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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Porträt Wilhelm Busch
Wilhelm Busch
1832 – 1908
– Autorenporträt –

Wilhelm Busch

1832 – 1908 · 75 Jahre

Schöpfer von Max und Moritz und "Klassiker des deutschen Humors" – Pionier der Bildergeschichte, dessen Zweizeiler bis heute jeder kennt.

Kurzporträt

Wilhelm Busch gilt als der einflussreichste humoristische Dichter und Zeichner Deutschlands im 19. Jahrhundert. Mit Bildergeschichten wie Max und Moritz, Die fromme Helene, Hans Huckebein, der Unglücksrabe oder Plisch und Plum wurde er zum "Klassiker des deutschen Humors". Er war zugleich ein Pionier dessen, was später Comic heißen sollte. Viele seiner Zweizeiler sind bis heute geflügelte Worte. Dazu zählen "Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr" oder "Dieses war der erste Streich, doch der zweite folgt sogleich". Hinter dem volkstümlichen Erfolg stand ein verschlossener, von Schopenhauer geprägter Mensch. Er schätzte seine Bildergeschichten selbst gering und versuchte sich vergeblich als ernsthafter Maler zu etablieren.


Biografie

Heinrich Christian Wilhelm Busch kam am 14. April 1832 in Wiedensahl zur Welt. Das kleine Dorf liegt zwischen dem schaumburgischen Stadthagen und dem hannoverschen Kloster Loccum. Die algorithmisch verifizierten Eckdaten nennen den 15. April als Geburtstag, ebenso die Deutsche Biographie. In der biografischen Überlieferung der Wikipedia steht dagegen der 14. April. Dieser Widerspruch ist in der Forschung nicht restlos geklärt. Busch war das erste von sieben Kindern des Krämers Friedrich Wilhelm Busch und seiner Frau Henriette, geborene Kleine. Die Eltern waren strebsame, fromme Protestanten. Sie brachten es zu einigem Wohlstand und konnten sich später leisten, drei ihrer Söhne studieren zu lassen.

Im Herbst 1841, nach der Geburt eines weiteren Bruders, wurde der neunjährige Wilhelm seinem Onkel zur Erziehung anvertraut, dem Pfarrer Georg Kleine in Ebergötzen. Der Onkel erteilte Privatunterricht. Daran durfte auch Buschs lebenslanger Freund Erich Bachmann teilnehmen, der Sohn des dortigen Müllers. Die Mühle, in der die beiden Jungen spielten, klingt später in Max und Moritz nach ("Rickeracke! Rickeracke! Geht die Mühle mit Geknacke"). Zu den leiblichen Eltern hatte Busch in diesen Jahren wenig Kontakt. Die Strecke nach Wiedensahl war eine dreitägige Reise mit dem Pferdewagen. Als er als Zwölfjähriger nach Hause kam, erkannte die Mutter ihn zunächst nicht. Manche Biografen lesen diese frühe Entfremdung als Wurzel seines späteren eigenbrötlerischen Junggesellentums. 1846 zog die Familie Kleine nach Lüthorst um, wo Busch am 11. April 1847 konfirmiert wurde.

Im September 1847 begann er ein Maschinenbaustudium am Polytechnikum Hannover unter Karl Karmarsch. Knapp vier Jahre studierte er dort und beteiligte sich 1848 mit Mitstudenten an Schutzmaßnahmen gegen die revolutionären Barrikaden. Kurz vor dem Abschluss eröffnete er den Eltern aber seinen Wunsch, an die Kunstakademie Düsseldorf zu wechseln. Die Mutter stützte ihn, der Vater gab nach. Im Juni 1851 reiste er nach Düsseldorf. Dort wurde er jedoch nur in die vorbereitenden Klassen aufgenommen und blieb dem Unterricht zunehmend fern. Im Mai 1852 ging er weiter an die Koninklijke Academie nach Antwerpen, um bei Josephus Laurentius Dyckmans zu studieren. Dort sah er erstmals Gemälde von Rubens, Brouwer, Teniers und Frans Hals. Die Begegnung mit der altholländischen Malerei wurde für ihn entscheidend, schürte aber zugleich Zweifel an den eigenen Fähigkeiten. Eine schwere Typhuserkrankung beendete den Aufenthalt. Seine Wirtsleute pflegten ihn gesund, und 1853 kehrte er mittellos nach Wiedensahl zurück. Dort sammelte er Märchen, Sagen, Lieder und Reime aus dem lokalen Aberglauben.

