1914 – 1997
William S. Burroughs
Kurzbiografie↑
Der amerikanische Schriftsteller William S. Burroughs (1914–1997) gilt als eine der eigenwilligsten Gestalten der Beat Generation. Bekannt wurde er vor allem durch den Roman Naked Lunch, der 1959 erschien und in mehreren US-Bundesstaaten verboten wurde. Sein Leben war geprägt von jahrelanger Heroinsucht, ständigen Ortswechseln zwischen New York, Mexiko, Tanger, Paris und London sowie dem tödlichen Schuss auf seine Frau Joan Vollmer. Literarisch machte er die sogenannte Cut-up-Technik bekannt: Er zerschnitt Manuskriptseiten und setzte sie neu zusammen. In seinen letzten Jahrzehnten wurde er zur Ikone der Popkultur und arbeitete mit Musikern, Regisseuren und bildenden Künstlern zusammen.
Biografie↑
Geboren wurde Burroughs am 5. Februar 1914 in St. Louis im Bundesstaat Missouri; die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet den Ort als Saint Louis, Mo., während Wikidata die Kurzform St. Louis führt. Sein voller Name lautete William Seward Burroughs. Er schrieb sich zeitlebens als William S. Burroughs, um sich von seinem Großvater gleichen Namens zu unterscheiden, dem Gründer der Burroughs Adding Machine Company. Seine Mutter Laura Hammon Lee war die Tochter eines methodistischen Pfarrers. Sein Vater Mortimer Perry Burroughs betrieb einen Antiquitäten- und Geschenkeladen, zunächst in St. Louis, später in Palm Beach in Florida.
Burroughs besuchte die John Burroughs School in St. Louis und danach die Los Alamos Ranch School in New Mexico. Als Jugendlicher entdeckte er seine Homosexualität und hielt sie in seinen Tagebüchern fest, verbarg sie aber bis ins Erwachsenenalter vor seiner Umgebung. Von der Schule in Los Alamos musste er abgehen, nachdem man ihn mit Mitschülern beim Einnehmen des Schlafmittels Chloralhydrat ertappt hatte. Die High School beendete er an der Taylor School in St. Louis. Ab 1932 studierte er englische Literatur an der Harvard University, unter anderem bei T. S. Eliot, und schloss 1936 mit dem Bachelor ab.
Nach Harvard reiste er nach Europa. An der Universität Wien schrieb er sich für ein Medizinstudium ein und lernte dort die homosexuelle Subkultur kennen. In Dubrovnik begegnete er Ilse Klapper, einer Jüdin, die vor den Nationalsozialisten geflohen war. Zwischen beiden bestand keine Liebesbeziehung; dennoch heirateten sie in Kroatien, damit Klapper ein Visum für die Vereinigten Staaten erhielt. 1939 siedelte sie in die USA über. Zusammen wohnten sie nie, trafen sich jedoch regelmäßig. 1945 kehrte Klapper nach Jugoslawien zurück, ein Jahr später wurde die Ehe geschieden.
In den USA nahm Burroughs in Harvard ein Aufbaustudium in Archäologie und Ethnologie auf. 1939 besuchte er eine Vortragsreihe Alfred Korzybskis über dessen Allgemeine Semantik. Nach dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten 1941 zog ihn die US Army ein. Schon nach fünf Monaten wurde er auf Grundlage eines psychiatrischen Gutachtens ausgemustert, um das seine Mutter einen befreundeten Neurologen gebeten hatte. Zurück in New York lernte er Allen Ginsberg und Jack Kerouac kennen, die später seine Freunde und als Autoren der Beat Generation bekannt wurden.
Ab 1944 lebte Burroughs mit Joan Vollmer in einem New Yorker Apartment, das sie sich mit Kerouac und dessen erster Frau Edie Parker teilten. Vollmer war mit einem Soldaten verheiratet und hatte eine kleine Tochter. Weil sie einen Mord nicht angezeigt hatten, gerieten Kerouac und Burroughs mit dem Gesetz in Konflikt. Burroughs wurde morphinsüchtig und begann in Greenwich mit Heroin zu handeln, um seine Sucht zu finanzieren. Auch Vollmer wurde abhängig. Sie ließ sich 1945 scheiden und heiratete ein Jahr darauf Burroughs. Er holte sie aus der psychiatrischen Abteilung des Bellevue Hospital und zog mit ihr und ihrer Tochter auf eine Farm in Texas. Dort kam 1947 der gemeinsame Sohn William S. Burroughs jr. zur Welt. Kurze Zeit lebte die Familie danach in New Orleans.
