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Werkseintrag · Die dunkle Nacht der Seele
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Die dunkle Nacht der Seele
1618
– Werkseintrag –

Die dunkle Nacht der Seele

1618 · Lyrik

Im Kerker seines Ordens schrieb der Mystiker Johannes vom Kreuz ein Gedicht, das wie ein heimliches Liebeslied klingt und den Weg der Seele durch die Dunkelheit zur ersehnten Nähe Gottes beschreibt.

Überblick↑

Bei dem Werk Die dunkle Nacht der Seele handelt es sich um ein Gedicht des spanischen Karmeliters, Mystikers und Kirchenlehrers Johannes vom Kreuz. Es entstand um 1576 bis 1578, als der Verfasser in Toledo im Kerker seines eigenen Ordens gefangen saß; erst nach knapp einem Jahr gelang ihm die Flucht. Zu dem Text verfasste er später einen ausführlichen Kommentar, der denselben Titel trägt. Gedicht und Kommentar behandeln die Vereinigung der Seele mit Gott. Der Titel ist in Literatur und Musik bis in die Gegenwart vielfach aufgegriffen worden. In der psychologischen Literatur dient „die dunkle Nacht der Seele“ zudem als Bild für die Depression.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Von außen betrachtet liest sich das Gedicht wie ein Liebeslied. Eine Seele verlässt in einer dunklen, stillen Nacht heimlich ihr Haus, während alles ruht, um einem Geliebten entgegenzugehen. Die Nacht ist dabei nicht nur Kulisse, sondern führt und leitet. Der Weg verläuft im Verborgenen, ohne anderes Licht als das, das im Innern brennt.

Hinter dieser Bildsprache steht ein geistlicher Sinn. Johannes vom Kreuz beschreibt den Weg der Seele zu Gott als ein Hindurchgehen durch Dunkelheit und Entbehrung. Was zunächst wie Verlust und Nacht erscheint, ist in Wahrheit der Weg zur ersehnten Nähe. Der Dichter selbst hat diesen Sinn in seinem Kommentar Schritt für Schritt ausgelegt.

Die Handlung im Detail↑

Das Gedicht schildert in mehreren Strophen den nächtlichen Auszug einer Seele, die zu ihrem Geliebten aufbricht. In einer dunklen Nacht, von Sehnsucht entflammt, verlässt sie unbemerkt ihr Haus, während dieses schon zur Ruhe gekommen ist. Sie geht im Dunkeln und Verborgenen, allein von einem inneren Feuer geleitet, das ihr sicherer den Weg weist als das Licht des Tages. Am Ende dieses Weges findet die Vereinigung mit dem Geliebten statt: die Seele ruht bei ihm, verliert sich an ihn und lässt alle Sorge zurück.

In seinem Kommentar deutet Johannes vom Kreuz dieses Geschehen als den mystischen Weg der Seele zu Gott. Dieselbe Grunderfahrung prägt auch die anderen im Gefängnis entstandenen Dichtungen, den Cántico espiritual und die Llama de amor viva. Die dunkle Nacht steht für eine Zeit der Entbehrung und der Reinigung, in der die Seele von allem Vertrauten gelöst wird. Gerade dieses Dunkel wird zum Führer, weil es die Seele von sich selbst frei macht und zu Gott hinträgt. Die erotisch aufgeladenen Bilder von Aufbruch, Vereinigung und Ruhe erinnern an das Hohelied Salomos des Alten Testaments und tragen so die geistliche Aussage.

Stil↑

Auffällig ist die Form eines Liebesliedes, das seinen geistlichen Gehalt ganz in sinnliche Bilder kleidet. Johannes vom Kreuz spricht nicht abstrakt von Gott und Seele, sondern erzählt von einer nächtlichen Begegnung zwischen Liebenden. Die Bilder sind stark erotisch aufgeladen und stehen in der Nachfolge des Hohenliedes Salomos. Nacht, Dunkelheit, Feuer und Stille werden zu tragenden Sinnbildern, die den inneren Vorgang anschaulich machen.

Die Spannung zwischen der schlichten, liedhaften Oberfläche und dem tiefen theologischen Sinn ist ein Grundzug des Werkes. Weil dieser Sinn sich dem bloßen Wortlaut nicht ohne Weiteres erschließt, hat der Dichter selbst einen ausführlichen Kommentar geschrieben, der das Gedicht auslegt.

Rezeption↑

Weit über die geistliche Literatur hinaus hat das Gedicht in Musik, Dichtung und Film nachgewirkt. In der Musik reicht die Spanne vom norwegischen Komponisten Fartein Valen, der 1939 ein Stück für Orchester und Singstimme schuf, über die Chorwerke Ola Gjeilos bis zu einer Nachdichtung der kanadischen Sängerin Loreena McKennitt. Der französische Sänger Vicente Pradal legte 1996 mit La nuit obscure ein Album mit Vertonungen vor, das mit dem Grand Prix der Académie Charles Cros ausgezeichnet wurde. Auch Bands wie Depeche Mode, Mayhem und Ulver griffen den Text auf. Ein gemeinsames Album von Sparklehorse und Danger Mouse, unter Mitwirkung von David Lynch, trägt 2009 ebenfalls diesen Titel.

In der Literatur zitierte der englische Dichter Ernest Dowson den Text bereits 1899. F. Scott Fitzgerald prägte in seinem Essay The Crack-Up von 1936 den Satz, in einer wirklich dunklen Nacht der Seele sei es stets drei Uhr morgens; auf diesen Satz spielt später Stephen King an. Graham Greene bezog sich in seinem Roman The End of the Affair auf das Gedicht. Reinhold Schneider machte den Verfasser zum Gegenstand einer Erzählung. Im Film verarbeitete Carlos Saura den Stoff 1989 in La noche oscura. Der Titel wurde so zur festen Wendung: In der Psychologie steht „die dunkle Nacht der Seele“ als Bild für die Depression.

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