Nach weiteren Monaten bei seinem Onkel zog er nach München, um sein Kunststudium an der Akademie der Bildenden Künste fortzusetzen. Der Schritt führte zum Zerwürfnis mit dem Vater. In München erfüllten sich seine Erwartungen nicht. Vier Jahre lang ließ er sich, wie er selbst schrieb, planlos treiben und erwog 1857 und 1858 sogar, zur Bienenzucht nach Brasilien auszuwandern. Halt fand er im Künstlerverein Jung-München, dem auch der Maler Theodor Pixis und sein späterer Verleger Otto Bassermann angehörten. Über diesen Kreis lernte er den Verleger Kaspar Braun kennen. Dieser bot ihm freie Mitarbeit an den "Münchener Bilderbogen" und den "Fliegenden Blättern" an. Damit war Busch erstmals schuldenfrei. Von 1859 bis 1871 lieferte er regelmäßig Beiträge für die beiden Blätter. 1864 erschienen die Bilderpossen als erste eigenständige Buchveröffentlichung, 1865 folgte Max und Moritz. Daran schloss sich in rascher Folge die Reihe der berühmten Bildergeschichten an: Der heilige Antonius von Padua (1870), Bilder zur Jobsiade und Pater Filucius (1872), Die fromme Helene, Dideldum!, Abenteuer eines Junggesellen, die Knopp-Trilogie und viele weitere.

Ab 1867 hielt sich Busch häufig bei der Familie Keßler in Frankfurt am Main auf, wo sein Bruder Otto als Erzieher arbeitete. Hier entstanden auch seine wenigen Plastiken. 1872 zog er zu seiner Schwester Fanny Nöldeke, der Frau des Wiedensahler Pastors, in das dortige Pfarrhaus. 1878 zog er mit ihr und ihren drei Söhnen in das Pfarrwitwenhaus. 1896 gab er das Malen endgültig auf. Gegen eine Abfindung von 50.000 Mark trat er alle Rechte an seinen Veröffentlichungen an den Verlag Bassermann ab. Im Herbst 1898 folgte er der Einladung seines Neffen, des Pastors Otto Nöldeke, in das Pfarrhaus am Dorfrand von Mechtshausen. Dort las er Romane und Biografien auf Deutsch, Englisch und Französisch, ordnete sein Werk, schrieb Briefe und Gedichte. Die meisten Verse der späten Sammlungen Schein und Sein und Zu guter Letzt entstanden 1899. Anfang Januar 1908 erkrankte er an Halsschmerzen, der Arzt diagnostizierte zusätzlich eine Herzschwäche. In der Nacht vom 8. auf den 9. Januar 1908 starb Wilhelm Busch fünfundsiebzigjährig in Mechtshausen, noch ehe der herbeigerufene Arzt eintraf. Er war zeitlebens ledig geblieben.


Literarische Merkmale

Buschs Wirkung beruht auf der untrennbaren Verbindung von Zeichnung und Vers. Die Deutsche Biographie hebt hervor, dass kein anderer Künstler eine so vollständige Gleichwertigkeit beider Ausdrucksweisen erreicht habe. Um die Mitte der 1860er Jahre war dieser Stil voll ausgebildet und änderte sich danach kaum noch. Als Zeichner gilt er als einer der größten Virtuosen der Bewegungsdarstellung. Sein Strich ist lebendig, fett und schnörkelig und hält die Figuren in steter, oft komischer Aktion. In der Bildergeschichte, deren Form er prägte, verbindet sich diese Beobachtungsgabe mit einer naturfernen Phantastik und einem Märchencharakter. Beide bleiben selbst bei satirischer Schärfe bestehen.

