1959
Naked Lunch
Überblick↑
Das Buch Naked Lunch von William S. Burroughs erschien 1959 in Frankreich bei der Olympia Press. Es gilt als Burroughs' Hauptwerk und zählt zu den wichtigsten literarischen Dokumenten der Beat Generation. Entstanden ist es zwischen 1956 und 1958 in der Internationalen Zone von Tanger, wo Burroughs seit 1954 lebte. Deshalb trug das Manuskript zunächst den Arbeitstitel Interzone. Das Werk löste einen Skandal aus und beschäftigte in den 1960er Jahren die Gerichte.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Die übliche Gattungsbezeichnung Roman führt bei diesem Buch in die Irre. Es besteht aus lose nebeneinanderstehenden Aufzeichnungen: reale Erlebnisse, Halluzinationen und Phantasien, die kein durchgehender Handlungsfaden verbindet. Ein großer Teil des Textes hält Rauschzustände und Entzugserscheinungen fest.
Im Mittelpunkt steht der suchtkranke Ich-Erzähler Lee. Am Anfang und am Ende parodiert Burroughs den Ton der harten amerikanischen Kriminalromane, wie er ihn schon in seinem ersten Roman Junky von 1953 verwendet hatte. Lee berichtet darin von seiner Flucht vor der Polizei. Die Schilderungen des New York der 1950er Jahre sind dabei von großer Anschaulichkeit und erinnern an billige Kinofilme.
In den mittleren Partien wechselt das Buch in den Tonfall der Science-Fiction. Lee bewegt sich quer durch Raum und Zeit, gelangt in die vielsprachige Interzone und nach Freeland und trifft auf monströse Außerirdische. Immer wieder taucht die unmenschliche Gestalt des „Dr. Benway“ auf. Verbindend wirken wiederkehrende Themen und Formulierungen, die das Buch wie Leitmotive durchziehen.
Die Handlung im Detail↑
Ein durchgehender Erzählstrang fehlt dem Werk. Was es zusammenhält, sind wiederkehrende Motive, Formulierungen und Figuren. Ein Gutteil des Textes besteht aus Notizen über Halluzinationen, die durch Drogen oder deren Entzug ausgelöst wurden. Burroughs selbst gab an, er könne sich nicht daran erinnern, sie aufgeschrieben zu haben.
Am Anfang und am Ende ahmt Burroughs spöttisch den Stil der harten Kriminalromane nach. Der suchtkranke Ich-Erzähler Lee schildert dort seine erfolgreiche Flucht vor der Polizei. Diese Teile zeichnen das New York der 1950er Jahre mit vielen Einzelheiten. In den mittleren Passagen schlägt das Buch den Ton von Science-Fiction-Romanen an: Lee entkommt quer durch Raum und Zeit in die multikulturelle Interzone und nach Freeland, wo er monströsen Außerirdischen begegnet.
Das große Thema des Textes ist die Kontrolle. In kurzen, scheinbar improvisierten Erzählstücken, die Burroughs routines nannte, malt er satirisch oder grotesk übersteigert seine Obsessionen aus: Hinrichtungen junger Männer durch Erhängen, Geheimagenten, außerirdische Organisationen, Verschwörungen von kosmischem Ausmaß sowie reale und erfundene Drogen mit enormem Suchtpotenzial. Eine davon ist Mugwump jism, das aus dem Fleisch riesiger Hundertfüßer gewonnen wird. Längere Passagen sind offen frauenfeindlich: Aus homosexueller Perspektive wird vor der Verseuchung durch „namenlose weibliche Substanzen“ gewarnt.
Mehrfach tritt „Dr. Benway“ auf. Der Literaturwissenschaftler Jörg Drews sieht in dieser Gestalt eine Erinnerung an die Phantasien von bösen Ärzten, wie sie in Phasen des Heroinentzugs typisch seien. Edward J. Ahearn deutet Benway als Sinnbild einer albtraumhaften Medizinwissenschaft, die über ihrem Streben, Menschen zu kontrollieren, verrückt geworden ist.
