Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Nana
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Nana
1880
– Werkseintrag –

Nana

1880 · Roman

Eine junge Pariser Schauspielerin wird über Nacht zum Stadtgespräch und reißt die Männer der höchsten Kreise mit sich in den Strudel ihres Glanzes.

Überblick↑

Mit Nana legte Émile Zola 1880 den neunten Band seines zwanzigbändigen Romanzyklus Les Rougon-Macquart vor. Darin erzählt er die Natur- und Sozialgeschichte einer Familie unter dem Zweiten Kaiserreich. Im Mittelpunkt steht eine junge Pariser Kurtisane. Sie steigt binnen weniger Jahre aus dem Elend der Straße in die höchsten Kreise der Gesellschaft auf. Zola nutzt ihre Geschichte, um ein schonungsloses Bild der französischen Oberschicht in den letzten Jahren des Empire zu zeichnen.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Paris in den späten 1860er Jahren: Die junge Nana ist eine bislang unbedeutende Straßendirne. Vom Direktor des Théâtre des Variétés bekommt sie die Titelrolle in der Operette Die blonde Venus angeboten. Schauspielerisch und gesanglich kann sie wenig, doch ihre freizügige Bühnenerscheinung versetzt das Publikum in Aufruhr. Über Nacht wird sie zum Stadtgespräch. Die reichen Herren von Adel und Hochfinanz drängen sich an ihrer Tür.

Von dieser Bühne aus beginnt Nanas Aufstieg in die Welt der großen Pariser Kurtisanen. Bankiers, Grafen und Aristokraten verschwenden für sie ihre Vermögen. Ihre Kammerzofe Zoé sorgt dafür, dass die Liebhaber einander im Vorzimmer nicht peinlich begegnen. Doch der goldene Schein hat Risse. Nana ist sprunghaft und sehnt sich zwischendurch nach einem schlichten Leben. Sie sucht die Nähe einer Freundin aus alten Tagen und ist von ihren Männern wechselweise gelangweilt und abhängig. Zola folgt ihr durch Theaterintrigen, Prunkappartements, billige Hotelzimmer und Polizeirazzien. Dabei zeigt er, wie eine ganze Gesellschaft sich an dieser einen Frau aufreibt.

Die Handlung im Detail↑

Zu Beginn des Romans ist Nana, deren Kindheit in L'Assommoir (Der Totschläger) geschildert wurde, aus dem Heer der gewöhnlichen Straßendirnen ein Stück weit aufgestiegen. Der Direktor Bordenave, der sein Théâtre des Variétés ohne Umschweife selbst „Puff“ nennt, gibt ihr die Titelrolle in der Operette Die blonde Venus. Nana wohnt damals noch im zweiten Stock eines neuen Hauses am Boulevard Haussmann; nur zwei Zimmer sind notdürftig mit protzigem, abgewirtschaftetem Tand ausgestattet. Ihren Sohn Louiset, den sie als Sechzehnjährige geboren hat, hat sie bei einer Tante untergebracht, die das Kostgeld gut gebrauchen kann.

Bei der Premiere überzeugt Nana weder durch Stimme noch durch Spiel, doch ihre nahezu hüllenlose Darstellung der Venus genügt, damit das Publikum jubelt. Mehr als dreißigmal wird die Operette gegeben, ganz Paris pilgert ins Theater, um Nana nackt zu sehen, und die einfachen Dirnen rund um das Haus brauchen nur das Vorstellungsende abzuwarten, um in den Gassen Freier zu finden. Nana setzt sich in den Kopf, den Bankier Steiner zu erobern, und es gelingt ihr. Er überschüttet sie mit Kleidern und Schmuck, verschafft ihr eine bessere Wohnung und kauft ihr ein Landgut, über das sie frei verfügen kann. In kindlicher Vorfreude lässt sie eine Vorstellung der blonden Venus platzen und fährt aufs Land – woraufhin sie ihre Rolle verliert.

Von nun an lebt sie ganz als Kurtisane. Neben Steiner umgarnt sie den Grafen Muffat; die Liebhaber, die sie nie verleugnet, geben einander an ihrer Tür die Klinke in die Hand, und die Zofe Zoé sorgt dafür, dass sie sich nicht peinlich treffen. Auf der Höhe dieses Daseins wird ihr der eigene Lebensstil zuwider. Sie verliebt sich Hals über Kopf in ihren früheren Bühnenkollegen Fontan, kratzt ihre Ersparnisse zusammen und beginnt mit ihm in einer kleinen Wohnung am Montmartre ein bürgerliches Leben. Doch die Beziehung schlägt in Gewalt um – Nana muss wie einst bei ihren Eltern fürchten, eines Tages zu Tode geprügelt zu werden. Immer wieder flieht sie zu ihrer alten Freundin Satin, mit der sie früher die Boulevards nach Freiern abgesucht und die Sittenpolizei gefürchtet hatte. Als Fontan sie unvermittelt aus der Wohnung wirft, tröstet sich Nana in den Armen Satins, und die beiden Frauen beginnen eine lesbische Beziehung. Bei einer Razzia in einem billigen Hotel droht die Registrierung als Straßendirne; Nana entkommt durch ein Fenster, Satin lässt sich resigniert festnehmen, und die Freundinnen verlieren einander aus den Augen.

