1916
Die drei Sprünge des Wang-lun
Überblick↑
Mit diesem historischen Roman gelang Alfred Döblin 1916 der literarische Durchbruch. Das Buch entstand 1912/13 und erschien bei S. Fischer in Berlin. Döblin erzählt die Lebensgeschichte des historisch verbürgten chinesischen Rebellen Wang-lun. Dieser führte Ende des 18. Jahrhunderts einen Aufstand gegen Kaiser Qianlong an und unterlag 1774. Hinter dem fernöstlichen Stoff steht ein zutiefst zeitgenössisches Anliegen. Im Mittelpunkt steht der Taoismus mit seiner Lehre vom Wu wei, vom Nicht-Handeln und Nicht-Widerstreben. Döblin verhandelt am chinesischen Beispiel die Frage, wie sich eine friedliche Bewegung gegen ein Gewaltregime behaupten kann. Und er fragt, was geschieht, wenn der Verzicht auf Gegenwehr an seine Grenzen stößt.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Schauplatz ist China gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Wang-lun ist der Sohn eines verspotteten Fischers aus einem Küstendorf in Schan-tung. Er ist kräftig, jähzornig und kein Freund von Schule und Pflicht. Er verlässt sein Dorf und schlägt sich als Gelegenheitsarbeiter, Bettler und Räuber durchs Bergland. In der Stadt Tsi-nan-fu gerät er an einen listigen Bonzen. Mit ihm lässt er sich auf gemeinsame Gaunereien ein.
Ein gewaltsames Erlebnis erschüttert ihn so tief, dass er aus seiner Heimatprovinz flieht. In den Nan-ku-Bergen sammeln sich um ihn andere Ausgestoßene: verarmte Bauern, Entlassene, Kranke, Unangepasste, Verbrecher. Beim Einsiedler Ma-noh begegnet Wang-lun der Lehre des Wu wei, des Nicht-Handelns. Er macht daraus das Gründungswort einer Bruderschaft. Diese nennt er die „Wahrhaft Schwachen“: arm, keusch, gleichmütig, ohne Widerstand gegen den Lauf der Welt.
Die Bewegung wächst rasch. Tausende strömen ihr aus allen Schichten zu, darunter ein ehemaliger Kommandant der kaiserlichen Palastwache und die Tochter eines reichen Hauses. Bald ziehen mehrere Scharen in verschiedene Richtungen durch das Land, betteln, singen und pflegen Kranke. Doch das gewaltlose Leben gerät unter Druck. Denn das Reich beobachtet jede sektiererische Regung argwöhnisch. Und auch innerhalb der Bewegung beginnt die strenge Lehre zu wanken. Der Roman erzählt, wie eine friedliche Idee sich in der Wirklichkeit bewähren muss. Und er zeigt, welchen Preis ihre Anhänger dafür zahlen.
Die Handlung im Detail↑
Dem Roman ist eine Zueignung vorangestellt. Der Erzähler blickt durch Fensterscheiben auf eine moderne, von Technik und Geschäftigkeit geprägte Stadt und liest in den Gesichtern der Menschen die „Grimassen der Habgier“, der „feindlichen Sattheit“, der „Geilheit“ und „Ehrsucht“. Diesem Fortschritt stellt er ein Zitat des daoistischen Philosophen Liä Dsi entgegen: „Wir gehen und wissen nicht wohin … Wer kann da sprechen von Gewinnen, Besitzen?“ Diesem Geist „opfert“ Döblin sein „ohnmächtiges Buch“. Das Werk gliedert sich in vier Bücher: Wang-lun, Die gebrochene Melone, Der Herr der Gelben Erde und Das Westliche Paradies.
Wang-lun wächst im Küstendorf Hun-kang-tsun in Schan-tung auf. Sein Vater, der Fischer Wang-schen, verkauft geröstete Tintenfische und Sandwürmer, betreibt eine karge Landwirtschaft auf Kalksteinterrassen und gilt im Dorf als Sonderling. Nach der Begegnung mit einem Zauberer tritt er als „Wind- und Wettermeister“ auf, beschwört Dämonen mit einer Tigermaske und stirbt nach einer Geisteraustreibung. Sein Sohn Wang-lun soll studieren, lehnt das aber ab. Er ist riesenstark, jähzornig und prahlerisch, dehnt aus Übermut den im Brauchtum festgelegten monatlichen Diebestag aufs ganze Jahr aus, und die Nachbarn sind erleichtert, als er das Dorf verlässt.
