1870 – 1938
Ernst Barlach
Kurzbiografie↑
Zu den vielseitigsten Künstlern der deutschen Moderne zählt Ernst Barlach, geboren 1870 in Wedel, gestorben 1938 in Rostock. Bekannt wurde er vor allem als Bildhauer seiner Holzplastiken und Bronzen. Daneben hinterließ er ein umfangreiches grafisches, zeichnerisches und literarisches Werk. Seine künstlerische Handschrift steht, in der Bildhauerei wie im Schreiben, zwischen Realismus und Expressionismus. Als Schriftsteller trat er vor allem mit Dramen hervor, etwa Der arme Vetter und Die Sündflut. Im Nationalsozialismus wurden der Künstler und seine Werke als „entartet“ verfemt und aus den Museen entfernt. Erforscht und ausgestellt werden seine Arbeiten heute unter anderem von der 1946 gegründeten Ernst Barlach Gesellschaft und vom Ernst-Barlach-Haus in Hamburg.
Biografie↑
Am 2. Januar 1870 kam Ernst Heinrich Barlach in Wedel in Holstein zur Welt. Er war der älteste von vier Söhnen des Arztes Georg Barlach und dessen Frau Johanna Louise, geborene Vollert. Einen großen Teil seiner Kindheit verbrachte er in Schönberg in Mecklenburg, wo der Vater ab 1872 praktizierte. Ab Herbst 1876 lebte die Familie in Ratzeburg. An das dortige „alte Vaterhaus“ band Barlach zeitlebens starke Erinnerungen; heute befindet sich darin das Ratzeburger Barlachmuseum. Nach dem Tod des Vaters 1884 kehrte er als Halbwaise mit der Familie nach Schönberg zurück und besuchte dort die Realschule.
Von 1888 bis 1891 studierte Barlach an der Hamburger Gewerbeschule, unter anderem beim Bildhauer Richard Thiele. Es folgte ein Studium an der Kunstakademie in Dresden bis 1895, wo er Meisterschüler des Bildhauers Robert Diez wurde. Seine Abschlussarbeit trug den Titel „Die Krautpflückerin“. Anschließend hielt er sich zwei Jahre in Paris auf und studierte an der Académie Julian; dort war er vor allem mit schriftstellerischer Arbeit beschäftigt. Als ältester Sohn fühlte er sich verpflichtet, für seine Mutter zu sorgen, während seine Brüder nach Russland und Amerika gingen.
Ab 1897 arbeitete Barlach als freischaffender Künstler. Um 1901 zog er in seine Geburtsstadt Wedel und begann mit ersten dramatischen Versuchen. Zugleich schuf er Kleinkeramik für die Töpferwerkstatt Mutz in Altona. 1904 war er für ein halbes Jahr Lehrer an der Fachschule für Keramik in Höhr-Grenzhausen im Westerwald, vermittelt durch Peter Behrens, doch die Tätigkeit machte ihn nicht froh.
Zum Wendepunkt wurde eine Reise nach Russland im Jahr 1906. Die Eindrücke des russischen Bauerntums und der Volkskunst prägten seine spätere Bildhauerei. Im selben Jahr wurde er Vater eines Sohnes, Nikolaus, genannt Klaus, aus einer kurzen Beziehung mit der Näherin Rosa Schwab. Nach einem gerichtlichen Streit erhielt er das Sorgerecht. 1907 band ihn der Kunsthändler und Verleger Paul Cassirer vertraglich an sich, was seine finanziellen Sorgen milderte. Von Februar bis November 1909 lebte Barlach als Stipendiat in der Villa Romana in Florenz.
Seit 1910 wohnte Barlach in Güstrow in Mecklenburg. Dort ließ er sich am Inselsee ein Atelier- und Wohnhaus bauen, in dem seine Hauptwerke entstanden. 1914 traf er hier Friedrich Schult; aus der Begegnung wurde eine lebenslange Freundschaft. Nach seiner Einberufung zum Landsturm 1915 beschäftigte er sich besonders mit dem Thema Krieg. Wie sein Verleger Cassirer wandelte er sich im Verlauf des Weltkriegs vom Befürworter zum überzeugten Pazifisten. In diesen Jahren entstanden bekannte Ehrenmale gegen den Krieg, darunter der Güstrower „Schwebende“ von 1927 und der Kieler „Geistkämpfer“.
In dichter Folge schrieb Barlach zugleich seine Dramen: Der tote Tag (1912), Der arme Vetter (1918), Die echten Sedemunds (1920), Der Findling (1922), Die Sündflut (1924) und Der blaue Boll (1926). Es folgten Die gute Zeit (1929) und der erst 1951 herausgegebene Der Graf von Ratzeburg. Daneben entstanden die Romane Seespeck und Der gestohlene Mond, beide erst nach seinem Tod veröffentlicht. 1928 erschien sein autobiografisches Werk Ein selbsterzähltes Leben. 1924 erhielt er den Kleist-Preis, 1919 wurde er Mitglied der Berliner Akademie der Künste, 1933 Ritter des Ordens Pour le mérite für Wissenschaften und Künste.
