1779
Abendlied
Überblick↑
Mit dem Abendlied schuf Matthias Claudius eines der bekanntesten Gedichte der deutschen Literatur. Bekannt wurde es vor allem unter der ersten Zeile „Der Mond ist aufgegangen". Verbreitet wurde es als christliches Lied durch die Vertonung von Johann Abraham Peter Schulz. Erstmals erschien das Gedicht im Musen-Almanach für 1779, den Johann Heinrich Voß herausgab. Seither fehlt es in kaum einer Anthologie. Als Vorlage diente das Lied Nun ruhen alle Wälder von Paul Gerhardt aus dem Jahr 1647. Die genaue Entstehung ist unsicher. Manche gehen von einer Niederschrift 1778 in Wandsbek aus, andere von einer früheren in Darmstadt.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
In sieben Strophen entfaltet das Gedicht die Stimmung eines hereinbrechenden Abends. Der aufgehende Mond, die ersten Sterne am Himmel und der schweigende, dunkle Wald bilden das Bild einer stillen Abendlandschaft. Aus den Wiesen steigt der weiße Nebel auf. Das Sprechende betrachtet diese Natur. Aus dem Anblick lässt es allmählich Gedanken erwachsen, die über das bloße Bild hinausführen.
Aus der ruhigen Naturschilderung entwickelt sich eine andächtige Besinnung. Der zurückliegende Tag, die Vergänglichkeit alles Irdischen und das Vertrauen auf Gott klingen an. So verbindet das Werk die genaue Beobachtung des Abends mit einer leisen, frommen Nachdenklichkeit. Diese lädt den Leser ein, dem Gang der Gedanken zu folgen.
Die Handlung im Detail↑
Das Gedicht beginnt mit dem berühmten Eingangsbild: „Der Mond ist aufgegangen, die goldnen Sternlein prangen". Diese ersten beiden Verse sind eng an die dritte Strophe von Paul Gerhardts Lied angelehnt, das im Original lautet: „Der Tag ist nun vergangen, die güldnen Sternlein prangen". Der Wald steht schwarz und schweigt, aus den Wiesen steigt der weiße Nebel auf.
Im weiteren Verlauf wendet sich das Gedicht von der reinen Betrachtung der Natur einem fortschreitenden Erkenntnisprozess zu. Mit der dritten Strophe setzt eine Verteidigung des Glaubens ein, die auf das Wissen und Erkennen zielt. Dies lässt sich als Verteidigung von Gerhardts Ursprungstext lesen, dessen Wendung „es schläft die ganze Welt" von der Aufklärung kritisch betrachtet worden war.
Die Naturbetrachtung am Abend wird dabei zum Bild des Sterbens und der Vergänglichkeit. Über dem Vergänglichen steht das kontemplativ ausgedrückte Gottvertrauen. In den letzten beiden Strophen tritt der Gebetscharakter besonders deutlich hervor. Das Gedicht mündet in eine Bitte, die auch den kranken Nachbarn einschließt. So führt das Werk vom äußeren Bild des Abends über die Besinnung auf Vergänglichkeit hin zur frommen Fürbitte. Hinter der Schilderung des Abends steht die Heilserwartung eines gläubigen Christen, weshalb das Gedicht über das Idyll hinaus als Todesgedicht gelesen werden kann.
Stil↑
Das Werk besteht aus sieben sechszeiligen Strophen. Das Reimschema ist [aabccb]. Der jeweils dritte und sechste Vers bilden einen Schweifreim. Das Versmaß wird in der Regel als dreihebiger Jambus gedeutet, wobei der letzte Vers jeder Strophe vierhebig ist. Einige Interpreten gehen jedoch davon aus, dass sämtliche Verse vierhebig aufzufassen seien. Sie berufen sich dabei unter anderem auf verschiedene Vertonungen.
Schon der Titel ordnet das Gedicht einer Tradition zu. Das Abendlied als literarische Gattung ist ein typisches Produkt der Reformationszeit. Zu ihren wiederkehrenden Elementen zählen die Angst vor der hereinbrechenden Nacht, die Erinnerung an den vergangenen Tag und eine Form von Andacht. Anders als bei vielen Vorgängern tritt bei Claudius eine reale, eigenständige Natur in Erscheinung, die nicht mehr nur als Sinnbild gelesen werden kann. Auch fehlt der für die Gattung typische pädagogische Unterton. An seine Stelle tritt ein fortschreitender Erkenntnisprozess, dem der Leser folgen kann. So ruft das Gedicht eine Tradition auf und grenzt sich zugleich von ihr ab.
Eng verbunden ist das Werk mit Paul Gerhardts Nun ruhen alle Wälder, auf dessen Melodie es ursprünglich gesungen werden sollte. Daher stimmen beide Lieder in Metrum und Reimschema überein. Sie stehen in einem größeren Zusammenhang christlicher Liedtexte, zu dem auch O Welt, ich muss dich lassen gehört. Claudius übernimmt einzelne Textzeilen Gerhardts und wandelt sie leicht ab. Über die literarische Bewertung wurde lange gestritten. Manche lehnten das Gedicht als naiv und einfältig ab. Ernst Wiechert lobte dagegen gerade die Schlichtheit als handwerklich gelungenes Stilmittel.
Rezeption↑
Vor allem als Volkslied erlangte das Gedicht im deutschen Sprachraum große Berühmtheit, besonders die erste, zweite, dritte und letzte Strophe. Die übrigen werden oft weggelassen. Überwiegend wurde es als idyllisches Schlaflied aufgenommen, mit dem nur leise unheimlichen Anklang des kalten Abendhauchs. Winfried Freund deutet es dagegen eher als Todesgedicht, das vor dem Hintergrund christlicher Heilserwartung steht.
Die Wirkung setzte bereits kurz nach der Veröffentlichung ein. Johann Gottfried Herder nahm es als einziges zeitgenössisches Gedicht in den zweiten Teil seiner Volkslieder auf, kürzte es aber um die letzten beiden Strophen. August Hermann Niemeyer druckte es in Liedersammlungen für das Volk und für Schulen und begründete damit die Rezeption als Kirchenlied. Als Melodie gab er Gerhardts Nun ruhen alle Wälder an. Diese Nachdrucke hatte Claudius nicht autorisiert. Er selbst billigte nur zwei Veröffentlichungen in weltlichem Rahmen.
In der Vertonung von Johann Abraham Peter Schulz aus dem Jahr 1790 erhielt das Lied einen festen Platz im deutschen Repertoire. Mit dieser Melodie steht es im Evangelischen Gesangbuch und seit 2013 auch im katholischen Gotteslob. Insgesamt entstanden mehr als siebzig Vertonungen, darunter eine von Franz Schubert aus dem November 1816. Die große Bekanntheit zog zahlreiche Parodien nach sich, etwa von Peter Rühmkorf und Franz Josef Degenhardt. Der falsch verstandene Vers vom „weißen Nebel" als „weißer Neger Wumbaba" gab Axel Hacke den Titel für sein Buch über Hörfehler. Beim Trauergottesdienst für Helmut Schmidt wurde das Lied auf dessen Wunsch gesungen. Zu Beginn der Corona-Pandemie lud die Evangelische Kirche in Deutschland zum gemeinsamen abendlichen „Balkonsingen" ein.
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