1892 – 1982
Djuna Barnes
Kurzbiografie↑
Djuna Barnes gehört zu den eigenwilligsten Stimmen der literarischen Moderne. Sie wurde 1892 im Staat New York geboren und wuchs ohne Schulbesuch auf einer Farm auf. Als junge Frau lebte sie vom Journalismus, zeichnete und malte, ehe sie 1919 nach Paris ging und dort zum festen Bestandteil der künstlerischen Kreise wurde. Ihr Roman Nightwood gilt als ihr wichtigstes Buch. Nach ihrer Rückkehr nach New York 1939 veröffentlichte sie nur noch wenig und lebte zurückgezogen bis zu ihrem Tod 1982.
Biografie↑
Geboren wurde Djuna Barnes am 12. Juni 1892 in Cornwall-on-Hudson im Staat New York. Ihre Kindheit verbrachte sie auf einer Farm in ländlicher Umgebung. Vater und Großmutter waren extreme Freidenker und lehnten einen Schulbesuch für das Kind ab; unterrichtet wurde sie vom Vater. Beide missbrauchten sie sexuell, ein Erlebnis, das sie später in ihren Büchern verarbeitete. Zur Großmutter blieb ihr Verhältnis zwiespältig: Trotz des als traumatisch empfundenen Missbrauchs faszinierte sie deren starke Persönlichkeit, und in mancher Hinsicht sah sie in ihr ein Vorbild.
Mit neunzehn Jahren zog Barnes in die Bronx. Sie wollte malen, verdiente ihren Lebensunterhalt aber nebenher als freie Journalistin. Ab 1912 veröffentlichte sie regelmäßig in New Yorker Tageszeitungen. Bald darauf übersiedelte sie in das Künstlerviertel Greenwich Village. Dort lernte sie den Theaterkritiker Courtenay Lemon kennen und heiratete ihn; die Ehe hielt nur drei Jahre. In diese Jahre fallen ihr erster Gedichtband und einige Theaterstücke, in denen sie selbst mitspielte.
1919 ging Barnes nach Paris. Sie fand rasch Zugang zum intellektuell-lesbischen Kreis um Natalie Clifford Barney. Ab 1923 lebte sie mit Thelma Wood zusammen. Daneben hatte sie weitere Liebesbeziehungen zu Männern und Frauen. Dass auch Wood beständig Affären hatte, verletzte sie sehr. Sie trank in dieser Zeit zu viel.
Das Jahr 1928 brachte gleich zwei Bücher: den Roman Ryder und den anonym erschienenen Ladies Almanack, in dem sie sich über Barney und deren Freundinnen lustig macht. Amerikanische Verleger lehnten den Ladies Almanack ab, weshalb er in Paris gedruckt wurde. Wegen der homoerotischen Passagen durfte das Buch nicht in die Vereinigten Staaten eingeführt werden.
1931 trennte sich Barnes von Thelma Wood. Danach lebte sie bei Peggy Guggenheim und arbeitete an Nightwood, dem Roman, der als ihr wichtigster gilt.
Von 1939 an lebte Barnes wieder in New York. Sie veröffentlichte nur noch wenige Texte. Über Wasser hielten sie die Sozialhilfe und die Zuwendungen der Sammlerin und Mäzenin Peggy Guggenheim. Sie lebte allein und hatte wenige Kontakte. 1943 zeigte Guggenheims Galerie Art of This Century in New York die Ausstellung „Exhibition by 31 Women“, in der Gemälde und Zeichnungen von Barnes zu sehen waren. Es blieb die einzige öffentliche Anerkennung, die ihr zu Lebzeiten als bildende Künstlerin zuteilwurde.
1959 erschien mit The Antiphon ihr letztes Werk. Im selben Jahr wurde sie zum Mitglied der American Academy of Arts and Letters gewählt.
Djuna Barnes starb am 18. Juni 1982. Uneinheitlich sind die Angaben zum Sterbeort: Wikidata nennt Greenwich Village, die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet allgemein New York.
Literarische Merkmale↑
Ironie und eine oft groteske Übertreibung prägen das Werk von Djuna Barnes. Ihre Figuren sind banale Alltagsmenschen, die sie überspitzt darstellt. In ihren Schriften setzte sie sich mit dem Leben als Frau auseinander, ohne sich selbst als Feministin zu bezeichnen. Schon zu ihrer Zeit galten ihre Bücher als zu speziell, um sich in großen Auflagen zu verkaufen.
Der Ladies Almanack von 1928 ist eine erotische Persiflage auf die lesbischen Zirkel im Paris der zwanziger Jahre. Sprachlich lehnt sich das Buch an das 17. und 18. Jahrhundert an, daneben an die Wortspielereien von James Joyce, den Barnes sehr bewunderte. Die Hauptfigur Dame Evangeline Musset erinnert stark an Natalie Barney und deren literarischen Salon.
Ihr erster Roman Ryder erschien im selben Jahr. Er schildert eine Familie, die ihrer eigenen sehr ähnlich ist, und die neurotischen Beziehungen innerhalb dieser Familie. Auch hier erinnert die Sprache an die englische Literatur der frühen Neuzeit.
Als ihr wichtigstes Buch gilt der zweite Roman Nightwood. Er spielt im Paris der Zwischenkriegszeit. An den chaotischen Beziehungen von fünf homo- und heterosexuellen Figuren verarbeitet Barnes ihre zerbrochene Verbindung zu Thelma Wood.
The Antiphon ist ihr letztes großes Bühnenstück. Es handelt von einer Inzestbeziehung, wobei nicht wie in Ryder das Verhältnis von Vater und Tochter im Mittelpunkt steht, sondern das zur Mutter.
Rezeption↑
Zu den wichtigen Autorinnen der literarischen Moderne wird Djuna Barnes gezählt. Zu Lebzeiten blieb der breite Erfolg allerdings aus: Ihre Bücher galten schon damals als zu speziell für ein großes Publikum. 1959 wählte sie die American Academy of Arts and Letters zu ihrem Mitglied.
Als bildende Künstlerin wurde sie erst spät wahrgenommen. Die Ausstellung in Peggy Guggenheims Galerie 1943 blieb die einzige öffentliche Anerkennung zu ihren Lebzeiten. 2020 würdigte die Art Gallery der University of Maryland ihre illustratorischen Arbeiten mit der Schau „Across the Pane: The Art of Djuna Barnes“, in der ihre Werke neben denen von Elsa von Freytag-Loringhoven und Lena Braun gezeigt wurden. Die 1961 geborene Berliner Künstlerin Lena Braun veröffentlichte drei Romane als Hommage an Barnes. 2022 waren Arbeiten von Djuna Barnes auf der 59. Biennale von Venedig zu sehen.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →
Aus dem Werkverzeichnis↑
Im Lexikon
Weitere Werke (Auswahl)
Vollständiges Werkverzeichnis bei Wikipedia (4 weitere Titel)