Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Werkseintrag · Thérèse Raquin
Eingang · Werke · Thérèse Raquin
Cover Thérèse Raquin
Thérèse Raquin
1867
– Werkseintrag –

Thérèse Raquin

1867 · Roman

Aus einer freudlosen Ehe und einer heimlichen Leidenschaft wächst der Plan zu einem Mord – und Émile Zola verfolgt mit kühlem Blick, wie zwei Liebende an ihrer eigenen Tat zerbrechen.

Überblick

Der Roman Thérèse Raquin gilt als der literarische Durchbruch des damals jungen Journalisten Émile Zola. Häufig wird er als sein erster eigentlicher Roman bezeichnet. Er erschien Ende der 1860er Jahre. Mit seiner kühlen, schonungslosen Schilderung von Begierde, Mord und Schuld zählt er zu den Hauptwerken des Naturalismus. Im Vorwort zur zweiten Ausgabe erklärte Zola, er habe „menschliche Bestien" darstellen wollen – Menschen, die wie Tiere von ihren Trieben getrieben werden. Dasselbe Thema griff er später in seinem Roman La bête humaine wieder auf. 1873 brachte Zola den Stoff selbst als Theaterstück auf die Bühne.

Inhalt (ohne Spoiler)

Im Mittelpunkt steht Thérèse Raquin, Tochter eines in Afrika gefallenen französischen Hauptmanns und einer Nordafrikanerin. Sie wächst bei ihrer Tante in einem französischen Provinzstädtchen auf, gemeinsam mit ihrem kränklichen Cousin Camille. Die Tante drängt die beiden zur Heirat, denn sie will ihren Sohn gut versorgt wissen. Nach der Hochzeit zieht die Familie nach Paris, wo die Mutter ein dunkles, schäbiges Nähgeschäft erwirbt.

Thérèse führt den Laden zusammen mit der Tante, während Camille als kleiner Beamter bei einer Eisenbahngesellschaft arbeitet. Die erzwungene Ehe bleibt freudlos und langweilig. Als Camilles bester Freund Laurent auftaucht – ein gescheiterter Maler ohne Talent –, beginnt zwischen ihm und Thérèse eine leidenschaftliche Affäre. Aus dieser Beziehung erwächst der Wunsch, gemeinsam frei zu sein. Zola erzählt von Begierde und ihren Folgen mit einer Genauigkeit, die das Schicksal seiner Figuren wie ein medizinisches Experiment beobachtet.

Die Handlung im Detail

Thérèse Raquin wird in Oran geboren, als Kind des in Afrika gefallenen Hauptmanns Monsieur Degans und einer nicht näher bekannten Nordafrikanerin. Sie wächst bei ihrer Tante, Madame Raquin, im Provinzstädtchen Vernon auf, zusammen mit dem kränklichen Cousin Camille. Madame Raquin besteht auf der Hochzeit zwischen Thérèse und ihrem Sohn, weil sie ihn gut versorgt wissen will. Nach der Heirat setzt Camille durch, dass die Familie nach Paris zieht. Dort erwirbt die Mutter ein schäbiges Nähgeschäft ohne Tageslicht.

Thérèse betreibt mit ihrer Tante den Laden, während Camille als kleiner Beamter bei einer Eisenbahngesellschaft arbeitet. Die erzwungene Ehe ist leidenschaftslos und langweilig, und Camille zeigt kein sexuelles Interesse. So betrügt Thérèse ihren Mann mit dessen bestem Freund Laurent, einem gescheiterten Maler ohne Talent. In dieser freizügigen und leidenschaftlichen Beziehung glauben beide, glücklich zu sein. Sie schmieden Pläne, Camille zu töten, um ihre Liebe offen leben zu können. Bei einem Sonntagsausflug auf der Seine ertränkt Laurent Camille. Beide geben den Mord als Unfall aus. Weder die Polizei noch die Familie schöpft den geringsten Verdacht.

Nach einem Jahr heiraten Thérèse und Laurent – scheinbar widerwillig und vorgeblich nur, um der alten Dame eine Freude zu machen. Doch seit dem Mord hat ihre Beziehung jede Leidenschaft verloren. Das Paar wird von Albträumen und Gewissensbissen gequält. Es folgt ein stufenweiser Abstieg in die Hölle: Verfolgungswahn und Halluzinationen machen ihr Leben unerträglich. Madame Raquin, inzwischen gelähmt und sprechunfähig, wird Zeugin eines dieser Anfälle. Sie erkennt die Wahrheit, kann sie aber nicht aussprechen. Ihre stumme Anklage bleibt von den Hausfreunden – darunter ein Polizeikommissar – unbemerkt, die an ein trautes Familienglück glauben.

Zwischen Thérèse und Laurent kommt es zu gegenseitigen Schuldzuweisungen und Gewalt. Die einst leidenschaftliche Beziehung endet in einem gemeinsamen Selbstmord. Madame Raquin bezeugt dieses Sterben und empfindet darin, in ihrem eigenen Leiden, eine Art stummer Genugtuung.

Stil

Der Roman gilt als ein Hauptwerk des Naturalismus. Zola schildert seine Figuren nicht als handelnde Persönlichkeiten, sondern als Wesen, die von ihren Trieben beherrscht werden. In seinem Vorwort zur zweiten Ausgabe sprach er von den „menschlichen Bestien", die er darstellen wollte. Seine Erzählweise beobachtet das Geschehen mit der kühlen Distanz eines Experiments: Begierde, Schuld und körperlicher Verfall werden so nüchtern und genau beschrieben, als ginge es um einen wissenschaftlichen Fall. Die dunkle, dumpfe Atmosphäre des fensterlosen Pariser Ladens spiegelt das Schicksal der Figuren wider.

Rezeption

Mit diesem Roman gelang dem damals 27-jährigen Journalisten Émile Zola der literarische Durchbruch. Das Werk wirkte über die Literatur hinaus und wurde immer wieder für Bühne und Film bearbeitet. Zola selbst formte den Stoff 1873 zu einem Theaterstück. Später entstanden zahlreiche Verfilmungen, darunter ein Stummfilm von Jacques Feyder und eine Fassung von Marcel Carné mit Simone Signoret. Auch im 21. Jahrhundert wurde der Stoff neu aufgegriffen, etwa von Park Chan-wook in Durst und in In Secret mit Elizabeth Olsen und Jessica Lange. Daneben entstanden Opern- und Theaterfassungen sowie eine Fernsehminiserie. Das Thema der vom Trieb beherrschten Menschen führte Zola später in seinem Roman La bête humaine weiter.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten