1774
Der Tod und das Mädchen
Überblick↑
Das Gedicht Der Tod und das Mädchen gehört zu den bekanntesten kurzen Versdichtungen von Matthias Claudius (1740–1815). Es erschien 1774 im Göttinger Musenalmanach. In wenigen Zeilen lässt Claudius zwei Stimmen aufeinandertreffen: ein junges Mädchen, das sich vor dem Tod fürchtet, und den Tod selbst, der sich nicht als Schrecken, sondern als Freund zu erkennen gibt. Berühmt wurde das Gedicht vor allem durch die Vertonung von Franz Schubert. Es greift ein altes Bildmotiv auf, das in der Malerei seit etwa 1500 verbreitet war, und gibt ihm eine neue, tröstliche Wendung.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht eine unmittelbare Begegnung: Ein Mädchen sieht sich plötzlich dem Tod gegenüber. Das Gedicht ist als kurzes Zwiegespräch angelegt. In der ersten Strophe spricht das Mädchen, in der zweiten der Tod.
Das Mädchen ist erschrocken und voller Abwehr. Es bittet den Tod, vorüberzuziehen, und drängt ihn fort. Sein Sprechen ist von Angst geprägt.
Der Tod antwortet ihm ruhig und freundlich. Er versucht, dem Mädchen die Furcht zu nehmen, und stellt sich anders dar, als das Mädchen es erwartet. Wie diese Begegnung ausgeht und welche Haltung das Gedicht am Ende nahelegt, entfaltet sich erst im genauen Verlauf der beiden Strophen.
Die Handlung im Detail↑
Der Tod tritt unmittelbar an das Mädchen heran, und das Mädchen reagiert mit Angst. In der ersten Strophe spricht es selbst: Es weist den Tod zurück, bittet ihn vorüberzugehen und nennt ihn einen „wilden" Knochenmann. Es fleht, verschont zu werden, weil es noch jung sei. Seine Worte sind kurze Ausrufe, abgebrochene Sätze und Befehle, in denen sich die Furcht unmittelbar ausdrückt.
In der zweiten Strophe antwortet der Tod. Er widerspricht dem Schreckensbild, das das Mädchen von ihm hat. Er gibt sich nicht als Feind, sondern als Freund zu erkennen, der nicht zu strafen kommt. Seine Worte sind sanft und beruhigend; er fordert das Mädchen auf, getrost zu sein und in seinen Armen sanft zu schlafen. So wird der Tod von einer bedrohlichen Gestalt zu einer freundlichen, fast väterlichen Figur umgedeutet.
Das Mädchen antwortet nicht mehr. Durch dieses Schweigen bleibt die Botschaft des Todes als letztes Wort stehen: dass der Tod nichts Schreckliches an sich habe. Das Gedicht legt damit nahe, dass das Mädchen sich dem Tod überlassen könnte, lässt diesen Schritt aber offen, weil seine Antwort fehlt. In Franz Schuberts späterer Vertonung wird das, was hier nur angedeutet ist, weitergeführt: Schubert komponierte das Lied in d-Moll, lässt es aber in einem hellen, versöhnlichen D-Dur enden und vollzieht so die Hingabe an den Tod musikalisch nach.
Stil↑
Die ganze Wirkung des Gedichts beruht auf einer fein gearbeiteten Gegenüberstellung der beiden Stimmen. Claudius schafft zwischen dem Mädchen und dem Tod zugleich Gegensätze und Verbindungen. Beide Strophen sind kreuzweise gereimt (a–b–a–b), und beide nutzen dieselben Reimvokale in derselben Abfolge.
Das Versmaß ist durchgehend jambisch, also im regelmäßigen Wechsel von unbetonten und betonten Silben. Doch der Rhythmus unterscheidet die Sprecher. In der Mädchen-Strophe sind die Verse nur dreihebig, also kurz und gedrängt; das passt zu den hastigen Ausrufen, den unvollständigen Sätzen und den Befehlen, in denen sich die Angst zeigt. In der Strophe des Todes setzt der Vers zunächst fünfhebig an und nimmt damit sofort das Tempo aus dem Gespräch. Die letzten Verse schwingen vierhebig aus und verstärken so die beruhigende Wirkung.
Auch der Tod gebraucht Befehlsformen, doch im langen, ruhigen Satzbau und neben Wörtern wie „Freund" und „sanft" wirken sie nicht hart, sondern wie Trost. Der Wechsel von männlichen und weiblichen Versschlüssen ist beiden Strophen gemeinsam, aber spiegelbildlich angeordnet. So wird die kunstvolle Form selbst zum Träger des Sinns: Sie zeigt den engen Bezug der beiden Figuren und die positive Bewertung des Todes. Claudius wird der Empfindsamkeit zugerechnet, die sich auf dem Boden der Aufklärung bildete. Beides ist hier zu spüren: die zuversichtliche Haltung gegenüber dem Tod verweist auf die Aufklärung, die innige, familiäre Wortwahl des Todes auf die Empfindsamkeit.
Rezeption↑
Das Gedicht steht in einer langen Bildtradition. Das Motiv vom Tod und dem Mädchen war in der bildenden Kunst schon seit etwa 1500 verbreitet. Claudius greift dieses gelehrte Bildthema auf und gestaltet es als nachdenkliche Reflexionsdichtung, nicht als Ausdruck eines eigenen Erlebnisses. Sein Gedicht spiegelt das Verhältnis zum Tod, das im 18. Jahrhundert verbreitet war: weniger ein Tabu als heute, vielmehr ein nahes, aus Schauer und religiöser Innigkeit gemischtes Empfinden.
Die größte Nachwirkung verdankt das Gedicht der Musik. Franz Schubert vertonte es 1817 als Kunstlied Der Tod und das Mädchen. Schubert führte den Gedanken des Gedichts weiter, indem er die anfängliche Düsternis in einen hellen, tröstlichen Schluss überführte. Auch später griffen Komponisten den Stoff auf, so Gilius van Bergeijk 1980, Wilhelm Keller 1995 und die Interpretation von Bacio di Tosca 2007. Durch diese Vertonungen, allen voran Schuberts, ist Claudius' kurzes Gedicht bis heute lebendig geblieben.
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