1772
Abhandlung über den Ursprung der Sprache
Überblick↑
Mit dieser Preisschrift griff Johann Gottfried Herder 1769 in eine der großen Streitfragen seiner Zeit ein: Woher kommt die menschliche Sprache? Die Berliner Akademie der Wissenschaften hatte gefragt, ob der Mensch sie sich aus eigener Kraft habe geben können. Herders Antwort gewann den Preis und erschien 1772 im Druck. Die Schrift ist bis heute ein Schlüsseltext der Sprachphilosophie und der philosophischen Anthropologie. Sie löst den Ursprung der Sprache vom göttlichen Eingriff ab und führt ihn auf eine besondere Verfassung des Menschen selbst zurück.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Herder gliedert seine Schrift in zwei Teile mit zwei klaren Fragen. Der erste Teil fragt: Hätten sich die Menschen, allein auf ihre natürlichen Anlagen gestellt, Sprache überhaupt selbst erfinden können? Der zweite Teil fragt: Auf welchem Weg mussten sie das tun?
Bevor er antwortet, räumt Herder zwei verbreitete Auffassungen aus dem Weg. Er bestreitet, dass Sprache ein göttliches Geschenk sei. Ebenso bestreitet er, dass sie einfach aus tierischen Lauten hervorgewachsen sei. Stattdessen rückt er den Menschen selbst in den Mittelpunkt: ein Wesen, das körperlich schwächer ausgestattet ist als die Tiere, das aber über etwas verfügt, was Tiere nicht haben. Was das ist und wie daraus Sprache entsteht, entwickelt Herder Schritt für Schritt. Er beobachtet, wie der Mensch hört, wie er Dinge unterscheidet, wie er auf andere angewiesen ist und wie Klima, Gemeinschaft und Lebensweise die Sprachen formen. Am Ende steht der Gedanke, dass die Menschheit ein einziges, sich immerfort entwickelndes Ganzes bilde.
Die Handlung im Detail↑
Im ersten Teil setzt Herder mit dem berühmten Satz an: „Schon als Tier hat der Mensch Sprache." Damit meint er nicht, dass der Mensch vom Tier abstamme, sondern dass Sprache im weitesten Sinn bereits in Lauten beginnt – im Schrei, im Seufzer, im unwillkürlichen Ausdruck eines Gefühls. Diese einfachste Schicht sei in primitiveren Sprachen lebendiger erhalten als in den europäischen, in denen sie nur noch wie verschüttete Wurzeln spürbar sei.
Doch eine echte Sprache, so Herder, entsteht erst aus einem ganz anderen Grund. Der Mensch sei den Tieren an Kraft und Sicherheit des Instinkts weit unterlegen – ein von Natur aus mangelhaft ausgestattetes Wesen. Genau darin liegt für Herder der Ansatzpunkt: An die Stelle des fehlenden Instinkts tritt beim Menschen die Vernunft, und mit ihr die Fähigkeit zur Reflexion. Der Mensch könne eine Eigenschaft eines Dinges für sich herausheben und festhalten. Herders berühmtes Beispiel: Das Schaf blökt, der Mensch hört es, und in ihm bildet sich der Gedanke „Ha! Du bist das Blökende!" Damit ist das erste innere Wort gesprochen.
