1883
Das Paradies der Damen
Überblick↑
Mit dem Roman Das Paradies der Damen (im Original Au Bonheur des Dames) schildert Émile Zola den Aufstieg eines großen Pariser Warenhauses und den Untergang der kleinen Geschäfte ringsum. Das Werk ist der elfte Band des zwanzigbändigen Romanzyklus Die Rougon-Macquart, in dem Zola die Natur- und Sozialgeschichte einer Familie unter dem Zweiten Kaiserreich nachzeichnet. Zola schrieb den Roman zwischen Mai 1882 und Januar 1883; kurz darauf erschien er bei Charpentier in Paris. Für seine Schilderung des modernen Großwarenhauses betrieb der Autor ausführliche wirtschaftliche und soziologische Studien.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht Denise, eine junge Verkäuferin, die aus der Provinz nach Paris kommt und in dem großen Kaufhaus mit dem Namen „Paradies der Damen" eine Anstellung findet. Rund um sie entfaltet Zola das Bild eines rasch wachsenden Warenhauses und zugleich des langsamen Niedergangs der kleinen Einzelhändler eines ganzen Stadtviertels. Alle Figuren des Romans sind auf die eine oder andere Weise mit dem Geschäft verbunden – als Angestellte, als Kundinnen oder als bedrängte Ladenbesitzer in der Nachbarschaft.
Neben Denise rückt vor allem Octave Mouret in den Blick, der Inhaber des Kaufhauses. Der Roman zeigt sein Leben in der feinen Pariser Gesellschaft und seine geschäftlichen Methoden. Zola gibt Einblick in die Arbeitsverhältnisse der Angestellten und führt vor, mit welchen Mitteln die Kundinnen zum Kaufen verlockt werden. So entsteht ein lebendiges Bild der frühen Konsumwelt, in der das Warenhaus zugleich Verführung und Verheißung ist.
Die Handlung im Detail↑
Die Geschichte folgt der Verkäuferin Denise, die aus der Provinz nach Paris reist und im „Paradies der Damen" Arbeit findet. Anhand ihres Wegs schildert Zola das Wachstum und den inneren Aufbau dieses Kaufhauses. Parallel dazu zeigt er, wie der kleingewerbliche Einzelhandel eines ganzen Pariser Stadtviertels zugrunde geht, weil er dem aufkommenden Großwarenhaus nichts entgegenzusetzen hat.
Die auftretenden Figuren sind durchweg mit dem expandierenden Geschäft verknüpft – aktiv oder passiv, als Mitarbeiter, als Käufer oder als benachbarte Händler. Besonderes Gewicht legt Zola auf den Inhaber Octave Mouret, dessen Leben in der vornehmen Pariser Gesellschaft und dessen Geschäftspraktiken er ausführlich beschreibt. Vorbild für diese Figur waren Unternehmer, die große Pariser Kaufhäuser begründeten.
Der Roman stellt den Kampf des kleinen Einzelhändlers gegen das übermächtige Großwarenhaus in den Mittelpunkt. Zola schildert moderne Geschäftsmethoden bis ins Einzelne: den Einsatz von Lockartikeln, die zum Einstandspreis verkauft werden, oder das Verteilen von Firmenluftballons an Kinder, die dadurch unfreiwillig zu Werbeträgern werden. Er eröffnet Einblicke in die Lebens- und Arbeitsverhältnisse der Kaufhausangestellten und legt offen, wie vor allem die Kundinnen zum Kaufen verführt werden.
Im Hinblick auf die Rolle der Frau zeigt sich der Roman auf doppelte Weise modern. Einerseits erscheint das Kaufhaus als ein Ort, an dem die Kundinnen ihren Wünschen und Impulsen freien Lauf lassen können. Andererseits eröffnet es den Angestellten die Möglichkeit, finanziell unabhängig zu werden – ein Gesichtspunkt, der den Weg der Denise prägt.
Stil↑
Auf der einen Seite zeichnet Zola ein naturalistisches Bild von den Gepflogenheiten und Arbeitsverhältnissen der Mittelschicht im Frankreich des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Diese genaue, dokumentarische Schilderung beruht auf umfangreichen wirtschaftlichen und soziologischen Recherchen: Der Autor befragte Geschäftsführer, Abteilungsleiter und Verkäuferinnen der großen Warenhäuser und sammelte das Material in einer rund 380 Seiten starken Dokumentation.
Auf der anderen Seite mischt Zola fantastische Elemente in seine Darstellung. So wird die Mode als Vampir beschrieben, der die Kundinnen anlockt und verführt. Geschickt weckt der Autor schon durch die Schilderung der Fassade des Kaufhauses die Neugier des Lesers auf das Innere. Aus der Verbindung von nüchterner Beobachtung und bildkräftiger Übertreibung entsteht das eindringliche Porträt einer frühen Warenwelt.
Rezeption↑
Bemerkenswert an dem Roman ist sein moderner Blick auf die Welt des Handels und auf die Stellung der Frau. Zola beschreibt darin bereits Marketingstrategien, die heute selbstverständlich erscheinen, und macht das Warenhaus zum Sinnbild einer neuen, von Konsum geprägten Gesellschaft. Sein Manuskript wird in der Pariser Nationalbibliothek aufbewahrt.
Der Stoff wurde mehrfach für die Leinwand bearbeitet. 1930 entstand in Frankreich eine Verfilmung unter der Regie von Julien Duvivier, mit Dita Parlo als Denise. 1943 folgte eine weitere französische Verfilmung von André Cayatte. Auch eine Fassung aus dem Jahr 1922 unter der Regie von Lupu Pick ist überliefert. Die britische Fernsehserie The Paradise verlegte die Handlung später nach Nordengland. Über mehrere Jahrzehnte hinweg fand der Roman immer wieder ein neues Publikum.
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