Heruntergekommen schafft Nana es, mit dem Grafen Muffat wieder zusammenzukommen, obwohl sie ihn früher barsch gedemütigt hatte. Muffat ist ihr so verfallen, dass er sich mit dem Versprechen begnügt, sie für sich allein zu besitzen. Er finanziert ihr Haus, Dienerschaft, Stallungen und eine standesgemäße Ausstattung. Nana schwelgt in beispiellosem Luxus. Bald wird ihr die Geheimhaltung der anderen Liebhaber zu mühsam, und Muffat, völlig abhängig, muss das Treiben dulden. Auch Satin taucht wieder auf, zieht bei Nana ein, und die beiden Frauen setzen ihre Liebschaft ungeniert fort; Muffat und die übrigen Männer sind nur noch das notwendige Übel, das den Lebensunterhalt sichert.

Nana setzt sich in den Kopf, im Théâtre des Variétés erneut eine tragende Rolle zu übernehmen – diesmal die einer tugendsamen Ehefrau. Sie zwingt Muffat, der das Theater mitfinanziert, ihr die Rolle zu beschaffen, und droht andernfalls mit dem Ende der Affäre. Sie bekommt die Rolle, macht sich am Theater Feinde und überzeugt als ehrbare Gattin weit weniger als einst als nackte Venus. Schnell verliert sie wieder das Interesse an der Bühne.

Muffat hat sich für Nanas Luxus und ihre unstillbare Gier nach Geschenken finanziell ruiniert. Das Maß ist für ihn voll, als er seinen greisen Schwiegervater nackt in Nanas goldenem Prunkbett erwischt. Er verlässt sie und sucht Trost in seinem Glauben; mit seiner Frau, der Gräfin Sabine, die ihre eigenen Affären führt, verbindet ihn längst nur noch eine Zweckehe.

Ohne Muffats Geld und ohne Bühne muss Nana Paris verlassen. Sie folgt dem Ruf eines reichen Mannes nach Russland und kehrt erst nach einigen Jahren allein zurück. In Paris erkrankt sie an Pocken und wartet in einem Hotelzimmer auf den Tod. Aus Furcht vor Ansteckung traut sich nur Rose Mignon, ihre ehemalige Theaterkonkurrentin, zu ihr. Nana stirbt einsam. Am selben Tag bricht der Deutsch-Französische Krieg aus.

Stil↑

Zola erzählt in jener nüchtern beobachtenden Manier, die er selbst dem naturalistischen Roman vorgeschrieben hat: knapp, sachlich, ohne moralischen Zeigefinger, aber mit großer Lust am genauen Detail. Räume, Kleider, Möbel und Körper sind so eingehend beschrieben, dass die Wohnung am Boulevard Haussmann selbst zum Charakterbild der Bewohnerin wird – mit ihrem protzigen, schon halb verschlissenen Tand.

Auffällig ist das Wechselspiel zwischen den Schauplätzen und der breit ausgemalten Pariser Menge. Zu den Schauplätzen zählen das Theater mit seinen Logen und Pausenfoyers, die Boulevards, das billige Hotel, das Prunkhaus und schließlich das Sterbezimmer. Immer wieder rückt Zola weg von der einzelnen Figur und zeigt das Publikum, die Männer am Rockzipfel, die Dirnen in den Gassen. So entsteht weniger ein Porträt einer Frau als das Bild einer ganzen Gesellschaft, die sich um sie ballt.

Rezeption↑

Der Roman Nana ist der neunte Band von Zolas großem Romanzyklus Rougon-Macquart. Mit diesem Zyklus wollte Zola Familie und Gesellschaft des Zweiten Kaiserreichs beschreiben. Der Roman gehört zu den bekanntesten und wirkungsmächtigsten Titeln der Reihe. Er hat das Bild der Pariser Kurtisane in der europäischen Literatur und in der Vorstellung vom Empire dauerhaft geprägt.

Davon zeugen vor allem die zahlreichen Bearbeitungen für andere Medien. Jean Renoir verfilmte den Stoff bereits 1926 als Stummfilm. Dorothy Arzner inszenierte 1934 eine Hollywood-Fassung. Christian-Jaque drehte 1955 eine französische Version, und 1981 entstand eine Miniserie. Daneben wurde der Roman mehrfach für die musikalische Bühne adaptiert.

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