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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Autoreneintrag · Johann Gottfried Herder
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Porträt Johann Gottfried Herder
Johann Gottfried Herder
1744 – 1803
– Autorenporträt –

Johann Gottfried Herder

1744 – 1803 · 59 Jahre

Sprach- und Geschichtsphilosoph der Weimarer Klassik, Entdecker des Volkslieds und Impulsgeber für den jungen Goethe – einer der einflussreichsten deutschen Denker der Aufklärung.

Kurzbiografie↑

Johann Gottfried Herder (1744–1803) gehört zum klassischen Viergestirn von Weimar, neben Wieland, Goethe und Schiller. Als Dichter, Übersetzer, Theologe sowie Geschichts- und Kulturphilosoph wurde er einer der einflussreichsten deutschsprachigen Denker im Zeitalter der Aufklärung. Sein Hauptwerk sind die Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit (1784–1791). Darin entwarf er eine Geschichtsauffassung, in der Völker und Kulturen als gleichwertig und in ihrer Eigenart verstanden werden. Bahnbrechend wirkte auch sein Eintreten für das Volkslied. Dazu kam seine Sprachphilosophie, die er dem Satz Hamanns unterstellte, "die Poesie sei die Muttersprache des menschlichen Geschlechts". Ab 1776 amtierte er bis zu seinem Tod als Generalsuperintendent in Weimar.


Biografie↑

Geboren wurde Herder am 25. August 1744 in der ostpreußischen Kleinstadt Mohrungen. Sein Vater war Kantor und Schullehrer. In den verifizierten Eckdaten klafft hier eine Lücke. Die Deutsche Nationalbibliothek führt "Mohrungen" als Geburtsort, Wikidata nennt den heutigen polnischen Namen "Morąg". Gemeint ist derselbe Ort, doch die Bezeichnung schwankt zwischen historischer und gegenwärtiger Sprachform. Die Eltern lebten in bescheidenen, pietistisch geprägten Verhältnissen. Herder besuchte die Stadtschule und wurde Faktotum des Diakons Sebastian Friedrich Trescho. Dafür durfte er dessen umfangreiche Bibliothek nutzen.

Im Sommer 1762 verließ er Mohrungen in Begleitung eines russischen Regimentschirurgen. In Königsberg wollte er Chirurg werden. Bei der ersten Leichenöffnung wurde er ohnmächtig – so berichtet die Deutsche Biographie – und beendete diesen Plan. Im August wechselte er zu Theologie und Philosophie. Prägend wurden für ihn die Vorlesungen Immanuel Kants über Astronomie, Logik, Metaphysik und Geographie. Ebenso prägte ihn die Bekanntschaft mit Johann Georg Hamann. Daneben verdiente er als Hilfslehrer am Collegium Fridericianum. Seine Geburtsstadt, seine Eltern und Freunde sah er nie wieder.

Im Herbst 1764 berief man Herder als Collaborator an die Domschule nach Riga. Später wirkte er dort auch als Pfarradjunkt. Bei bäuerlichen Hochzeiten und Volksfesten begegnete er lettischen Volksliedern. Das löste, wie er selbst berichtete, einen tiefgreifenden Wandel seiner Anschauungen über Poesie aus. In Riga erschienen seine Fragmente über die neuere deutsche Literatur (1766–1767) und die Kritischen Wälder (1769). 1766 trat er in die Freimaurerloge "Zum Schwert" ein. Angriffe des Hallenser Professors Christian Adolph Klotz verleideten ihm die Stadt. Einen Ruf nach Petersburg lehnte er ab.

1769 erbat Herder seine Entlassung. Mit seinem Freund Gustav Berens reiste er nach Nantes und weiter nach Paris, wo er mit Diderot und d'Alembert in Berührung kam. Als Reiseprediger des Erbprinzen von Holstein-Gottorp brach er Ende 1769 über Hamburg nach Eutin auf. In Hamburg lernte er Lessing und Claudius kennen. In Darmstadt traf er Maria Karoline Flachsland, die er 1773 heiratete. In Straßburg ließ er sich erfolglos am Auge operieren. Dort kam es zum folgenreichen ersten Treffen mit dem fünf Jahre jüngeren Goethe. Herder machte ihn auf Homer, Pindar, Ossian, Shakespeare, Hamann und auf das hochgotische Münster aufmerksam.

