1936
Nachtgewächs
Überblick↑
Der Roman Nachtgewächs von Djuna Barnes erschien 1936 und kam zuerst im britischen Verlag Faber and Faber heraus. Er gehört zu den frühen bedeutenden Romanen, die die Liebe zwischen Frauen offen darstellen, und wird deshalb der lesbischen Literatur zugerechnet. Bekannt ist das Buch außerdem für seine dichte, düstere Prosa und seine ungewöhnliche Erzählform. Unter den Bewunderern war T. S. Eliot: Er redigierte den Text, half bei der Veröffentlichung und schrieb ein Vorwort, das der 1937 bei Harcourt, Brace erschienenen Ausgabe beigegeben wurde.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht eine Handvoll Menschen, die einander im Paris der zwanziger Jahre begegnen. Felix Volkbein, 1880 geboren, wächst mit dem Glauben an eine adelige Herkunft auf, die sein Vater nur vorgetäuscht hat. Er beherrscht sieben Sprachen, hat Geld und verkehrt in Künstlerkreisen, bleibt aber ohne Freunde. Über die Trapezkünstlerin Frau Mann lernt er in Berlin den redseligen Dr. Matthew O'Connor kennen, einen Iren aus San Francisco, der ohne Zulassung als Arzt auftritt.
Kurz darauf führt der Arzt Felix zu einer jungen Frau, die in einem Hotelzimmer ohnmächtig geworden ist. Sie heißt Robin Vote und wird für alle, die ihr begegnen, zur unlösbaren Aufgabe. Felix verliebt sich in sie, doch Robin hält es nirgends lange. Sie verschwindet für Wochen und Monate und gibt niemandem Auskunft.
Dann tritt Nora Flood in ihr Leben, eine Amerikanerin aus dem Westen. Die beiden Frauen leben zusammen, zuerst in New York, später in einer Wohnung in Paris. Auch hier bleibt Robin die Fortgehende, und Noras Liebe wird immer mehr zur Angst. Als eine dritte Frau ins Spiel kommt, die mehrfach verwitwete Jenny Petherbridge, gerät alles ins Rutschen. Nora sucht schließlich den Arzt auf, um mit ihm über die Nacht zu sprechen. Was folgt, sind lange, kreisende Gespräche über Liebe, Begehren und die Unmöglichkeit, einen anderen Menschen wirklich zu kennen.
Die Handlung im Detail↑
Zu Beginn steht die Geschichte der Familie Volkbein. Felix kommt Anfang 1880 als Sohn von Guido und Hedvig Volkbein zur Welt. Der Vater stirbt vor der Geburt, die Mutter kurz danach. Guido hatte adelige Abstammung vorgespiegelt und seine jüdische Herkunft verleugnet. Dreißig Jahre später taucht Felix mit den Bildnissen von Guidos angeblichen Eltern auf, die dem Vater zufällig ähneln. Eine Tante bestärkt ihn in der vermeintlichen Herkunft, und Felix übernimmt sie bereitwillig. Er kommt zu Geld, lernt sieben Sprachen und ist bekannt, aber unbeliebt.
1920 lebt Felix in Paris und verkehrt mit Artisten, darunter die Trapezkünstlerin Frau Mann. In Berlin will sie ihn einem Grafen Onatorio Altamonte vorstellen. Stattdessen platzen sie bei Dr. Matthew O'Connor herein. Es folgt ein weit ausgreifendes Gespräch über Religion, Zeichen und Geschichten, bei dem der Arzt fast alles Reden übernimmt. Eine junge Frau tritt hinzu: Nora Flood.
Wenige Wochen später führt der Arzt Felix in ein Café. Ein Hotelangestellter bittet um Hilfe für eine Dame, die ohnmächtig geworden ist. In einem Zimmer voller Pflanzen liegt eine junge Frau auf dem Bett. Felix zieht sich aus Anstand zurück, während O'Connor die Frau weckt. Sie heißt Robin Vote. Anschließend sieht Felix, wie der Arzt sein Gesicht mit Parfüm, Puder und Rouge herrichtet.
Vier Tage lang sucht Felix Robin vergeblich auf. Am fünften trifft er sie auf der Straße, und sie gehen zum Jardin du Luxembourg. Er spricht über sich, sie schweigt. In den folgenden Tagen besuchen sie Museen, und Felix bemerkt überrascht, dass Robin nicht nur das Erlesene liebt, sondern auch das Verkommene. Er verliebt sich, und sie willigt in die Ehe ein. Robin wird schwanger und beginnt, allein und für lange Zeit in andere Städte zu ziehen. Sie bringt einen Sohn zur Welt. Nach einem Streit darüber, dass sie dieses Kind nicht gewollt hat, verlässt sie Paris für Monate. Später kehrt sie mit Nora Flood zurück und will nicht sagen, wo sie war. Der Arzt behauptet, sie sei in Amerika gewesen.