Sprachlich arbeitet Busch überwiegend in vierhebigen Trochäen, die durch eine leichte Übergewichtung der betonten Silben komisch wirken. Er wechselt aber souverän das Versmaß. In Plisch und Plum unterstreichen Daktylen die feierliche Schulrede des Lehrers Bokelmann. In Fipps, der Affe wählt er für eine pathetische Betrachtung über die Würde des Menschen den epischen Hexameter. Kennzeichnend sind sprachliche Kühnheiten. Dazu gehören Reime, die mitten im Wort trennen ("Jeder weiß, was solch ein Mai-/käfer für ein Vogel sei"), ironische Verdrehungen, Verspottungen romantischer Stilelemente, Doppeldeutigkeiten und ein nicht versiegender Vorrat an Lautmalereien. "Schnupdiwup" verschwinden die gebratenen Hühner durch den Kamin, "Ritzeratze" sägen Max und Moritz die "Brücke eine Lücke". Auch die Namen der Figuren charakterisieren treffsicher: "Studiosus Döppe", "Förster Knarrtje" oder die "Sauerbrots" geben preis, was zu erwarten ist.

Viele seiner Zweizeiler haben die Anmutung großer Weisheitssprüche. Beim genaueren Hinsehen entpuppen sie sich aber als Scheinwahrheit, Scheinmoral oder Binsenweisheit. Hinter der vermeintlichen Harmlosigkeit steht ein durchgängig pessimistisches Welt- und Menschenbild. Es deckt sich, so die Deutsche Biographie, auf weite Strecken mit Schopenhauer. Der blinde Lebenstrieb, das Radikal-Böse in der Natur und die "Tücke des Objekts" sind die wiederkehrenden Ideeninhalte. Gut und böse gehen in Buschs Welt nahtlos ineinander über. Auch traditionelle Fabeln benutzt er, beraubt sie aber ihrer Moral, um aus dem Geschehen rein komische Konstellationen zu gewinnen. Sein Lyrik- und Prosawerk, in dem er ernster schreiben wollte, ist erkennbar von Heinrich Heine geprägt. Gerade dort, wo er ohne Bild auskommt, stieß er beim Publikum auf Unverständnis.


Rezeption

Schon seit den 1870er Jahren war Busch in ganz Deutschland berühmt. Bei seinem Tod 1908 galt er als der "Klassiker des deutschen Humors". Seine Bildergeschichten sind bis heute populär, viele seiner Zweizeiler längst feste Redewendungen geworden. Eine Reihe humoristischer Dichter beruft sich auf ihn als geistigen Vorfahren oder zumindest Verwandten: Erich Kästner, Kurt Tucholsky, Joachim Ringelnatz, Christian Morgenstern, Eugen Roth und Heinz Erhardt. Als Pionier des Comics ist seine Bedeutung über die deutsche Sprache hinaus anerkannt.

Die Deutsche Biographie ordnet ihn als "einzigartige Doppelbegabung" in Literatur- und Kunstgeschichte ein. Kein anderer Fall sei bekannt, in dem dichterische und bildkünstlerische Ausdrucksweise so völlig gleichwertig und untrennbar zusammenkämen. Diese Würdigung steht in deutlichem Kontrast zur Selbsteinschätzung des Künstlers. Busch selbst maß seinen Bildergeschichten wenig Wert bei und bezeichnete sie abschätzig als "Schosen", als bloßen Broterwerb. Sein Versuch, sich als ernsthafter Maler zu etablieren, scheiterte an den eigenen Maßstäben. Die meisten seiner Gemälde hat er vernichtet, die erhaltenen wirken wie Improvisationen oder flüchtige Farbnotizen. Auch seine ernste Lyrik und Prosa fand kaum Leserschaft – zuletzt die Erzählung Der Schmetterling von 1895, die mit Märchenmotiven der Romantik abrechnet. Sie passte nicht zu dem Bild, das sich das Publikum vom Verfasser des Max und Moritz gemacht hatte.

Eine eigene Wirkungsgeschichte hatte seine in Wiedensahl angelegte Sammlung von Märchen, Sagen und Liedern. Sie fand zu Lebzeiten keinen Verleger und erschien erst postum. Während des Nationalsozialismus brachte sie ihm den Ruf ein, ein "völkischer Seher" gewesen zu sein. Sein Nachlass wird im Wilhelm-Busch-Museum in Hannover aufbewahrt. Trägerin ist die Wilhelm-Busch-Gesellschaft, die auch eine laufende Bibliografie herausgibt. Schon zu Lebzeiten porträtierte ihn Franz von Lenbach. Die Forschung über Werk und Person reicht von Eduard Daelens früher Würdigung Über W. Busch und seine Bedeutung (1886) über Richard Schaukal, Hermann Nöldeke und Adolf Vanselow bis zu Fritz Bohne, Hermann Glockner und Friedrich Novotny.

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