1885
Germinal
Überblick↑
Der 1885 erschienene Roman ist das Hauptwerk aus Émile Zolas zwanzigbändigem Zyklus Die Rougon-Macquart. Zola schildert die unmenschlichen Verhältnisse in einem nordfranzösischen Kohlerevier des 19. Jahrhunderts. Die Welt der Bergleute wird zum Schauplatz eines großen Gesellschaftsromans. Im Mittelpunkt stehen die Konflikte zwischen Arm und Reich. Dazu kommen die Auseinandersetzungen zwischen den unterschiedlichen Wegen, gerechtere Verhältnisse zu erreichen. Ein Teil der Bergleute drängt auf Streik, ein anderer Teil sucht das Einvernehmen mit den Grubenbesitzern.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Etienne Lantier, ein junger Maschinist, hat seine bisherige Anstellung in Lille verloren. Der Grund: Er hat sich seinem Arbeitgeber gegenüber respektlos verhalten. Auf der Suche nach Arbeit kommt er in die Siedlung am Schacht „Le Voreux“ im nordfranzösischen Kohlerevier. Bei der Bergarbeiterfamilie Maheu findet er Unterkunft und in der Grube neue Arbeit. In die älteste Tochter Catherine verliebt er sich.
Was Etienne im Alltag der Bergleute erlebt, empört ihn zutiefst. Die Familien hungern, die Arbeit unter Tage ist gefährlich, die Löhne reichen kaum zum Leben. Begeistert von den Ideen des Sozialismus beginnt er, die verzagten Kameraden aufzurütteln. Aus seinen Reden wächst ein Streik, der zunächst Erfolg verspricht. Doch die Eigentümer geben nicht nach. Die Arbeiter anderer Gruben schließen sich nicht an, und die Lage in der Siedlung wird immer verzweifelter. Aus der Wut der Hungernden, der Härte der Besitzer und dem Eingreifen des Militärs entwickelt sich eine Auseinandersetzung, die alle Beteiligten an ihre Grenzen führt.
Die Handlung im Detail↑
Etienne Lantier, Sohn der Wäscherin Gervaise Coupeau aus dem Roman Der Totschläger, hat Lille wegen Respektlosigkeit gegenüber seinem Arbeitgeber verlassen müssen. Auf der Suche nach Arbeit kommt er in die Bergarbeitersiedlung des Schachtes „Le Voreux“. Bei der Familie Maheu findet er ein Bett, in der Kohlengrube von Voreux eine Anstellung, und in Catherine, der ältesten Tochter der Maheus, eine junge Frau, in die er sich verliebt.
Die unmenschlichen Lebensumstände der Bergleute empören ihn, und die Ideen des Sozialismus, die er kennenlernt, begeistern ihn. Er beginnt, die verzagten Familien aufzustacheln, und tatsächlich treten die Arbeiter in den Streik. Anfangs sieht es gut aus, doch die Bergleute der anderen Gruben schließen sich nicht an. Da nun überhaupt kein Lohn mehr fließt, verschlechtert sich die Lage der Familien dramatisch.
Aus der wachsenden Wut wird offene Gewalt. Das Heer der aufgebrachten Arbeiter aus Le Voreux zieht zur Grube „Jean Bart“ und zerstört sie. Kurz darauf wird der raffgierige Lebensmittelhändler Maigrat von der Menge bedroht; er stürzt vom Dach und verunglückt tödlich. Als die Bergbauunternehmer belgische Arbeiter zur Reparatur der Gruben heranziehen und die empörten Streikenden dagegen vorgehen wollen, greift das Militär ein. Es kommt zu einer Schießerei mit Toten und Verletzten.
Hunger und Verzweiflung zwingen die Bergleute schließlich, die Arbeit zu noch niedrigeren Löhnen wieder aufzunehmen. Auch Etienne gibt klein bei – bei den ausgehungerten Kameraden ist er ohnehin zur Persona non grata geworden. Doch ausgerechnet am Tag der reumütigen Arbeitswiederaufnahme zeigt sich, dass der Anarchist Suwarin den Schacht Le Voreux heimlich sabotiert hat. Die Grube läuft voll Wasser und stürzt schließlich ganz ein. Etwa zwanzig Arbeiter werden verschüttet, darunter Etienne, Catherine und deren Liebhaber Chaval.
Zur Rettung der Eingeschlossenen wird ein Tunnel gegraben. Bis er die Verschütteten erreicht, vergeht zu viel Zeit: Etienne erschlägt im Untergrund Catherines Liebhaber Chaval aus Eifersucht, und Catherine selbst verhungert in seinen Armen. Etienne überlebt und verlässt nach seiner Rettung das Kohlerevier – nach wie vor überzeugt vom kommenden Sieg des Sozialismus.
Stil↑
Zola erzählt die Welt der Grube mit dem genauen Blick des Beobachters. Arbeitsabläufe unter Tage, Lohnabrechnungen, Mahlzeiten der Familien, Versammlungen der Streikenden: alles bekommt sein konkretes Gewicht. Die Handlung folgt einer großen Bewegung von der ersten Ankunft Etiennes über die Eskalation des Streiks bis zur Katastrophe in der Grube. Immer wieder treten neben einzelnen Figuren ganze Menschenmengen als handelnde Kraft auf. Mit der Verbindung Etiennes zu Gervaise Coupeau aus Der Totschläger fügt sich der Roman zugleich in das große Familien- und Gesellschaftsgemälde der Rougon-Macquart ein.
Rezeption↑
Germinal gilt als Zolas Hauptwerk und wurde in die ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher aufgenommen. Die Wirkungsgeschichte spiegelt sich auch in einer langen Reihe von Verfilmungen. 1912 entstand unter dem Titel Glück auf! eine erste Adaption von Victorin Jasset. Schon 1913 folgte Albert Capellanis Germinal. Yves Allégret legte 1963 eine weitere Verfilmung vor. 1993 inszenierte Claude Berri seine viel beachtete Großproduktion. In jüngerer Zeit hat David Hourrègue den Stoff als Fernsehserie neu erzählt.
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