Nora stammt aus dem amerikanischen Westen. Im Herbst 1923 begegnet sie Robin in einem Zirkus in New York. Die beiden werden ein Paar, leben zusammen, reisen durch Europa und lassen sich in Paris nieder, wo Nora eine Wohnung in der Rue du Cherche-Midi kauft. Nora träumt bald von Robin in Gefahr und davon, deren Körper mit sich in die Erde zu nehmen. Sie kommt zu dem Schluss, dass sie Robin nur durch den Tod ganz für sich behalten könnte. Jahre vergehen, und Robins Fortgehen häuft sich. Erst begleitet Nora sie, später bleibt sie zu Hause oder geht dorthin, wo sie Robin nicht sehen muss. In einem Traum sieht Nora sich im Zimmer der Großmutter. Weit unter sich liegt Robin auf dem Boden, doch je lauter Nora ruft, desto weiter entfernt sich der Boden. Sie erinnert sich, wie sie als Kind die Großmutter in Männerkleidern angetroffen hat. Beim Erwachen sieht sie Robin mit einer anderen Frau im Garten.
Diese andere Frau ist Jenny Petherbridge, eine Witwe mittleren Alters, viermal verheiratet gewesen. In der Oper treffen Jenny und Robin auf den Arzt. Beim Hinausgehen gerät ihr Gespräch außer Kontrolle, und Jenny schlägt mehrfach auf Robin ein, bis Blut fließt. Kurz darauf trennen sich Nora und Robin, und Robin geht mit Jenny nach Amerika.
Nora sucht den Arzt in seiner Wohnung auf, um mit ihm über die Nacht zu sprechen. Sie findet ihn geschminkt und im Frauennachthemd. Als er sie bemerkt, nimmt er die Perücke ab und verbirgt sich unter der Bettdecke. Er redet über das Leben und darüber, wie die Kultur Nacht und Tag voneinander trennt. Dann deutet er an, dass Robin und Nora für immer aneinander gebunden bleiben und dass auch Jenny in dieses Geflecht gehört.
Ein eigenes Kapitel gehört Felix und seinem Sohn Guido. Der Junge ist schwach und unbeholfen und möchte in den geistlichen Stand eintreten. Als Felix und der Arzt sich treffen, sagt dieser ihm, in dem Kind habe Felix in Wahrheit gefunden, was er gesucht habe.
An einem späten Nachmittag kommt der Arzt in Noras Wohnung und findet sie beim Schreiben eines Briefes. Sie ist aufgewühlt, und die beiden reden lange aneinander vorbei. Er spricht über Jenny und darüber, wie Nora sich selbst zerstört, indem sie Robin zum Abgott macht. Nora beharrt darauf, weiter an Robin schreiben zu müssen. Als ihr bewusst wird, wie sehr sie ihr eigenes Ich mit dem Robins verwechselt hat, verliert sie den Mut. Der Arzt hält ihr vor, sie habe den Fehler gemacht, Robin kennen zu wollen, die nicht zu kennen sei. Sie sprechen weiter über Robin, über Begehren, Geschlecht und krank machende Liebe. Nora hat nach der Abreise erkannt, dass sie für Robin nur eine Enttäuschung war. Der Arzt geht in sein Stammcafé und beklagt sich betrunken über Nora, Jenny, Felix und über sich selbst.
Zum Schluss kehrt der Roman zur Amerikareise zurück. In New York wirkt Robin abwesend. Sie zieht durchs Land und betritt viele Kirchen, Jenny stets hinterher, die bemerkt, wie sehr Robin ins Tierhafte gerät. Robin nähert sich Noras Gegend im Westen, schläft in den Wäldern und erreicht die Kapelle auf Noras Grund, wohin sie einige ihrer Sachen bringt. Weiter geht sie nicht. Eines Nachts hört sie Noras Hund bellen. Nora ist inzwischen zurück, lässt den Hund heraus und folgt ihm bis zur Kapelle, auf die sie zu laufen beginnt. Drinnen steht Robin vor einem selbst errichteten Altar. Als Nora gegen den Türpfosten stößt, geht Robin vor dem Hund zu Boden, rutscht auf den Knien und schlägt den Kopf gegen den des Tieres. Der Hund erschrickt, will fliehen und wird in die Ecke gedrängt. Er wird immer wilder und schnappt nach ihr, bis Robin selbst zu bellen beginnt. Der Hund jault. Allmählich lässt die Erregung nach, bis Robin ausgestreckt daliegt und weint und der Hund sich mit dem Kopf auf ihre Knie legt.
Stil↑
Kennzeichnend für das Buch ist eine dichte, ins Schwarzromantische gehende Prosa. Barnes arbeitet mit den Mitteln der literarischen Moderne: Die Erzählform ist ungewöhnlich, das Buch reflektiert das Erzählen selbst mit und lässt sich als Metafiktion lesen. Statt einer geradlinigen Handlung stehen weit ausholende Reden im Vordergrund, vor allem die des Dr. Matthew O'Connor.
Zugleich ist der Roman ein Schlüsselroman. In der Figur der Nora Flood hat Barnes ein kaum verhülltes Selbstporträt gezeichnet. Robins Vorbilder sind Thelma Wood und die Baronin Elsa von Freytag-Loringhoven. Hinter Jenny Petherbridge steht Henriette Alice McCrea-Metcalf, hinter Felix Volkbein Frederick Philip Grove.
Rezeption↑
Gelobt wurde das Buch von anderen Autoren der Moderne, unter ihnen T. S. Eliot. Er redigierte den Text, setzte sich für die Veröffentlichung ein und schrieb ein Vorwort, das der 1937 bei Harcourt, Brace erschienenen Ausgabe vorangestellt wurde. Bis heute gilt der Roman als eines der frühen wichtigen Bücher, in denen die Liebe zwischen Frauen unverstellt dargestellt wird, und zählt damit zur lesbischen Literatur.
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