Ab April 1771 amtierte Herder als Oberprediger und Konsistorialrat in Bückeburg. Diese Jahre wurden, wie die Wikipedia formuliert, seine eigentliche Sturm-und-Drang-Periode. 1772 erhielt seine Abhandlung Über den Ursprung der Sprache den Preis der Berliner Akademie. Zum Sammelband Von deutscher Art und Kunst steuerte er die Aufsätze über Ossian und Shakespeare bei. Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit (1774) eröffnete einer neuen Geschichtsauffassung den Weg. Gemeinsam mit Johann Christoph Friedrich Bach entstanden Oratorien wie Die Kindheit Jesu.

Durch Goethes Vermittlung berief Herzog Karl August von Sachsen-Weimar Herder 1776 zum Generalsuperintendenten und Oberpfarrer an die Stadtkirche in Weimar. Daneben war er bis zu seinem Tod Direktor des Wilhelm-Ernst-Gymnasiums und "Ephorus der Schulen" im Herzogtum. Er bezog das Pfarrhaus am Herderplatz hinter der späteren "Herderkirche". Sein Hauptwerk, die Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit, hatte er bereits in Riga begonnen. Es erschien zwischen 1784 und 1791. 1787 wurde er Ehrenmitglied der Berliner Akademie. 1783 trat er, vier Monate nach Goethe, unter dem Namen "Damasus Pontifex" in den bayerischen Illuminatenorden ein.

Eine Italienreise 1788–1789 führte zur Begegnung mit Angelika Kauffmann. Nach der Rückkehr brach das Verhältnis zu Goethe endgültig. Es gab Auseinandersetzungen über die Französische Revolution, die Herder zunächst begrüßte. Dazu kam Eifersucht auf die wachsende Nähe zwischen Goethe und Schiller. Das isolierte ihn zunehmend. In seinem Spätwerk wandte er sich gegen Kants Transzendentalphilosophie: mit der Metakritik zur Kritik der reinen Vernunft (1799) und der Kalligone (1800). Es entwickelte sich eine Freundschaft zu Jean Paul. 1802 verlieh ihm der bayerische Kurfürst ein Adelsdiplom. Nach Kuraufenthalten in Aachen und Eger starb Herder am 18. Dezember 1803 in Weimar. Aus seiner Ehe gingen sieben Kinder hervor, sechs Söhne und eine Tochter.


Literarische Merkmale↑

Herder war Vielschreiber in mehreren Fächern zugleich: Dichter, Theologe, Übersetzer, Sprach- und Geschichtsphilosoph, Literaturkritiker, Ästhetiker. Seine Schriften bevorzugen die freie, oft essayistische Form: Fragmente, Wälder, Blätter, Briefe, Gespräche. Statt eines geschlossenen Systems entfaltet er Gedanken in beweglichen, miteinander verzahnten Anläufen.

Sein Grundgedanke ist die Verwurzelung jeder Dichtung in Volk, Sprache und geschichtlicher Lage. Auf Hamanns Satz, "die Poesie sei die Muttersprache des menschlichen Geschlechts", gründete er eine Sprachphilosophie. Diese erklärte die literarischen Erzeugnisse aller Nationen aus dem besonderen Genius der Volksart und Sprache. Er prägte hier den Begriff "Zeitgeist". Poesie galt ihm umso höher, je näher sie der Natur stand. Die herrlichsten Dichtungen stammten für ihn von "wilden Natursöhnen", von Homer, von den biblischen Autoren, von den Verfassern der Edda. Aus dieser Überzeugung erwuchsen seine bahnbrechenden Bemühungen, deutsches Liedgut, altnordische Mythen und die Dichtungen der Minnesänger zu sammeln.

In der Ästhetik wandte er sich gegen jede aus leeren Definitionen abgeleitete Theorie. An ihre Stelle setzte er die Einfühlung in das einzelne Werk, seine Entstehungsbedingungen und die Absicht des Künstlers. Erst aus der Betrachtung vieler Kunstwerke, so die Deutsche Biographie, könne sich ein erfüllter Begriff einer Gattung ergeben. Diese empirische, geschichtliche Methode rechtfertigt zugleich seine Wendung zur Historie. Geschichte denkt er als organisch aufeinander aufbauende Epochen. Zugleich denkt er sie als Vielfalt gleichzeitiger Kulturen, die ihr eigenes Recht haben und nicht an fremden Maßstäben gemessen werden dürfen.

