1947
Nachts schlafen die Ratten doch
Überblick↑
Diese Erzählung zählt zu den bekanntesten Kurzgeschichten der deutschen Nachkriegsliteratur. Wolfgang Borchert schrieb sie im Januar 1947, wenige Monate vor seinem Tod. Noch im November desselben Jahres nahm er sie in seine zweite Prosasammlung An diesem Dienstag auf. In einer ausgebombten Stadt begegnen sich ein neunjähriger Junge und ein älterer Mann. Aus dieser kurzen Begegnung formt Borchert ein Bild dafür, was der Krieg den Kindern angetan hat. Die Erzählung gilt als beispielhaft für die sogenannte Trümmerliteratur. Seit Jahrzehnten steht sie auf den Lehrplänen vieler Bundesländer.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Inmitten einer Trümmerwüste, die ein Bombenangriff hinterlassen hat, sitzt der neunjährige Jürgen vor einer Ruine. Er bewacht etwas, worüber er nicht sprechen will. Ein älterer Mann mit einem Korb voll Kaninchenfutter bleibt stehen und versucht, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Der Junge bleibt misstrauisch und will seinen Posten nicht verlassen. Auch die Einladung, die Kaninchen anzuschauen, schlägt er aus. Erst als der Mann sich abwenden und weitergehen will, beginnt Jürgen zu erzählen, warum er hier ausharrt. Aus dieser Begegnung wird ein knapper, behutsam geführter Dialog. Darin tasten sich ein Erwachsener und ein Kind vorsichtig aneinander heran.
Die Handlung im Detail↑
In der Trümmerwüste einer durch einen Bombenangriff zerstörten deutschen Stadt sitzt der neunjährige Jürgen und bewacht eine Ruine. Ein älterer Mann bleibt bei ihm stehen und versucht, sein Vertrauen zu gewinnen und herauszufinden, worauf er aufpasst. Mit dem Kaninchenfutter in seinem Korb weckt er die Neugier des Jungen, doch eine Einladung, seine Kaninchen anzuschauen, lehnt Jürgen ab: Er könne seine Wache nicht aufgeben.
Erst als der Mann sich zum Gehen wendet, beginnt der Junge zu erzählen. Unter den Trümmern liegt die verschüttete Leiche seines vierjährigen Bruders, der bei dem Bombenangriff getötet wurde. Sein Lehrer habe ihm beigebracht, dass die Toten von Ratten gefressen würden – deshalb wache er Tag und Nacht über die Stelle, um den Bruder zu schützen.
Daraufhin behauptet der alte Mann wahrheitswidrig, dass Ratten nachts schlafen würden. Jürgen könne seine Wache nach Sonnenuntergang also getrost aussetzen und nach Hause gehen. Erst jetzt lässt der Junge seine Übermüdung erkennen. Der Mann verabschiedet sich mit dem Versprechen, ihn nach Einbruch der Dunkelheit abzuholen, ihm ein weißes Kaninchen zu schenken und ihn zu seinen Eltern nach Hause zu begleiten. Die Geschichte endet offen, ohne dass Borchert verrät, ob der Mann sein Versprechen einlöst.
Stil↑
Wie viele seiner Kurzgeschichten erzählt Borchert eine Episode aus dem Zweiten Weltkrieg. Nach Hans-Gerd Winter richtet er den Blick ausschließlich auf die Opfer des Krieges. Der politisch-historische Hintergrund klingt nur an, ohne ausgeführt zu werden. Weder Ort noch genaue Zeit lassen sich bestimmen. Auch die beiden Figuren bleiben Typen: "der Junge" und "der Mann". Allein der Junge bekommt im Verlauf einen Namen.
Der Text hat den offenen Anfang und den offenen Schluss, wie sie für die Kurzgeschichte der Nachkriegszeit typisch sind. Er ist in der Er-Form geschrieben, folgt aber durchgängig der Perspektive des Jungen. Der Altersunterschied wird zusätzlich durch die räumliche Anordnung der Figuren betont: der Mann steht, das Kind sitzt. Im Zentrum steht ein Dialog. Ein beschreibender oder kommentierender Erzähler tritt zurück. Dadurch wirkt die Begegnung wie eine Theaterszene. Vom Theater kam Borchert als Schauspieler und Regisseur ursprünglich her.
Sprachlich ist die Erzählung nach Hans Helmut Hiebel durch das "kunstlose Stakkato der Kahlschlag-Prosa" geprägt. Wiederholung und Farbsymbolik sind die wiederkehrenden Stilmittel. Metaphern und Vergleiche formen das expressionistische Anfangsbild, das die Geschichte rahmt. Die Trümmer werden mit Verben wie "gähnte" und "döste" personifiziert. Die Gefühle der Figuren drücken sich durch Dinge aus: die unruhigen Beine, der schwenkende Korb. Es dominiert die Alltagssprache, und der Mann passt sich im Sprachgebrauch dem Jungen an. Die Tempora lösen sich, so Alfred Schmidt, "im rhythmischen Gleichmaß" ab: Präteritum in den erzählenden Passagen, Präsens im Dialog. Ohne die Not der Figuren zu psychologisieren, wird der innere Wandel des Jungen allein durch knappe Dialoge sichtbar. Die Sparsamkeit und Verdichtung erinnert Manfred Durzak in ihrer Präzision an Ernest Hemingway.
Rezeption↑
Die Erzählung Nachts schlafen die Ratten doch zählt zu den bekanntesten Erzählungen Wolfgang Borcherts. Sie gilt als beispielhaft für die deutsche Nachkriegsliteratur, die häufig als Kahlschlag- oder Trümmerliteratur bezeichnet wird. Der Text wurde auch sprachwissenschaftlich untersucht und ist seit Jahrzehnten verbreitete Schullektüre. Die Perspektive des kleinen Jungen macht ihn für Schüler leicht nachvollziehbar und eignet sich als einfacher Einstieg in Borcherts Werk.
Werner Zimmermann sieht die Wirkung der Geschichte in der Spannung zwischen den Aussagen des Jungen und der Entgegnung des Mannes. Sie bewirke beim Leser eine "unmittelbare Erschütterung". Manfred Durzak urteilt, Borchert habe "in äußerster Verdichtung ein Situationsbild entworfen, das den grauenhaften Einbruch des Krieges in die kindliche Vorstellungswelt begreifbar macht, ohne daß er psychologisiert." Auch Hermann Wiegmann hebt den "treffenden dichten und erschütternden Dialog zwischen dem alten Mann und dem Jungen" hervor. Die "poetisch gelungenen Verdichtungen einer Situation" stellten Borchert als "den Büchner seiner Zeit" dar.
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