Auf seiner Wanderschaft schlägt er sich mit Gelegenheitsarbeiten, Erpressung und Raub durch. Nach einem Überfall stößt er auf der Flucht ein Mädchen in eine Schlucht und wagt aus Furcht vor ihrem Geist keinen Rettungsversuch. In Tsi-nan-fu stiehlt er das Opfergeld aus dem Tempel des Musikantengottes Hang-tsiang-tses. Der Bonze Toh-tsin durchschaut ihn, lockt ihn mit immer schwieriger zu findenden Verstecken in eine Falle und sichert sie mit Teerstreifen, an denen Wang-lun mit den Haaren hängen bleibt und sich selbst verrät. Aus Bewunderung füreinander schließen die beiden Freundschaft und werden Kompagnons: Sie geben vor, mit Magie Häuser vor Diebstählen zu schützen, rauben das Geld, „entdecken“ es wieder und behalten heimlich ihren Anteil.
Den entscheidenden Vorfall bringt der Prozess gegen den Mohammedaner Su-koh, einen harmlosen Dochtfabrikanten, der wegen Verwandtschaft mit einem Sektierer gegen die Qing-Dynastie verhaftet wird. Wang-lun und seine Freunde verkleiden sich als Provinzialrichter samt Gefolge, ziehen feierlich in die Stadt ein und transportieren die Gefangenen in einem Käfig ab. Als der echte Richter den Schwindel erkennt und Su-koh später beim Versuch, freiwillig die Stadt zu verlassen, von Soldaten erkannt und vom Hauptmann der Truppe niedergesäbelt wird, ist Wang-lun zutiefst erschüttert. In einem ekstatischen Lauf mit seiner Hirschmaske erdrosselt er den Hauptmann. Dieser Vorfall wird zum Schlüsselerlebnis für seine spätere Rebellion.
Wang-lun flieht in die nördliche Region Tschi-li. In den Nan-ku-Bergen, nahe dem heiligen Buddhistenberg Wu-tai-schan, hausen Vagabunden in Höhlen und schlagen sich mit Überfällen auf Karawanen und Pilgerzüge durch. Im Winter, als die Reisenden ausbleiben, überfallen sie in verzweifelter Wut das Dorf Pa-ta-ling, töten viele Bewohner und nisten sich in den Häusern ein. Die Bande ist ein Gemisch aus Menschen, die durch Unglück, Krankheit, Hungersnöte, ungerechte Behandlung durch Beamte oder Unzufriedenheit mit dem Mandschu-Kaiser zu Außenseitern wurden. Der Kaufmann Chu aus Po-schan spricht vom Machtmissbrauch der Herrschenden und bringt Wang-lun auf die Idee, Kontakt zur Sekte der Weißen Lilie aufzunehmen.
Die Ausgestoßenen wählen Wang-lun zum Hauptmann. Er nennt sie die „Wahrhaft Schwachen“ und mischt in seine Reden religiöse Erkenntnisse, die er bei Besuchen beim Einsiedler Ma-noh gewonnen hat. Dieser hatte sein Kloster auf der Insel Pu-to-schan verlassen, lebt nun in einer Klause mit Buddhafiguren und einer Bergkristallskulptur der Göttin Kuan-yin und sucht die letzte Stufe der Weisheit. Wang-lun predigt: „Die Welt erobern wollen durch Handeln misslingt. Die Welt ist von geistiger Art, man soll nicht an ihr rühren. Wer handelt, verliert sie; wer festhält, verliert sie.“
Als eine Truppe aus der Unterpräfektur Cha-tuo versucht, Pa-ta-ling zurückzuerobern, wird sie zwar zurückgeschlagen, nimmt aber einige Vagabunden gefangen. In der Beratung bei Ma-noh ringt Wang-lun mit sich und rät schließlich, das Dorf zu verlassen, in die Berge zurückzukehren und nichts gegen die Unterdrückung zu unternehmen, sondern als Ausgestoßene ohne Widerstand zu leben. Er selbst zieht nach Süden in die Provinz Schan-tung, sucht in Po-schan Arbeit bei dem Kohlegrubenbesitzer Chen-yao-fen und bittet ihn und seine Freunde vom Geheimbund der „Weißen Lilie“ um Unterstützung für die „Wahrhaft Schwachen“.