Auf der Farm in Texas baute Burroughs Marihuana an. Die Polizei erfuhr davon, als sie einen Brief an Ginsberg abfing. Um einer Gefängnisstrafe zu entgehen, floh die Familie nach Mexiko, wo sie fünf Jahre bis zur Verjährung bleiben wollte. 1949 ging Burroughs dort formal eine dritte Ehe mit María Lucrecia Barquera ein, vermutlich auf Vermittlung seines Rechtsanwalts, um eine Abschiebung zu erschweren. Am 6. September 1951 erschoss er in Mexiko-Stadt seine Frau Joan Vollmer: betrunken stellte er die Apfelszene aus Schillers Drama Wilhelm Tell nach. Die offizielle Untersuchung bewertete die Tat schließlich als Unfall. Burroughs verbrachte nur 14 Tage im Gefängnis und musste Mexiko 1952 verlassen. Vollmers Tochter kam zu ihrer Großmutter, sein Sohn zu den Großeltern nach St. Louis. Der Junge war Augenzeuge gewesen und verarbeitete das Erlebte später in eigenen Büchern.
Nach Vollmers Tod reiste Burroughs durch Südamerika. Er suchte eine Droge namens „Yage“, die später als Ayahuasca identifiziert wurde, und erhoffte sich von ihr eine Linderung seiner Opiatabhängigkeit wie auch neue spirituelle Erfahrungen. In dieser Zeit entstanden zwei Romane: Junkie über seine Heroinabhängigkeit und Queer über seine Homosexualität. Junkie galt zunächst als unveröffentlichbar. Auf Betreiben Ginsbergs erschien das Buch 1953 im Format eines Groschenromans bei Ace Books, wegen des als anstößig empfundenen Inhalts unter dem Pseudonym William Lee. Seinen Briefwechsel mit Ginsberg fasste er in den 1963 erschienenen Yage Letters zusammen. Queer kam erst 1985 heraus.
Von Südamerika aus reiste Burroughs nach Europa, unter anderem nach London und Paris. Im dortigen Beat Hotel begann er die Zettelsammlung für Naked Lunch. 1954 ging er in die Internationale Zone von Tanger, wo er von einem monatlichen Stipendium seiner Eltern bequem leben konnte. 1956 unternahm er in Paris mit Hilfe des Arztes John Dent einen Entzug, der ihn von seiner zwölfjährigen Heroinsucht befreite. Nach Tanger zurückgekehrt, konsumierte er nur noch Alkohol und Majoun, eine ortsübliche Cannabispaste, und schrieb unter deren Einfluss zahlreiche Texte. Seine Materialsammlung nannte er zunächst The Word Hoard. Gemeinsam mit Ginsberg und Kerouac redigierte er daraus die Episoden von Naked Lunch, das 1959 erschien. Aus dem übrigen Material entstand später die Nova-Trilogie mit The Soft Machine, The Ticket That Exploded und Nova Express.
In den frühen 1960er Jahren siedelte Burroughs nach London über und schrieb für kleine Untergrundmagazine. Daneben arbeitete er an einem Manuskript, das später in zwei Teilen als The Wild Boys und Port of Saints erschien. Er stand in Kontakt mit den Schriftstellern Alexander Trocchi und Jeff Nuttall. Auf dem Cover des Beatles-Albums Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band von 1967 ist er abgebildet; Paul McCartney hatte ihn über Barry Miles und den Indica Bookshop in London kennengelernt.
Mit Ginsbergs Hilfe erhielt Burroughs am New York City College eine Anstellung als Lehrer für kreatives Schreiben. Er kam in Kontakt mit Andy Warhol, Patti Smith, Susan Sontag, Dennis Hopper, Terry Southern und Mick Jagger. 1971 veröffentlichte er Electronic Revolution, eine Mischung aus Fakten, Fiktion und Voraussagen über die gesellschaftlichen Folgen der Elektronik. In diesem Text erwähnte er Scientology und wurde später kurzzeitig auch Mitglied der Organisation. Seine anhaltende Kritik daran und eine Buchrezension führten zu einer brieflichen Auseinandersetzung mit Scientologen, die in der Zeitschrift Rolling Stone erschien. 1976 wirkte er in Rosa von Praunheims New-York-Dokumentation Underground & Emigrants mit.
Die 1980er und 1990er Jahre brachten ihm große Popularität. Er arbeitete unter anderem mit Laurie Anderson zusammen und trat in Gus Van Sants Filmen Drugstore Cowboy (1989) und Even Cowgirls Get the Blues (1993) auf. 1990 entstand mit dem Regisseur Robert Wilson und dem Musiker Tom Waits das Theaterstück The Black Rider, das am 31. März 1990 im Thalia-Theater in Hamburg uraufgeführt und danach auf vielen europäischen und amerikanischen Bühnen gespielt wurde. 1983 wurde Burroughs in die American Academy of Arts and Letters gewählt. Im hohen Alter lebte er in Lawrence in Kansas und nahm dort an einem Methadon-Programm teil. Am 2. August 1997 starb er in seinem Haus im Alter von 83 Jahren an den Folgen eines Herzinfarkts. Beigesetzt wurde er auf dem Bellefontaine Cemetery in seiner Geburtsstadt St. Louis.
