1877
Der Totschläger
Kurzbiografie↑
Der Roman Der Totschläger stammt von Émile Zola und erschien 1877. Im französischen Original trägt er den Titel L'Assommoir, benannt nach einer der Kneipen, in denen die Figuren des Romans häufig verkehren. Es handelt sich um den siebten Band der zwanzigbändigen Romanreihe Les Rougon-Macquart. In einer deutschen Ausgabe von Kindlers Literatur Lexikon ist der Roman auch unter dem Titel Die Schnapsbude geführt worden. Das Werk schildert das Leben der Pariser Arbeiterschaft und gilt als eines der eindringlichsten Bilder der sozialen Verhältnisse des 19. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt steht der langsame Niedergang einer fleißigen Wäscherin, deren Aufstiegshoffnungen am Elend und am Alkohol zerbrechen.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Zentrum steht die junge Wäscherin Gervaise Macquart, die zu Beginn der Handlung von ihrem Liebhaber Auguste Lantier verlassen wird. Er nimmt ihr ganzes Geld mit und hinterlässt ihr die beiden gemeinsamen Söhne Claude und Etienne. Gervaise ist tugendhaft und fleißig, nun aber bettelarm.
Bald heiratet sie den ehrbaren, recht lebenslustigen Zinkarbeiter Coupeau. Zunächst scheint sich alles zum Guten zu wenden: Beide arbeiten hart und sparen, denn Gervaise möchte sich eine eigene Wäscherei einrichten. Eine Tochter kommt zur Welt, die „Nana“ genannt wird.
Doch dann erleidet Coupeau einen Arbeitsunfall, der ihn für Monate ans Bett fesselt. Von hier an entwickelt sich das Geschehen in eine Richtung, die Gervaises Lebenstraum auf eine harte Probe stellt. Der Roman zeichnet das Bild eines Lebens, in dem Fleiß und gute Absichten gegen widrige Umstände, Neid und Versuchungen anzukämpfen haben.
Die Handlung im Detail↑
Zu Beginn wird die junge Wäscherin Gervaise Macquart von ihrem Liebhaber Auguste Lantier verlassen. Er nimmt ihr gesamtes Geld mit und lässt ihr nur die beiden gemeinsamen Söhne Claude und Etienne. Die fleißige, aber nun bettelarme Frau heiratet daraufhin den ehrbaren und lebenslustigen Zinkarbeiter Coupeau.
Zunächst geht alles gut. Durch harte Arbeit verdienen die beiden Geld, mit dem sich Gervaise eine eigene Wäscherei kaufen möchte. Sie bekommen eine Tochter, die „Nana“ gerufen wird. Dann jedoch stürzt Coupeau bei der Arbeit und ist für mehrere Monate ans Bett gefesselt. Ein Teil der Ersparnisse geht für seine Pflege drauf. Als er wieder gesund ist, hat er sich so sehr ans Nichtstun gewöhnt, dass er nicht mehr zur Arbeit zurückfindet.
Gervaise borgt sich Geld und mietet einen Laden, in dem sie ihre Wäscherei einrichtet. Nun muss sie allein das Geld verdienen. Coupeau beginnt bald zu trinken, und die durch die Heirat verschwägerte Familie Lorilleux feindet Gervaise aus Neid über ihren geschäftlichen Erfolg offen an. Dennoch gelingt es ihr einige Jahre lang, gleichzeitig Hausfrau, Mutter und Geldverdienerin zu sein. Ihr Sohn Etienne kommt beim befreundeten Nagelschmied Goujet in die Lehre und verlässt als Geselle Paris.
Coupeaus Charakter verschlechtert sich immer schneller. Aus dem Trinker wird ein Säufer. Er schließt Freundschaft mit Gervaises früherem Liebhaber Lantier, der, völlig pleite, sich bald bei den Coupeaus einnistet. Die vernachlässigte Tochter, die nun als Blumenmacherin arbeitet, entwickelt sich zu einer frechen Göre und dann zur Dirne.
Auch Gervaise ist nicht ohne Widersprüche. Kurz vor dem Niedergang gibt sie das wenige Geld für ausgiebige Feinschmeckereien aus. Die gutherzige Frau lässt sich auch das Begräbnis ihrer Schwiegermutter einiges kosten. Schließlich ist sie von ihrem mühevollen Leben erschöpft, dessen Früchte ihr Mann Abend für Abend vertrinkt. Sie lässt sich gehen, arbeitet immer schlampiger und verliert Kunden. Zur Freude der Lorilleux muss sie den Laden aufgeben und wieder als Lohnarbeiterin schuften. Lantier, der spürt, dass seine bequeme Nestwärme schwindet, arrangiert den Verkauf des Geschäfts an eine Dame seiner Bekanntschaft, bei der er als nächster Schmarotzer unterkommt.
Auch Gervaise beginnt zu trinken. Sie verliert ihre Ehrbarkeit und sinkt immer mehr ab. Nana verlässt das Elternhaus und lässt sich von Männern aushalten. Coupeau, vom Alkohol innerlich zerfressen, ist längst nicht mehr zurechnungsfähig und stirbt schwer geistesgestört in einer Irrenanstalt an einem Delirium tremens. Gervaise selbst sinkt zuletzt zur Straßendirne herab. Einige Zeit nach Coupeaus Tod verhungert sie in einem kalten Winter unter einem Treppenabsatz jener Mietskaserne, in der sie einst ihren eigenen Laden besessen hatte.
Stil↑
Der Roman schildert die Pariser Arbeiterwelt mit dem Anspruch, die tatsächlichen Zustände auf realistische Weise wiederzugeben. Zola selbst verstand sein Vorgehen als faktentreue Beobachtung, mit der er das wohlhabende Bürgertum auf das Elend der ärmeren Schichten aufmerksam machen wollte. Der schonungslose Blick auf Armut, Alkohol und den allmählichen sozialen Abstieg prägt das Werk. Der schleichende Verfall der Hauptfigur wird über lange Strecken so genau nachgezeichnet, dass der Leser jeden Schritt des Niedergangs miterlebt. Die häufig aufgesuchte Kneipe, die dem Roman im Original den Titel gibt, wird zum Sinnbild für die Versuchung, an der das Leben der Figuren zerbricht.
Rezeption↑
Zu Lebzeiten Zolas war der Roman lange Zeit Ziel heftiger Kritik. Das Bürgertum zeigte sich zwar über die abschreckende Darstellung der Unterschicht angetan, warf dem Autor aber zugleich vor, das Genre des Romans in den Schmutz zu ziehen und die Wirklichkeit durch Dramatisierung aufzubauschen. Zola entgegnete, er behandle lediglich die tatsächlichen Zustände, um die Bourgeoisie auf das Elend der Armen aufmerksam zu machen.
Auch von der Arbeiterklasse kam Kritik: Durch den deutlich gezeichneten Verfall der Gervaise Coupeau, so der Vorwurf, entwürdige das Werk den Arbeiter zu einem tierischen, ordinären Wesen. Von dieser Reaktion fühlte sich Zola besonders getroffen und rechtfertigte sich erneut damit, die Lebensumstände wahrheitsgetreu wiederzugeben, um dem reichen Bürgertum die Augen zu öffnen und es aus seiner Gleichgültigkeit gegenüber der Armut zu reißen.
Die Romanwelt fand mehrere Fortsetzungen. Im Roman Germinal wird der Sohn Etienne Lantier zum Helden. Im Roman Nana erzählt Zola die Geschichte der Tochter weiter. Der Stoff wurde mehrfach verfilmt, unter anderem 1956 von René Clément unter dem Titel Gervaise.
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