern zu. Herder beschreibt ihre „Organisation“ rund um den Erdkreis, von den Völkern am Nordpol über Asien, die südlichen Inseln und Afrika bis nach Amerika. Trotz aller Verschiedenheit, so seine These, sei es überall ein und dieselbe Menschengattung, die sich nur den Klimaten angepasst habe. Er fragt, was Klima sei und wie es auf Körper und Seele wirke, betont aber, dass die innere „genetische Kraft“ die Mutter aller Bildungen sei, der das Klima nur freundlich oder feindlich zuarbeite. In den folgenden Büchern zeigt er, wie Sinnlichkeit, Einbildungskraft, Verstand und Glück der Menschen überall von Tradition und Gewohnheit geleitet werden. Die Sprache nennt er das eigentliche Mittel zur Bildung des Menschen, die Religion die älteste und heiligste Überlieferung der Erde. Den ältesten Wohnsitz der Menschheit sucht er in Asien.

Im dritten Teil entwirft Herder eine Geschichte der großen Kulturen: China, Tibet, Indien und die ostasiatischen Länder, dann Babylon, Assyrien, die Meder und Perser, die Hebräer, Phönizien, Karthago und Ägypten. Ausführlich behandelt er Griechenland mit seiner Sprache, Mythologie, Dichtkunst und Staatsweisheit sowie Rom mit seinem Aufstieg, seinen Eroberungen und seinem Verfall. Im fünfzehnten Buch zieht er die großen Folgerungen: Die Humanität sei der Zweck der Menschennatur, und Gott habe dem Menschengeschlecht damit sein eigenes Schicksal in die Hände gegeben. Alle zerstörenden Kräfte müssten den erhaltenden mit der Zeit unterliegen und am Ende sogar der Ausbildung des Ganzen dienen. Vernunft und Billigkeit, so Herders Überzeugung, gewännen mit der Zeit immer mehr Raum und förderten eine dauerhaftere Humanität.

Der vierte Teil führt nach Europa. Herder behandelt die alten europäischen Völker, darunter die germanischen und slawischen Stämme, und schildert dann den Ursprung und die Ausbreitung des Christentums in den Morgen- und Abendländern. Es folgen die Reiche der germanischen Völker nach dem Untergang Roms sowie die Rolle der kirchlichen Hierarchie und ihre Wirkung auf Europa. So verbindet sich der weite Gang durch Weltall, Natur und Völkergeschichte zu einem einzigen Bild: einer Schöpfung, die den Menschen Stufe um Stufe zur Humanität hinführt.

Stil↑

Bestimmend für das Werk ist seine strenge äußere Gliederung. Vier Teile, zwanzig Bücher und zahlreiche mit römischen Ziffern bezeichnete Kapitel ordnen den umfangreichen Stoff. Viele Kapitel tragen lehrsatzartige Überschriften, die ihre Aussage schon vorwegnehmen, etwa „Unsre Erde ist ein Stern unter Sternen“ oder „Humanität ist der Zweck der Menschnatur“.

Herders Sprache verbindet Beobachtung und Deutung. Immer wieder stellt er Fragen, etwa was der Mensch an seinem Ort sein solle, und sucht hinter den Erscheinungen der Natur einen göttlichen Plan. Gern greift er zu anschaulichen Bildern: Die Erde erscheint als „Wohnstätte“, die Humanität als Knospe und Blume, der Mensch als „Blüte der Erdenschöpfung“. An anderer Stelle dient ihm der Schmetterling, der nach der Verpuppung verändert hervorgeht, als Sinnbild des werdenden Geschöpfs. Solche Vergleiche verleihen der gelehrten Abhandlung eine bildhafte, oft feierliche Färbung.

Rezeption↑

Schon zu Lebzeiten Herders fand das Werk große Beachtung, rief aber auch Widerspruch hervor. Goethe äußerte sich in der Italienischen Reise in einem Brief an die Weimarer Freunde vom Oktober 1787 über die Ideen. Johann Peter Eckermann überlieferte später ein Gespräch, in dem er Goethe fragte, was dieser für das Beste von Herders Werken halte.

Auf den Widerspruch traf Herder vor allem bei Immanuel Kant. Dieser besprach die ersten beiden Bände 1785 anonym in der Jenaer Allgemeinen Literatur-Zeitung. In den Aufsätzen Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht (November 1784) und Muthmaßlicher Anfang der Menschheitsgeschichte (Januar 1786) setzte er sich in der Berlinischen Monatsschrift weiter mit Herders Geschichtsdenken auseinander. Herder, der mit seinem Begriff der Seele in der Tradition des Leibnizschen Denkens stand, antwortete erst 1799 mit der Metakritik zur Kritik der reinen Vernunft.

Über diese unmittelbaren Auseinandersetzungen hinaus wirkte das Werk weit fort. Mit ihm beeinflusste Herder sowohl die humanistische Vorstellung eines allgemeinen Weltbürgertums als auch den europäischen Nationalismus.

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