Literarische Merkmale↑
Kennzeichnend für Burroughs' Schreiben ab den frühen 1960er Jahren ist die Cut-up-Technik. Manuskriptseiten wurden in kleine Zettel zerschnitten und ohne festen Plan neu angeordnet. So entstand eine assoziative Erzählstruktur, die er in späteren Romanen weiterentwickelte. Der Leser kann an einer beliebigen Stelle des Buchs einsteigen; der Text entwickelt sich von dort aus weiter. Weil jeder an einem anderen Punkt beginnt, ergibt sich für jeden Leser ein anderer Blick auf den Fortgang der Handlung. Erstmals angewandt wurde das Verfahren in der Nova-Trilogie, die sich damit deutlich von den früheren, geradlinig erzählten Romanen unterscheidet.
Inhaltlich kreisen die Bücher dieser Jahre um Techniken der Machtausübung und Kontrolle: durch Drogen, durch Sex, durch Viren, durch Verschwörungen und durch die Sprache selbst. Die Sprache erscheint bei Burroughs als etwas dem Menschen Fremdes, das in ihn eindringt und sein Denken und Handeln von außen steuert. Das Cut-up war für ihn ein Mittel, dieser linearen, rationalen Sprache zu entkommen. Zugleich bot das zufällige Zusammensetzen von Textteilen die Chance, neue Assoziationen zu stiften und verborgene Sinnebenen freizulegen.
Seine frühen Bücher schrieb Burroughs dagegen aus dem eigenen Leben heraus. Junkie handelt von seiner Heroinabhängigkeit, Queer von seiner Homosexualität. Beide Stoffe galten in den 1950er Jahren als so anstößig, dass eine reguläre Veröffentlichung schwierig war.
In den letzten Jahrzehnten trat Burroughs auch als Spoken-Word-Künstler auf. Mit tiefer Stimme und langsam vorgetragenen, programmatischen Sätzen erreichte er sein altes wie ein neues Publikum. Es entstanden zahlreiche Tonaufnahmen seiner Werke und Gespräche.
Rezeption↑
Bereits mit seinem Erscheinen 1959 wurde Naked Lunch zu einem Bestandteil der aufkeimenden Gegenkultur der 1960er Jahre. Mehrere US-Bundesstaaten untersagten die Veröffentlichung. Massachusetts verbot das Buch als erster Staat wegen Obszönität, unter anderem wegen eines darin beschriebenen Stahldildos, der der Rockband Steely Dan den Namen gab. 1966 entschied der Oberste Gerichtshof von Massachusetts, der Roman sei nicht obszön. David Cronenberg drehte 1991 aus Motiven des Buchs und seiner Entstehungsgeschichte den Film Naked Lunch; 2024 kam eine Verfilmung von Queer in die Kinos.
Über den literarischen Rang gehen die Urteile auseinander. Einige Kritiker nennen Burroughs einen der wichtigsten amerikanischen Schriftsteller der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, andere halten sein Werk für überbewertet. Unbestritten ist in der Literaturwissenschaft dagegen sein Stellenwert für die Entwicklung der Popkultur und der postmodernen Literatur. Der amerikanische Literaturwissenschaftler Oliver Harris sieht die Einordnung differenzierter: Postmoderne Literatur zeichne sich durch komplexes fiktionales Erzählen aus, das die eigene Sprache und den eigenen Status als Literatur in Frage stelle und eine zersplitterte, relativistische Welt spiegele. Die Literatur der Beat Generation dagegen erzähle linear und autobiografisch und beuge sich keiner sozialen Autorität. Burroughs sei deshalb zu sehr Beat, um postmodern zu sein, und zu postmodern, um Beat zu sein.
In den 1980er und 1990er Jahren wurde Burroughs zu einer Ikone der Popkultur. Zahlreiche Künstler, vor allem aus der New Yorker Szene, nannten ihn als wichtige Inspirationsquelle. Den deutschsprachigen Autoren Carl Weissner und Jürgen Ploog war er mit seinem Cut-up-Stil ein Vorbild; Ergebnisse davon erschienen zum Teil in der Literaturzeitschrift Gasolin 23. Er arbeitete mit Laurie Anderson, mit Bill Laswell und dessen Gruppe Material sowie mit dem Rockmusiker Kurt Cobain zusammen, der zu seinem Werk 'The Priest' They Called Him Gitarre spielte. Seine Schallplatte Call Me Burroughs wurde in die Liste „100 Records That Set the World on Fire (While No One Was Listening)“ der Zeitschrift The Wire aufgenommen. 1983 wählte ihn die American Academy of Arts and Letters zum Mitglied. 2013 widmete ihm die Sammlung Falckenberg in Hamburg-Harburg eine Retrospektive.
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