Im zweiten Buch wächst die Anziehungskraft der Lehre von „Armut, Keuschheit, Gleichmut“ und dem „Nichtwiderstreben“ rasch. Viele glauben, im „Ring der Frommen“ durch Versenkung das „Westliche Paradies“ zu erreichen, den fünften Maitreya oder das „Kin-tan-Pulver“, das ewiges Leben gewährt. Über den abwesenden Wang-lun erzählt man, er sei ein Zauberer, ein göttlicher Führer. Aus allen Schichten stoßen Hunderte, bald Tausende hinzu. Unter ihnen ist Ngoh, ein vom Kaiser ausgezeichneter Kommandant der Palastwache in Peking, der nach der Untreue seines jungen Geliebten den Militärdienst quittierte und untertauchte. Ein anderes Beispiel ist Liang-li, die Tochter des angesehenen Hauses Tseu in Tschön-ting, die nach dem Tod der Mutter ihre Familie verließ. Auch viele Frauen, Nonnen und Bettlerinnen schließen sich an.
Wegen der großen Zahl teilen sich die „Wahrhaft Schwachen“ in mehrere Scharen, ziehen in verschiedene Richtungen, betteln, singen und pflegen Kranke. Ma-noh führt eine Gruppe von etwa zweihundert Sektierern in den Süden bis in den einsamen Sumpf von Ta-lou, wo Männer und Frauen getrennt ihre Hütten aufschlagen und den Tag der Vollendung des Cakya-muni feiern. Nach dem Fest aber bricht die alte Ordnung zusammen. Ma-noh zweifelt am eingeschlagenen Weg. In einem ekstatischen Rausch stürmen die Männer das Frauenlager, vereinigen sich mit den Frauen und heben damit Wang-luns Gebot der Keuschheit auf, „um den alten Frieden zwischen Yin und Yang zu schließen“. Ma-noh rechtfertigt diesen neuen Weg, nennt ihn „Gebrochene Melonen“ und predigt: „Bleibt arm, seid fröhlich, enthaltet euch keiner Lust, damit ihr sie nicht vermisst und so unrein und schwer werdet.“
Drei Tage später kehrt Wang-lun mit einer Knieverletzung zurück, die er auf der Flucht erlitt. Er widerspricht Ma-noh und besteht auf dem Verzicht. Beide Führer beschließen, sich zu trennen. Inzwischen hat sich Wang-lun selbst verändert: Vom Kohlegrubenbesitzer Chen-yao-fen hat er das Familien-Kriegsschwert „Gelber Springer“ geerbt, mit der Verpflichtung, die Tradition der „Weißen Wasserlilie“ zu erhalten. Diese Waffe hat er bereits oft benutzt: In Tsi-nan-fu schlug er sich damit aus dem Gefängnis frei, nachdem man ihn als Mörder des Hauptmanns erkannt hatte, und schloss sich eineinhalb Monate lang einer Räuberbande an, die Dörfer überfiel, bis er sich von ihr lossagte, indem er einen der Räuber erstach. Er weiß nun, dass es nicht genügt, das Leben einfach geschehen zu lassen – wer überleben will, muss sich wehren.
Nach vier Tagen Pflege verlässt er nachts das Lager, begleitet von zwei entlaufenen Sklavinnen, die sich neugierig in sein Zelt geschlichen haben. Drei Wochen lang wandert er durch das mittlere Tschi-li, sucht über geheime Botschaften, die von Feigenhändlern verbreitet werden, Kontakt zu den Vaterlandsfreunden der „Weißen Wasserlilien“ und bittet sie, die zerstreuten Gruppen der Wu-wei-Brüder und -Schwestern zu unterstützen. Mit der Spaltung der Bewegung in eine asketische und eine ekstatische Strömung, mit dem Zusammenstoß zwischen einem Reich, das Sektierer nicht duldet, und einer Lehre des Nicht-Handelns, und mit der wachsenden Bereitschaft Wang-luns, das Schwert auch gegen seine eigene Überzeugung in die Hand zu nehmen, treibt der Roman auf den Aufstand zu, in dem sich der historische Wang-lun gegen Kaiser Qianlong erhob und 1774 unterlag.