Politisch und ethisch verbindet sich damit eine ausgeprägte Skepsis gegen den Staat als Abstraktum. Hoch bewertet er dagegen die unmittelbaren menschlichen Beziehungen in Familie, Verwandtschaft und Freundschaft. Der Begriff des "Volkes" ist bei ihm sozial, nicht national verengt. Der Dichter soll in der Volkssprache schreiben, weil sie verständlich macht und wirkt, nicht weil sie als Eigenwert zu konservieren wäre. Diese didaktische Ausrichtung – die Aufklärung der Nationen übereinander – durchzieht auch seine Arbeit am Volkslied. Zur Einteilung der Menschen in Rassen schrieb er ausdrücklich, er sehe für diese Benennung keine Ursache. Weder vier oder fünf Rassen noch ausschließende Varietäten gebe es auf der Erde.


Rezeption↑

Schon der frühe Herder forderte die führenden deutschen Kritiker heraus: Lessing, Nicolai, Mendelssohn, Abbt. Mit zweiundzwanzig Jahren stellte er sich ihnen als Kunstrichter zur Seite. Lessing soll, so überliefert die Deutsche Biographie, über den jungen Autor gesagt haben, er sei "entweder ein Geck oder ein Genie". Die Fragmente trugen ihm die Anerkennung Kants ein. Nicolai warb um seine Mitarbeit an dessen Allgemeiner Deutscher Bibliothek. Zugleich brachten sie ihm aber die Feindschaft des Hallenser Professors Christian Adolph Klotz und seines Schülers Riedel ein.

Innerhalb der zeitgenössischen Literatur stellten die Aufsätze über Ossian und Shakespeare sowie die preisgekrönten Abhandlungen Herder in den Mittelpunkt der Sturm-und-Drang-Bewegung. In Straßburg wurde er zum entscheidenden Impulsgeber für den jungen Goethe. Halb-theologische Schriften wie die Älteste Urkunde des Menschengeschlechts lösten dagegen heftigen Widerspruch aus. Dieser veranlasste ihn, seine vorbereitete Volkslieder-Sammlung zurückzuhalten. Sein Biograf Rudolf Haym urteilte über das Werk Vom Geiste der Ebräischen Poesie, es habe für die Kunde des Orients Ähnliches geleistet wie Winckelmanns Schriften für das Kunststudium.

In der Weimarer Spätzeit empfand Herder sich selbst als zurückgesetzt. Im Vergleich mit Goethe und Schiller bezeichnete er sich als "dürrer Baum und verlechzte Quelle" oder als "Packesel und blindes Mühlenpferd". Sein Angriff auf Kants Transzendentalphilosophie in der Metakritik und der Kalligone konnte sich gegenüber der wachsenden Geltung Kants nicht durchsetzen. Hingegen wurde er für den jungen Novalis ein wichtiger Bezugspunkt, ebenso für Jean Paul, der ihn in den letzten Lebensjahren häufig besuchte.

Die institutionelle Anerkennung blieb gleichwohl beträchtlich. 1787 wurde er Ehrenmitglied der Berliner Akademie der Wissenschaften und mehrfacher Preisträger derselben Akademie. 1802 erhob ihn der bayerische Kurfürst Maximilian Joseph in den Adelsstand und ernannte ihn zum Präsidenten des Oberkonsistoriums. Seine Frau Maria Karoline ordnete nach seinem Tod den Nachlass und gab seine Werke heraus. Sein Sohn Emil Ernst Gottfried legte mit Herders Lebensbild (Erlangen 1846–1847, 24 Bände) eine umfangreiche Darstellung von Leben und Wirken vor. Die Allgemeine Deutsche Biographie würdigte ihn 1880 in einem Artikel von Rudolf Haym, die Neue Deutsche Biographie 1969 in einem Beitrag von Hans-Wolf Jäger. Die Weimarer Stadtkirche St. Peter und Paul, an der er fast drei Jahrzehnte wirkte, trägt heute den Beinamen "Herderkirche".

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