1872
Die fromme Helene
Überblick↑
Die fromme Helene ist eine der bekanntesten Bildergeschichten Wilhelm Buschs. Sie erschien 1872 im Bassermann Verlag. In Versen und Zeichnungen erzählt Busch das Leben der Helene. Der Bogen reicht von der unartigen Göre über die heuchlerisch-fromme Ehefrau bis zu ihrem unrühmlichen Ende. Vor dem Hintergrund des Kulturkampfes traf die Geschichte einen Nerv und fand schnell ein großes Publikum. Bis heute zählt Die fromme Helene zu Buschs populärsten Werken.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Helene ist ein widerspenstiges Kind. Sie wird zu ihrem strengen Onkel Nolte und dessen Frau geschickt, damit sie christliche Sitten lernt. Doch das Mädchen ist alles andere als folgsam. Es treibt allerlei Schabernack und ärgert die Hausbewohner. Früh entwickelt es ein Talent dafür, seine wahren Neigungen hinter frommen Mienen zu verbergen.
Als junge Frau wird Helene mit dem wohlhabenden, deutlich älteren Herrn Schmöck verheiratet. An ihrer Seite spielt der gut aussehende Vetter Franz eine Rolle. Er steht ihr näher, als es sich gehört. Helene gibt sich nach außen besonders gottesfürchtig, geht zur Beichte und sogar auf Wallfahrt. Doch hinter der Fassade steht es um ihre Tugend nicht gut. Busch erzählt mit beißendem Spott vom Doppelleben einer Frau, die fromme Worte und unfromme Taten geschickt unter einen Hut bringt. Nebenbei nimmt er das Wallfahrtswesen seiner Zeit aufs Korn.
Die Handlung im Detail↑
Helene kommt als ungezogenes Kind in das Haus ihres Onkels Nolte und ihrer Tante, die sie zu einem rechtschaffenen christlichen Mädchen erziehen sollen. Schon dort zeigt sich ihr widerspenstiger Charakter: Sie spielt Streiche, treibt Unfug und lernt früh, ihre wahren Absichten hinter einer frommen Miene zu verstecken.
Erwachsen geworden, wird Helene mit dem reichen, deutlich älteren G. I. C. Schmöck verheiratet – einer Figur, deren Name auf das jiddische Schimpfwort „Schmock“ anspielt und ihn als Dummkopf kennzeichnet. Schmöck ist an Kunst und Geist nicht interessiert, dafür wohlhabend. Helene führt nach außen das Leben einer tugendsamen Ehefrau, pflegt aber eine enge Beziehung zu ihrem Vetter Franz, der zugleich Geistlicher ist. Beide leben ein Doppelleben aus Frömmigkeit und Sinnlichkeit.
Da die Ehe kinderlos bleibt, geht Helene gemeinsam mit Vetter Franz auf Wallfahrt – ein Anlass, mit dem Busch das katholische Pilgerwesen verspottet. Die Wallfahrt zeigt „Erfolg“: Helene bringt nach gebührender Zeit Zwillinge zur Welt, deren Ähnlichkeit mit Vetter Franz dem Leser unmissverständlich verrät, wer der wahre Vater ist. Schmöck, voller frischer Vaterfreude, isst und trinkt beim Festmahl über alle Maßen und erstickt daran.
Auch Vetter Franz findet ein böses Ende: Er interessiert sich nicht nur für Helene, sondern auch für das weibliche Küchenpersonal. Der eifersüchtige Kammerdiener Jean erschlägt ihn. Die nun verwitwete Helene sucht Trost in Rosenkranz, Gebetbuch und zunehmend im Alkohol. Eines Abends stürzt sie betrunken in eine brennende Petroleumlampe und kommt in den Flammen um. Der Teufel persönlich holt ihre Seele und führt sie in die Hölle, wo sie dem bereits dort eingetroffenen Vetter Franz Gesellschaft leisten muss.
Am Schluss formuliert Onkel Nolte jenen knappen Moralsatz, der seither immer wieder zitiert wird und vielfach als treffende Verdichtung schopenhauerischer Lebensweisheit gelesen wurde.
Stil↑
Wie für Wilhelm Busch typisch verbindet Die fromme Helene gereimte Verse und Zeichnungen zu einer untrennbaren Einheit. Bild und Text kommentieren einander. Oft gewinnt erst aus dem Zusammenspiel die volle satirische Wirkung. Die Sprache ist knapp, schlagfertig und voller eingängiger Pointen, die sich dem Gedächtnis einprägen.
Busch arbeitet mit scharfer Übertreibung und mit sprechenden Namen wie dem an „Schmock“ angelehnten Schmöck. Dazu kommt ein trockener Erzählerton, der das Geschehen scheinbar nüchtern referiert, während die Bilder und Reime es genüsslich entlarven. Sein Humor ist hintergründig und bissig. Hinter der scheinbar harmlosen Reimerei steht ein tief pessimistisches Menschenbild, das menschliche Schwächen, Heuchelei und Selbsttäuschung ohne Schonung vorführt.
Rezeption↑
Vor dem Hintergrund des Kulturkampfes traf Die fromme Helene 1872 unmittelbar den Nerv der Zeit und fand rasch ein breites Publikum. Schon mit der Bildergeschichte Der heilige Antonius von Padua hatte sich Busch eine antiklerikal gestimmte Leserschaft erschrieben. Die fromme Helene festigte diesen Erfolg und wurde zu einem seiner populärsten Werke. Bis heute gehört sie zum Kern dessen, was vielen Lesern beim Namen Wilhelm Busch zuerst einfällt.
Die Geschichte hat zahlreiche Bearbeitungen angeregt. Sie reichen vom Stummfilm Otto Ripperts aus dem Jahr 1918 bis zur Verfilmung von Axel von Ambesser 1965 mit Simone Rethel in der Titelrolle. Dazu kommen mehrere musikalische und dramatische Adaptionen bis ins 21. Jahrhundert. Einzelne Verse haben sich als geflügelte Worte im deutschen Sprachgebrauch festgesetzt, vor allem der Schlussspruch Onkel Noltes.
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