Das Buch enthält beißende Satiren gegen die Religion, gegen die Todesstrafe und gegen die Vereinigten Staaten. Alle drei bringt Burroughs mit Drogensucht und abweichenden Sexualpraktiken in Verbindung. In einer zentralen Passage weitet er seine Polemik aus: „Armut, Hass, Krieg, Polizei-Kriminelle, Bürokratie, Wahnsinn“ seien allesamt Symptome des „menschlichen Virus“. Und nun, so heißt es, könne dieser Virus isoliert und behandelt werden.
Stil↑
Kennzeichnend für das Werk ist ein ständiger Wechsel der Tonlagen. Burroughs schrieb unter dem Einfluss von Alkohol und Cannabis in einer Art automatischem Schreiben große Textmengen nieder, nachdem er seine zwölfjährige Heroinsucht überwunden hatte. Autoren der Beat Generation besuchten ihn 1957, um das Material druckreif zu machen. Jack Kerouac bekam davon Albträume und zog sich von der redaktionellen Arbeit zurück. Allen Ginsberg, dessen Liebhaber Peter Orlovsky und der Dichter Alan Ansen stellten schließlich ein 200-seitiges Manuskript zusammen.
Der Text spricht den „geneigten Leser“ ausdrücklich an. Mehrfach vergleicht er ihn mit dem Hochzeitsgast aus Samuel Coleridges Ancient Mariner, der gezwungen war, sich das grausame Geschehen anzuhören. Die Sprache ist häufig der Slang der Drogensüchtigen und der Homosexuellen. In ihrer Knappheit wirkt sie oft grausam und komisch zugleich. Eine Passage über den Vaginaldruck, dem selbst ein stählerner Dildo nicht standhalte, gab der Rockband Steely Dan ihren Namen.
Rezeption↑
Bei seinem Erscheinen löste das Buch einen Skandal aus. 1965 verbot es der Supreme Court in Massachusetts. Im Urteil hieß es, es handle sich um „ein widerlicher Gifthauch ununterbrochener Perversion, literarischer Abschaum“. Ein Jahr später hob ein erneutes Gerichtsverfahren das Verbot wieder auf.
Zunächst wurde das Werk überhaupt nicht rezensiert. Erst nach einer Neuauflage im New Yorker Verlag Grove Press 1962 nahm die literarische Kritik es zur Kenntnis. Die New York Times stellte Burroughs in eine Reihe mit Jonathan Swift, Alfred Jarry und Jean Genet. Newsweek nannte das Buch „ein Meisterwerk, wenn auch ein völlig wahnsinniges und anarchisches“. Die New York Herald Tribune las es als existenzialistisches Werk: Es reduziere die Absurdität des Lebens auf eine „Serie von Lichtblitzen aus grausamen und oft sinnlosen Charaden“. Das Time Magazine nahm es in seine Liste der hundert besten englischsprachigen Romane seit 1923 auf.
Paul Bowles nannte Burroughs nach der Lektüre „den größten amerikanischen Humoristen“. Sein Biograph Barry Miles lobt die Gesellschaftskritik des Buches als „einsichtsvoll“ und „auf schockierende Weise prophetisch“. Jörg Drews nennt es „eines der großen literarischen Dokumente des Befangenseins in einem Zustand menschenunwürdiger Willensunfreiheit und der Befreiung daraus“; es sei ein durchaus moralisches Buch.
Eine deutsche Ausgabe erschien 1962 im Limes Verlag in Wiesbaden, übersetzt von Katharina Behrens und Peter Behrens und mit einem Nachwort von Terry Southern. 2009 legte der Zürcher Verlag Nagel & Kimche eine Neuübersetzung von Michael Kellner vor. Lange galt das Werk als unverfilmbar. 1991 adaptierte David Cronenberg es dennoch frei unter dem Titel Naked Lunch – Nackter Rausch. Der italienische Comiczeichner Gianluca Lerici, bekannt als Professor Bad Trip, brachte 1992 eine Comic-Fassung unter dem Titel Il Pasto Nudo heraus.
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