Stil↑
Der Roman folgt einem Programm, das Döblin selbst kurz zuvor formuliert hatte. In seinem „Berliner Programm“ von 1913 und später in den Bemerkungen zum Roman entwirft er ein „modernes Epos“, das einem neuen Naturalismus verpflichtet ist. Dazu gehören der dynamische „Kinostil“, die Beschränkung auf die „Notierung der Abläufe, Bewegungen“ statt psychologischer Innensicht, die Polyphonie der Stimmen und die „Entäußerung des Autors“, also die Abkehr vom alles deutenden auktorialen Erzähler. Döblin nennt dieses Verfahren „Tatsachenphantasie“. Das ist eine Poetik, in der erfundene Handlung und genaues Wissen ineinandergreifen.
Im Wang-lun schlägt sich das vor allem in den Massenszenen nieder. Diese beeindruckten schon die ersten Leser. Der Überfall auf das Dorf Pa-ta-ling, das ekstatische Fest im Sumpf von Ta-lou, der Sturm der Männer auf das Frauenlager – solche Szenen sind in einer expressiven, oft fiebrigen Sprache erzählt. Sie bildet den Tumult, das Schreien und die plötzlichen Stimmungsumschwünge unmittelbar nach, statt sie aus der Distanz zu erklären. Daneben steht eine genaue, fast dokumentarische Notierung von Landschaften, Berufen, religiösen Bräuchen und Realien des chinesischen Alltags: Tintenfische und Sandwürmer, Kalksteinterrassen, Tempel, Höhlen, Wandergewerbe, Geheimbünde. Die zahlreichen chinesischen Eigennamen, Orts- und Würdebezeichnungen geben dem Text einen fremden Klang. Dieser hält das Geschehen weit weg und bringt es gerade dadurch nahe.
Rezeption↑
Der Roman war neben dem späteren Berlin Alexanderplatz Döblins größter finanzieller Erfolg. Die Kritik nahm ihn lobend auf, bisweilen mit Begeisterung. Bis 1923 erlebte er zwölf Auflagen. 1930 waren fast 27.000 Exemplare verkauft. 1916 erhielt Döblin für das Buch den Theodor-Fontane-Preis für Kunst und Literatur. 1926 lag eine dänische Ausgabe vor, 1932 eine französische. Eine englische Übersetzung war während Döblins amerikanischem Exil geplant. Sie kam erst 1991 zustande.
Beeindruckt war die Literaturkritik vor allem vom neuen Stil und der expressiven Sprache der Massenszenen. Walter Muschg sah in Döblins Erstling den „Durchbruch durch die bürgerliche Tradition des deutschen Romans“. Neben Filippo Tommaso Marinettis Mafarka und Robert Müllers Tropen wird das Buch zu den herausragenden Romanen der frühen europäischen Avantgarde gezählt. Der Erfolg verdankte sich auch der damaligen Chinabegeisterung. Schon die ersten Rezensenten lobten die als authentisch empfundene Schilderung der chinesischen Menschen. Manche fragten sich, woher Döblin diese Kenntnisse habe und ob nicht eine chinesische Vorlage existiere. Ingrid Schuster hat dieser Einschätzung später widersprochen. Das Buch sei keine Chinoiserie und keinem klassischen chinesischen Werk nachgedichtet. Vielmehr sei es Döblin gelungen, „die chinesische Philosophie des Taoismus aus dem akademischen Elfenbeinturm zu befreien“ und „die Philosophie des Nicht-Handelns mit politisch-sozialen Wirklichkeiten“ zu konfrontieren.
Besonders die pazifistische Thematik der Wu-wei-Sekte sprach Schriftstellerkollegen wie Ludwig Rubiner, Ernst Toller, Oskar Maria Graf und Lion Feuchtwanger an. Das schlug sich in deren Werken nieder. Feuchtwanger schätzte den Roman sogar höher ein als Berlin Alexanderplatz. Nach den anfänglichen Erfolgen geriet das Buch in Vergessenheit. Das war vor allem den nachfolgenden, literarisch noch anspruchsvolleren Romanen Wallenstein und Berlin Alexanderplatz geschuldet. Die spätere Forschung hat sich vor allem mit der Massendarstellung, mit Religion und Mystik, mit der politischen Bedeutung des Wu wei und des gewaltlosen Widerstands sowie mit der literarischen China-Rezeption beschäftigt. In jüngerer Zeit werden auch Bezüge zu Bertolt Brechts epischem Theater untersucht.
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