Herder grenzt diese These doppelt ab. Gegen den Theologen Johann Peter Süßmilch, der die Sprache als Geschenk Gottes verstand, wendet er ein, dass die Vielfalt der Nationalsprachen einen menschlichen, geschichtlichen Prozess voraussetzt. Gegen Étienne Bonnot de Condillac, der den Ursprung der Sprache im Tierlaut suchte, hält er fest: Der Mensch ist kein lautstärkeres Tier, sondern ein hörendes Geschöpf. Dem Hören schreibt Herder eine besondere Rolle zu, weil es zwischen Fühlen und Sehen vermittelt: Das Fühlen erfordert unmittelbare Berührung, das Sehen breitet alles auf einmal aus, das Hören aber zerlegt die Welt in eine Folge – und genau in dieser Folge liege der Keim sprachlicher Ordnung. Belege findet Herder in den „morgenländischen" Sprachen, in denen abstrakte Begriffe noch sinnlich gebunden seien: Wind und Geist, Atem und Seele, Schnauben und Zorn hängen dort sprachlich aneinander. Auch grammatische Eigenheiten – der Vorrang der Verben, der Vorrang des Präteritums vor dem Präsens, weil der Mensch Vergangenes erzählen muss – zeigen für Herder, wie nahe Sprache ursprünglich an Empfindung und Wahrnehmung liegt.
Im zweiten Teil geht Herder den Weg vom Vermögen zur Sprache selbst. Was den Menschen vom Tier trenne, sei nicht ein einzelnes Mehr, sondern eine andere Gesamtverfassung: Verstand und „Besonnenheit". Damit meint Herder die Freiheit, mit der der Mensch seine Sinne und Vorstellungen gebrauchen und auf sich selbst zurückwenden kann. Aus dieser Selbstbezüglichkeit erwachse die Vernunft, die kein Tier habe und haben könne. Der Mensch empfinde nicht ohne zu denken und denke nicht ohne zu sprechen – Hören, Erkennen und Benennen seien ein einziger Vorgang. So entstehe aus den Lauten der Natur Schritt für Schritt ein erstes „Wörterbuch", in dem jeder Gegenstand das Merkmal als Namen bekommt, an dem ihn das Ohr erkannt hat.
Diesen Prozess denkt Herder nicht beim einzelnen Robinson, sondern in der Gemeinschaft. Am Beispiel des hilflosen Säuglings zeigt er, dass der Mensch vom ersten Tag an auf andere angewiesen ist – und mit ihrer Pflege übernimmt er auch ihre „Familiendenkart" und „Familiensprache". Klima, Ernährung und Lebensweise prägen jede Sprache mit, und weil Familien in größere Verbände eingebettet sind, müssen notwendig viele verschiedene Sprachen entstehen. Daraus zieht Herder die abschließende Folgerung: Die Menschheit ist „ein progressives Ganze von einem Ursprunge" – eine sich fortzeugende Einheit, deren Sprachen ihre Geschichte sichtbar machen.
Stil↑
Herder schreibt keine kühl gegliederte Schulabhandlung, sondern eine streitlustige, oft hingerissene Prosa. Er argumentiert in Bildern und ruft Beispiele auf wie Szenen: das blökende Schaf, der hilflose Säugling. Wo andere Definitionen setzen würden, bricht er in Ausrufe aus. Begriffe wie „Besonnenheit" oder „Familiendenkart" prägt er im Schreiben selbst und lädt sie mit Anschauung auf. Die zwei Teile sind als Antworten auf zwei klar gestellte Preisfragen angelegt. Doch innerhalb dieser Architektur folgt der Gedanke einer leidenschaftlichen, mitunter sprunghaften Bewegung. Sie lädt mehr zum Mitdenken ein als zum Nachsprechen.
Rezeption↑
Die Abhandlung wirkt weit über ihre Zeit hinaus. Vor allem Herders Bestimmung des Menschen als instinktarmes Wesen wirkte im 20. Jahrhundert fort. Aus ihr prägte Arnold Gehlen den Begriff des „Mängelwesens" und machte ihn zur Grundlage seiner eigenen philosophischen Anthropologie. Auch der Soziologe Dieter Claessens hat an Herder angeknüpft. Besonders die Beobachtungen zur Aufzucht des Säuglings hat er in seine Theorie des Lebens in Gruppen eingebettet. So steht Herders Schrift nicht nur am Anfang der modernen Sprachphilosophie, sondern auch in einer Linie, die bis in die Anthropologie und Soziologie des 20. Jahrhunderts reicht.
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