Im Nationalsozialismus wurden Barlach und sein Werk als „entartet“ verfemt. Eine Rufmordkampagne führte 1934 zur Einlagerung des Magdeburger Ehrenmals, 1937 wurden der Kieler „Geistkämpfer“ und der Güstrower „Schwebende“ entfernt. Im selben Jahr belegte ihn die Reichskammer der Bildenden Künste mit einem Ausstellungsverbot. 1938 folgte der erzwungene Austritt aus der Preußischen Akademie der Künste. In der Aktion „Entartete Kunst“ von 1937 wurden zahlreiche seiner Arbeiten aus öffentlichen Sammlungen beschlagnahmt. Zugleich gehörte Barlach 1934 zu den Unterzeichnern des Aufrufs der Kulturschaffenden, der Adolf Hitler Vertrauen und Treue bekundete. Am 24. Oktober 1938 erlag er in der Rostocker St.-Georg-Klinik einer Herzschwäche. Begraben wurde er in der Grabstätte der Familie in Ratzeburg.
Literarische Merkmale↑
Grundlegend für Barlachs literarische Arbeiten ist das Gefühl eines grenzenlosen Leides und eines Unbehagens im Diesseits, dem man nicht entfliehen kann. Man kann es, so die Deutung der Neuen Deutschen Biographie, nur ertragen und auf sich nehmen, indem man es in sich und im Glauben überwindet. Seine Dramen sind voll dramatischer Spannungen und Auseinandersetzungen, ihre Problemstellung wirkt dabei nie konstruiert oder psychologisch ausgedeutet.
Kennzeichnend ist eine Direktheit, bei der Lebendiges und Totes, Irdisches und Überirdisches, Reales und Irreales ineinander übergehen. So werden unwahrscheinliche Dinge zu schlichter Realität. Diese Direktheit prägt auch die Sprache mit ihren oft doppelschichtigen, bildhaften Wortvorstellungen. Barlach vermag das Alltägliche durchsichtig zu machen: Das Realistische wird zugleich sinnbildlich.
Seine bildnerische und seine schriftstellerische Arbeit sind eng verwandt. Über sich selbst sagte Barlach, er sehe mit hellseherischer Unerbittlichkeit im Menschen „die Hälfte von etwas Anderem“. Wie seine Plastiken, die er als „Holz gewordene seelische Erlebnisse“ bezeichnete, kreisen auch die Dramen und Romane um einsame, sich zugleich hingebende Menschen. Barlach hat sich, wie es die Neue Deutsche Biographie formuliert, vor keiner wahren und noch so bitteren Aussage gescheut.
Rezeption↑
Erforscht und gepflegt wird Barlachs Werk seit 1946 durch die Ernst Barlach Gesellschaft und durch mehrere ihm gewidmete Museen, darunter das Ernst-Barlach-Haus in Hamburg sowie Häuser in Güstrow, Ratzeburg und in seinem Wedeler Geburtshaus. Nach dem Krieg konnten einige seiner Ehrenmale an ihre vorgesehenen Plätze zurückkehren; ein geretteter Zweitguss des Güstrower „Schwebenden“ hängt seit 1952 in der Kölner Antoniterkirche.
In der Sowjetischen Besatzungszone und in der DDR stand Barlach in Ehren. Im Kulturbund gab es einen Arbeitskreis zur Pflege seines Werks, und er gehörte zum kunstgeschichtlichen Lehrstoff der Erweiterten Oberschule. Werke wurden auf zahlreichen Ausstellungen gezeigt, unter anderem 1951/1952 in der Deutschen Akademie der Künste. 1970 gab die Deutsche Post eine Briefmarke zu seinen Ehren heraus, 1988 folgte eine 5-Mark-Münze. Nicht ohne Widerspruch blieb er allerdings: Der Leipziger Kunsthistoriker Kurt Magritz warf seinem Werk zu Beginn der 1950er Jahre nihilistische und formalistische Tendenzen vor.
Barlachs Leben und Werk wurden selbst zum künstlerischen Stoff. Franz Fühmann schrieb 1968 die Novelle Barlach in Güstrow. Wolf Biermann nahm in seinem Barlach-Lied Bezug auf den „Schwebenden“. 1966 verfilmte die DEFA unter Ralf Kirsten den ihm gewidmeten Spielfilm Der verlorene Engel, der nach Zensurschnitten erst 1971 aufgeführt werden konnte. 1987 entstand der Dokumentarfilm Ernst Barlach in Güstrow. 1996 wurde ein Asteroid nach ihm benannt, 2010 wurde er Ehrenbürger der Stadt Güstrow, und zum 150. Geburtstag 2020 gab die Deutsche Post ein Sonderpostwertzeichen heraus.
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